ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2013Risiko Familiärer Brustkrebs: Jeder Fall ist anders zu bewerten

POLITIK

Risiko Familiärer Brustkrebs: Jeder Fall ist anders zu bewerten

Dtsch Arztebl 2013; 110(21): A-1020 / B-896 / C-887

Zylka-Menhorn, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Bei Mutationen der Brustkrebsgene BRCA1 und BRCA2 wird das individuelle Krebsrisiko durch eine interdisziplinäre Beratung präzisiert. Welche Maßnahmen als Prävention letztlich ausgewählt werden, bleibt eine persönliche Entscheidung.

Angelina Jolie hat ihre Entscheidung bereits getroffen und sich als Konsequenz aus einem Mutationsnachweis im Brustkrebsgen BRCA1 bilateral mastektomieren lassen. „Dieses Vorgehen kann jedoch keinesfalls als Exempel für alle Frauen gelten, die ein mutiertes BRCA1-Gen haben“, lautet die Kernbotschaft von Priv.-Doz. Dr. med. Kerstin Rhiem, Leitende Oberärztin am Zentrum für Familiären Brust- und Eierstockkrebs der Uniklinik Köln. Doch welche Möglichkeiten respektive Alternativen standen der US-Schauspielerin in ihrer Situation zur Verfügung?

Wie aus der Presse zu erfahren war, ist Jolies Mutter im Alter von 56 Jahren an Brustkrebs gestorben. Ihre gesunde Tochter wollte erfahren, ob sie möglicherweise erblich belastet ist, und ließ einen Gentest durchführen. Dabei wurde eine Mutation in dem autosomal-dominant vererbten Hochrisikogen BRCA1 festgestellt (eKasten 1). Die Ärzte berechneten, dass Jolie ein statistisches Risiko von etwa 80 Prozent hat, an einem Mammakarzinom und von circa 60 Prozent, an einem Ovarialkarzinom zu erkranken – Zahlen, die sicherlich jede Frau erschrecken und den Wunsch nach Prävention aufkeimen lassen.

Anzeige

Spezialisierte Beratung

Betroffene haben dann die Wahl, an einem intensivierten Früherkennungsprogramm teilzunehmen (eKasten 2) oder eine bilaterale Mastektomie und/oder Ovariektomie durchführen zu lassen. Doch wie entscheidet man richtig? In Deutschland können sich Frauen in 15 universitären Zentren, die in einem Konsortium zusammenarbeiten, zu Fragen des familiären Brust- und Eierstockkrebses beraten lassen (eKasten 3). Dazu gehört auch die Frauenklinik der Universität Köln. Wie Rhiem dem Deutschen Ärzteblatt berichtet, sind in diesen Zentren seit 1996 mehr als 28 000 Personen aus 18 000 Familien beraten worden. „Die durchschnittliche Auffindungsrate von Veränderungen in den beiden Hochrisikogenen BRCA1 und BRCA2 in belasteten Familien beträgt circa 25 Prozent“, so Rhiem. Die Entscheidung, welche präventiven Maßnahmen eine Mutationsträgerin in Anspruch nimmt, sei individuell ganz verschieden.

„Durch die intensivierte Früherkennung wird in 85 Prozent der Fälle Brustkrebs früh erkannt, das heißt in einem heilbaren Stadium. Diese stellt für viele Frauen eine Alternative zur prophylaktischen Brustdrüsenentfernung dar. Ziel der nichtdirektiven, interdisziplinären Beratung unter Einbeziehung von Psycho-Onkologen ist es, die Ratsuchenden in die Lage zu versetzen, eine selbstbestimmte informierte Entscheidung für beziehungsweise gegen eine prophylaktische Operation zu treffen“, sagt Rhiem. Die meisten Frauen, die sich für eine prophylaktische Operation entscheiden, seien bereits auf einer Seite an Brustkrebs erkrankt und möchten eine erneute Chemotherapie vermeiden.

