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Studieren mit Behinderung: Arzt werden: Mit oder trotz Handicaps

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 3/2013: 12

Wulfert, Eugenie

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Medizin studieren mit einer Behinderung? Für viele undenkbar. Oliver Semler hat es trotz Glasknochenkrankheit und mehr als 30 Knochenbrüchen in der Kindheit geschafft.

Er kennt den Krankenhausbetrieb von klein auf: Pädiater Oliver Semler, hier mit seinem kleinen Patienten Benjamin.
Er kennt den Krankenhausbetrieb von klein auf: Pädiater Oliver Semler, hier mit seinem kleinen Patienten Benjamin.

Oliver Semler kommt schon mit Brüchen auf die Welt. Die Diagnose: Osteogenesis imperfecta, die sogenannte Glasknochenkrankheit. Insgesamt erleidet Semler in seiner Kindheit und Jugend etwa 30 Brüche und wird nur 1,40 m groß. Oft ist er im Krankenhaus. „Trotzdem erlebte ich die Ärzte und die Medizin als etwas sehr Positives, weil sie meine Schmerzen lindern konnten“, erinnert er sich. Und so beschließt Semler schon im Alter von zehn Jahren, Arzt zu werden.

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Für ein Studium der Medizin und den Beruf als Arzt war eine Behinderung noch vor wenigen Jahren ein K.-o.-Kriterium. Nicht nur Gerichte und Zulassungsbehörden sehen das heute anders. Es gibt einige ermutigende Beispiele, bei denen behinderte Mediziner nicht nur ihren Beruf ausüben, sondern sogar Karriere gemacht haben. Immer jedoch gehörten ein starker Wille und Durchhaltevermögen dazu.

Teamwork trotz Größenunterschied: Semler mit seinem Kollegen Ernst Rietschel. Fotos: privat
Teamwork trotz Größenunterschied: Semler mit seinem Kollegen Ernst Rietschel. Fotos: privat

„Generell ist es natürlich möglich, mit einer körperlichen Einschränkung – dazu gehören auch chronische Krankheiten – Medizin zu studieren“, sagt Dr. Christine Brandt, Beauftragte für Studierende mit Behinderung und chronischen Krankheiten an der Berliner Charité. Einschränkungen könnte es allerdings später bei der Wahl der Fachrichtung geben, auch wenn es mittlerweile spezielle Hilfsmittel für Diagnostik und Therapie gebe, bis hin zu motorgetriebenen Rollstühlen, die den Arzt so weit aufrichten, dass er praktisch stehend operieren kann.

Auch Oliver Semler musste schnell erkennen, dass er bei der Wahl der Fachrichtung nicht aus dem Vollen schöpfen kann. Da traf es sich gut, dass er sich für Pädiatrie interessierte.

Während des Studiums konnte Semler auf viel Unterstützung und Verständnis zählen, seiner Ansicht nach auch, weil er allen von seiner Wahl, Kinderarzt zu werden, erzählte. „Damit war klar, dass die aufgrund meiner Behinderung problematischen Aufgaben, wie beispielsweise Gleichgewichtstests in der Neurologie oder Einsetzen von Hüftprothesen, später nicht meine tägliche Arbeit ausmachen werden“, sagt Semler. Deshalb rät er allen betroffenen Studentinnen und Studenten, sich frühzeitig für eine passende Facharztrichtung zu entscheiden und diese Wahl zu kommunizieren.

Es gibt unterschiedliche Behinderungsarten, dementsprechend unterscheiden sich auch die Probleme, die während des Studiums auftauchen. Je nach Unigelände erfordert zum Beispiel eine Mobilitätseinschränkung relativ viel Planung und Koordination. „Das Unigelände in Köln ist sehr weitläufig“, berichtet Semler. Eine größere Entfernung in 15 Minuten, die zwischen den Vorlesungen bleiben, zu bewältigen, ist für einen Fahrradfahrer keine Herausforderung. „Für jemanden mit eingeschränkter Mobilität ist es mühsam und erfordert Alltagsplanung“, weiß Semler aus eigener Erfahrung.

Sollten Studierende ihre Probleme nicht allein oder durch Gespräche mit Lehrenden lösen können, sind die Behindertenbeauftragten der Universitäten die Ansprechpartner, die sich bemühen, individuelle Lösungen zu finden. „So ist auch eine Arbeitsassistenz für behinderte Studierende möglich, wenn im Rahmen des Studiums Arbeiten zu erledigen sind, die ihnen selbst aufgrund ihrer Behinderung schwerfallen oder unmöglich sind“, erzählt die Charité-Behindertenbeauftragte Brandt.

Mittlerweile ist Dr. med. Oliver Semler 38 Jahre alt und kann schon jetzt auf eine beachtliche Karriere zurückblicken. Heute praktiziert er als Kinderarzt in der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik Köln. Im Februar 2012 erhielt er den Eva-Luise-Köhler-Forschungspreis für seltene Erkrankungen. Der Forscher entdeckte zusammen mit einem interdisziplinären Team eine neue Form der Glasknochenkrankheit und erforscht nun die Wirkung einer neuartigen medikamentösen Therapie.

Bei seiner Arbeit als Kinderarzt braucht er nur wenig Hilfe: etwa ganz banal beim Aufhängen der Infusionsflaschen oder den Transport von schweren Gegenständen. „Außerdem müssen meine Arztkittel umgenäht werden“, fügt er schmunzelnd hinzu. In Standardgrößen passe er eben nicht. Eugenie Wulfert

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