ArchivDeutsches Ärzteblatt44/1998Nobelpreise: Den vierten beißen die Hunde

POLITIK: Kommentar

Nobelpreise: Den vierten beißen die Hunde

Koch, Klaus

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LNSLNS Rudi Busse, Professor für Physiologie an der Universität Frankfurt/Main, fährt in diesen Tagen mit Unbehagen auf ein Expertentreffen zu Stickstoffmonoxid (NO) nach Paris. Nachdem drei amerikanische Kollegen - Ferid Murad, Robert Furchgott und Louis Ignarro - den Medizin-Nobelpreis für die Erforschung des Gases erhalten haben, gäbe es eigentlich Anlaß zu feiern. Doch auf die Stimmung drückt, daß die Tagung von dem aus Honduras stammenden Salvador Moncada organisiert ist, für den der Tag der Bekanntgabe des Nobelpreises eine "Enttäuschung" war. "Zu Recht", findet Busse. "Moncada hätte als vierter Wissenschaftler den Preis verdient. Doch weil die Nobelpreis-Statuten die Zahl auf maximal drei begrenzen, ist er wohl hinten heruntergefallen."
Dabei sei unbestritten, daß ein Großteil des Wissens über die Wirkungen des Gases vor allem auf den Einsatz Moncadas zurückgeht. Das kurzlebige NO regelt Blutdruck, Blutgerinnung, Potenz, eventuell Lernprozesse im Gehirn, und es wird vom Immunsystem eingesetzt. Seine andere Seite ist, daß zuviel des aggressiven Gases bei Schlaganfall und Alzheimer-Krankheit eine Rolle zu spielen scheint. "Es gibt kaum ein Organ, in dem NO keine Rolle spielt", sagt der Kreislaufforscher Busse. Die drei US-Pharmakologen, die den Nobelpreis am 10. Dezember in Stockholm entgegennehmen werden, waren vor allem an der frühen Phase der NO-Forschung beteiligt. Ferid Murad (62), der heute an der Universität Texas in Houston arbeitet, hatte 1977 entdeckt, daß bestimmte Muskelzellen erschlaffen, wenn sie mit dem Gas in Berührung kommen. Er hatte jedoch nicht belegen können, daß diese Beobachtung praktische Bedeutung hat. Das Gebiet, auf dem NO wichtig werden sollte, eröffnete erst Robert Furchgott. Der 82jährige Emeritus hatte 1980 beobachtet, daß das Endothel der Blutgefäße einen Stoff freisetzen kann, der die Gefäße schlagartig erweitert. "Seine Entdeckung löste eine Jagd auf diesen Faktor aus", erinnert sich Busse. Es sollte weitere sieben Jahre dauern, bis Furchgott gleichzeitig mit Louis Ignarro (Los Angeles) - er ist mit 57 Jahren der jüngste Preisträger - herausfand, daß der mysteriöse Faktor sehr wahrscheinlich NO ist. Busse erinnert sich noch an die Tagung, auf der Furchgott und Ignarro 1986 die Referate hielten, in denen sie NO zum Kandidaten kürten. Auch Moncada hatte in den Vorträgen gesessen. Er war es dann, der nach der Rückkehr in sein Labor den sicheren Beweis lieferte, daß Endothelzellen tatsächlich NO herstellen: "Erst nach Moncadas Arbeit waren wir restlos überzeugt, daß ein Gas Signale im Körper vermitteln kann", sagt Busse. "Die Bedeutung seiner Arbeit darf man deshalb nicht herunterreden."
Moncadas Nachteil war aber vermutlich, daß er sich erst recht spät an die Arbeit gemacht hat, nachdem die Hinweise auf NO bereits drückend waren. Moncada hat dann aber das Feld "an sich gezogen und vorangetrieben", so Busse. Allerdings könnte hinter der Tatsache, daß der Brite vom Nobel-Komitee übergangen wurde, auch eine Lehre für künftige Nobelpreisträger stecken. Er habe sich nicht unbedingt Freunde unter den Mitgliedern des Nobel-Komitees geschaffen, glaubt Busse. "Manchmal hat Moncada nicht deutlich genug betont, daß die Grundideen nicht von ihm stammten."
Besonders tragisch für Moncada ist, daß ihm der Nobelpreis bereits 1982 knapp entgangen ist. Damals hatte das Komitee dem Briten John Vane für die Entdeckung der Prostazykline die Ehrung zugesprochen. Auch damals war Moncada, der im Labor von Vane die entscheidenden Experimente durchgeführt hatte, zugunsten zweier anderer Wissenschaftler übergangen worden.
Zum zweiten Mal auf dem unglücklichen vierten Platz zu stehen erklärt die Art, wie Moncada seiner Enttäuschung Luft machte. Gegenüber der Nachrichtenagentur dpa warf der Forscher dem Komitee vor, er sei benachteiligt worden, weil hinter den US-Forschern die bessere Medien- und Marketing-Maschinerie gestanden hätte. Auch wenn die Argumente, mit denen der enttäuschte Forscher reagierte, ihm wohl wenig Sympathien einbringen, zeigen sie, warum die Dreier-Grenze für den Nobelpreis heikel werden kann: Jedesmal, wenn sich das Komitee durch den Zwang zur Begrenzung der Zahl der Preisträger den Vorwurf der Willkür einhandelt, leidet die Ausstrahlung des Preises.
So ist es bezeichnend, daß sich hinter dem diesjährigen Physik-Nobelpreis eine ähnliche Geschichte verbirgt. Es waren drei Wissenschaftler, denen 1982 in einem Experiment eine seltsame Verhaltensweise von Elektronen aufgefallen war: dem Deutschen Horst Störmer, dem in China geborenen Amerikaner Daniel Tsui und dem Amerikaner Arthur Gossard. Doch obwohl letzterer nach Auskunft von Manuel Cardona vom MaxPlanck-Institut für Festkörperphysik in Stuttgart maßgeblich an der Konstruktion des Versuchsapparats beteiligt war, ohne den das Experiment gar nicht möglich gewesen wäre, gehört Gossard nicht zu den Preisträgern.
Vielmehr brauchte das Komitee den dritten Platz für den Amerikaner Robert Laughlin, der 1983 die Theorie nachgeliefert hatte, die das Verhalten der Elektronen erklären konnte. Auch hier sorgt die Dreier-Begrenzung für Kritik: Cardona: "Daß Gossard ausgespart wurde, ist sicherlich nicht fair." Forschung ist längst Gruppenarbeit. Wenn die Statuten des Nobelpreises darauf keine Rücksicht nehmen, wird die Diskussion über vergessene Forscher den Preis in Zukunft begleiten wie ein Schatten. Klaus Koch

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