Frauen mit Mutationen der Gene BRCA1 und/oder BRCA2 haben zudem ein deutlich erhöhtes Risiko, ein Ovarialkarzinom zu entwickeln. Für diesen Tumor gibt es jedoch keine effiziente Früherkennungsmethode. Die prophylaktische Entfernung der Eierstöcke und Eileiter um das 40. Lebensjahr senkt laut Rhiem das Ovarialkarzinomrisiko auf ein bis zwei Prozent und halbiert das Brustkrebsrisiko.

Grundsätzlich steht hinter dem Wunsch nach der Vorbeugung immer die Frage, ob überhaupt wirksame Präventionsmaßnahmen zur Verfügung stehen. „Daneben ist zu bedenken, dass sich auch heute noch Erkrankungsrisiken nicht immer verlässlich abschätzen lassen“, sagt Prof. Dr. med. Rita Schmutzler, Leiterin des Kölner Zentrums (Dtsch Arztebl 2012; 109[26]: A-1371). Die Gynäkologin plädiert für einen verantwortungsbewussten Umgang mit einem eventuell erhöhten Risiko, damit daraus abgeleitete Maßnahmen nicht mehr Schaden als Nutzen anrichten. „Die rasanten Entwicklungen auf dem Gebiet der prädiktiven Gendiagnostik müssen in ein strukturiertes Präventionsforschungskonzept eingebunden werden. Der Kurzschluss, aus einem erhöhten Erkrankungsrisiko unmittelbar einen klinischen Handlungsbedarf abzuleiten, ist falsch und potenziell gefährlich“, warnt Schmutzler.

Wenn der Gentest negativ ist

Wird keine Veränderung in einem der bisher bekannten Brustkrebsgene gefunden, kann ratsuchenden Frauen keine endgültige „Entwarnung“ gegeben werden, denn BRCA1/2 sind nur für etwa 50 Prozent der erblich bedingten Mammakarzinome verantwortlich. „In diesem Fall richtet sich unsere Empfehlung zur Prävention nach dem statistischen Risiko, welches wir mit einem standardisierten und computerbasierten Risikokalkulationsprogramm bestimmen. Ein hohes Risiko liegt vor, wenn das Lebenszeitrisiko zu erkranken größer als 30 Prozent ist oder das Risiko für eine Anlageträgerschaft für eine Mutation über 20 Prozent liegt“, berichtet Rhiem.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

@eKästen:
www.aerzteblatt.de/131020

Intensiviertes Früherkennungsprogramm

Das intensivierte Früherkennungsprogramm umfasst folgende Untersuchungen:

  • regelmäßige Selbstuntersuchung der Brust nach ärztlicher Einweisung (ab dem 25. LJ)
  • Untersuchungen in sechsmonatigem Abstand
  • ärztliche Tastuntersuchung der Brust (ab dem 25. LJ)
  • Ultraschalluntersuchung der Brust (mindestens 7,5 MHz, ab dem 25. LJ)
  • Untersuchungen in einjährlichem Abstand
  • Kernspintomographie der Brust (25.– 50.LJ)
  • Mammographie der Brust (ab dem 30. LJ jährlich)

Indikation zur genetischen Testung

Bei den folgenden Familienkonstellationen ist eine genetische Testung der Gene BRCA1 und BRCA2 indiziert. Die Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen einer Mutation beträgt bei diesen Konstellationen mehr als 10%. Hierunter fallen Familien mit

  • mindestens drei an Brustkrebs erkrankten Frauen unabhängig vom Alter
  • mindestens zwei an Brustkrebs erkrankten Frauen, von denen eine vor dem 51. Lebensjahr (LJ) erkrankt ist
  • mindestens einer an Brust- und einer an Eierstockkrebs erkrankten Frau
  • mindestens einer an Brust- und Eierstockkrebs erkrankten Frau
  • mindestens zwei an Eierstockkrebs erkrankten Frauen
  • mindestens einer an beidseitigem Brustkrebs erkrankten Frau mit einem Ersterkrankungsalter vor dem 51. LJ
  • mindestens einer an Brustkrebs erkrankten Frau vor dem 36. LJ
  • mindestens einem an Brustkrebs erkrankten Mann.

Zentren Familiärer Brust- und Eierstockkrebs

Nachfolgend haben wir für Sie die 15 Zentren für Familiären Brust- und Eierstockkrebs zusammengestellt. Weitere Informationen finden Sie auch auf der Website der Deutschen Krebshilfe e.V.

Berlin

Charité – Universitätsmedizin Berlin
Brustzentrum

Charitéplatz 1, 10117 Berlin

Projektleiter: Prof. Dr. Ulrich Bick

Termine für Betroffene:
Telefon: +49 30 450-564272

Düsseldorf

Frauenklinik der Medizinischen Einrichtungen der Universität Düsseldorf
Moorenstraße 5, 40225 Düsseldorf

Projektleiterin: Frau Dr. Karin Zweifel,
Dr. Dieter Niederacher

Termine für Betroffene:
Telefon: +49 211 811-7503 oder -7540

Dresden

Medizinische Fakultät der TU Dresden

Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe

Fetscherstraße 74, 01307 Dresden

Projektleiter: Prof. Dr. Wolfgang Distler

Termine für Betroffene:
Telefon: +49 351 458-2864

Göttingen

Universitäts-Medizin Göttingen, Brustzentrum, Gynäkologisches Krebszentrum

Robert-Koch-Straße 40, 37075 Göttingen

Projektleiter: Prof. Dr. Günter Emons

Termine für Betroffene:
Telefon: +49 551 396516

Hannover

Medizinische Hochschule Hannover

Carl-Neuberg-Straße 1, 30625 Hannover

Projektleiterin: Prof. Dr. Brigitte Schlegelberger

Termine für Betroffene:
Telefon: +49 511 5324529

Heidelberg

Institut für Humangenetik der Universität
Heidelberg

Im Neuenheimer Feld 328, 69120 Heidelberg

Projektleiter: Prof. Dr. Claus R. Bartram

Termine für Betroffene: Telefon: +49 6221 565087

Kiel

Universitätsfrauenklinik Kiel

Michaelisstr. 16, 24105 Kiel

Projektleiter: Prof. Dr. Walter Jonat

Termine für Betroffene:
Telefon: +49 431 59720-71 oder -77

Köln/Bonn

Universitäts-Frauenklinik Köln

Kerpener Straße 34, 50931 Köln

Projektleiterin: Prof. Dr. Rita Schmutzer

Termine für Betroffene:
Telefon: +49 221 478-86509

Leipzig

Institut der Humangenetik der Universität Leipzig

Philipp-Rosenthal-Straße 55, 04103 Leipzig

Projektleiterin: Dr. Susanne Briest

Termine für Betroffene:
Telefon: +49 341 9723800

München

Klinikum Rechts der Isar der Technischen Universität München – Frauenklinik

Ismaninger Straße 22, 81675 München

Projektleiter: Prof. Dr. Alfons Meindl

Termine für Betroffene:
Telefon: +49 89 4140-2446 oder
089 7095-7571

Münster

Institut für Humangenetik der Universität Münster

Vesaliusweg 12–14, 48149 Münster

Projektleiter: Prof. Dr. Peter Wieacker

Termine für Betroffene: Telefon: +49 251 8355413

Regensburg

Universität Regensburg, Institut für Humangenetik

Franz-Josef-Strauss-Allee 11,
93053 Regensburg

Projektleiter: Prof. Dr. Bernhard Weber

Termine für Betroffene:
Telefon: +49 941 944-5410

Tübingen

Universität Tübingen, Institut für Humangenetik

Calwerstraße 7, 72076 Tübingen

Projektleiter: Prof. Dr. Olaf Riess

Termine für Betroffene:
Telefon: +49 7071 29-76458

Ulm

Frauenklinik und Poliklinik der Universität Ulm

Prittwitzstraße 43, 89075 Ulm

Projektleiter: Prof. Dr. Rolf Kreienberg

Termine für Betroffene:
Telefon: +49 731 5002-7606

Würzburg

Institut für Humangenetik der Universität Würzburg

Am Hubland, 97074 Würzburg

Projektleiter: Prof. Dr. Timo Grimm

Termine für Betroffene:
Telefon: +49 931 888-4084

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema