ArchivMedizin studieren3/2013Studieren im Ausland: Ein Tagesmarsch zum Arzt

Studium: Ausland

Studieren im Ausland: Ein Tagesmarsch zum Arzt

Schmitt-Sausen, Nora

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Deutsche Studierende sind Spitzenmedizin gewohnt. Doch in vielen Ländern arbeiten Ärzte unter ganz anderen Bedingungen. Dies zu erleben, verändert den eigenen Blickwinkel.

8. Teil: Namibia

Foto: iStockphoto
Foto: iStockphoto
Anzeige

Tuberkulose, HIV, schwere Herzfehler: Wer in Afrika arbeitet, der hat es mit Krankheitsbildern zu tun, die er in Deutschland in dieser Form und Häufigkeit wohl nie behandeln würde. Auch die Ausstattung der Krankenhäuser ist kaum mit westlichem Standard vergleichbar: unschickes Ambiente, kaum Privatsphäre, wenige und veraltete Geräte. Desinfektionsmittel und Mundschutz gehören immer griffbereit in die Hosentasche. Dennoch: Jill Möller, 27, zögerte nicht lange, als ihre Heimatuniversität Lübeck sie auf eine neue Kooperation mit der Universität in Namibias Hauptstadt Windhoek aufmerksam machte. Im Frühsommer 2012 arbeitete sie drei Monate im Katutura State Hospital. Sie hat diese Entscheidung keinen Tag bereut.

Bei der täglichen Visite wurde jeder Patient vom Team intensiv besprochen. Möllers Meinung war immer gefragt: What about the German? Später in der Notaufnahme versorgte die Studentin die Patienten selbstständig. Aus Mangel an diagnostischen Geräten schärfte sich der pure Blick für den Patienten. „Es hat mich nachhaltig beeindruckt, wie viel man über einen Menschen erfahren kann, wenn man seine fünf Sinne einsetzt.“

Der Bedarf an Versorgung ist groß: Vor der Klinik bildete sich jeden Morgen eine lange Schlange – mehr als 100 Patienten warteten täglich auf eine Behandlung. Denn: Namibias Gesundheitsversorgung ist lückenhaft, gerade auf dem Land. Viele Patienten haben weite Wege hinter sich, bis sie in Windhoek ankommen. Sie sind stundenlang, manchmal tagelang unterwegs, um sich behandeln zu lassen. Und sie kommen oft erst dann, wenn die Krankheit sehr ausgeprägt ist. „Solch fortgeschrittene Krankheitsbilder wie hier habe ich in Deutschland noch nie gesehen. Es gab Herzen, die den ganzen Brustraum ausgefüllt haben.“ Doch aufgenommen wird nur derjenige, bei dem es wirklich notwendig ist. Die Patienten zahlen einen einmaligen, kleinen Obolus für die Behandlung, mehr nicht. Nur wer richtig Geld in der Tasche hat, kann sich eine private Versorgung leisten. Das sind aber die wenigsten.

Ein Foto mit Seltenheitswert: Bei einem Marktbesuch legte eine Mutter Jill Möller ihr Baby in den Arm. In der Gegend lassen sich Weiße sonst kaum sehen.
Ein Foto mit Seltenheitswert: Bei einem Marktbesuch legte eine Mutter Jill Möller ihr Baby in den Arm. In der Gegend lassen sich Weiße sonst kaum sehen.

Das lückenhafte Versorgungsnetz sowie große Defizite in Bildung und gesundheitlicher Aufklärung machen auch die Nachsorge schwer. „Die Ärzte sagen den Leuten immer wieder, dass sie ihre Tuberkulose-Medikamente auch dann noch nehmen müssen, wenn sie nicht mehr husten. Aber man weiß eigentlich, dass sie es nicht tun. Sobald sie wieder zu Hause sind und der Husten nachlässt, nehmen sie die Tabletten nicht mehr.“

Möllers Zuhause war in Windhoek das Gartenhäuschen eines deutschen Ehepaars. Über sie lernte sie viele andere Deutsche kennen. Die Kluft zwischen Schwarzen und Weißen sei jedoch jederzeit spürbar. Die Wohngegenden der Weißen sind abgeriegelt: Zäune, Hunde, Sicherheitsanlagen.

Doch die Lübeckerin ist auch abseits des Krankenhauses nahe an der Bevölkerung gewesen. Zweimal in der Woche hat sie in einer öffentlichen Einrichtung die After-School-Betreuung begleitet. „Ich durfte die Kinder medizinisch unterrichten, und wir haben zum Beispiel die Organe gelernt. Das absolute Highlight war mein Stethoskop. Die Kinder waren so überrascht, ihren eigenen Herzschlag zu hören.“

Natürlich: Möller hat Namibia ebenfalls abseits der Medizin kennengelernt und die weite Natur und artenreiche Tierwelt erkundet. An langen Wochenenden und nach Ende des Tertials reiste sie durch das Land. Auch dabei hat sie Besonderes erlebt: Auf einer Reise teilte sie sich ihren Schlafplatz mit einer Herde Elefanten, die laut fressend die ganze Nacht um das Auto herumschlichen. Bei einer anderen Tour war es brenzlig – was sie und ihre Mitreisenden aber zum Glück erst im Nachhinein erfuhren. Die Überwachungskamera des Parkwächters enthüllte, dass die Truppe ihr Zelt inmitten einer 14-köpfigen Löwenfamilie aufgeschlagen hatte.

Gerade die Extreme ihres Namibia-Aufenthaltes sind bei Möller haftengeblieben. Am Katutura State Hospital musste ein Programm für herzkranke Kinder aus Mangel an Geld geschlossen werden. Nur wenige Meter neben dem Krankenhaus wurde in einem schicken Gebäude üppiger Marmor verbaut. Diese harten Gegensätze seien für sie manchmal schwierig gewesen, erzählt Möller. Noch einmal in einem Entwicklungsland zu arbeiten, kann sie sich dennoch gut vorstellen. Allerdings: Nur auf Zeit, keinesfalls für immer. „Ich glaube, irgendwann wäre ich sehr frustriert, denn die nachhaltige Arbeit ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“

Der Aufenthalt in Namibia hat der Studentin geholfen, ihre Maßstäbe daheim geradezurücken. „Ich rege mich nicht mehr über Kleinigkeiten auf und habe gelernt, zufriedener mit dem zu sein, was ich habe.“ Und noch etwas: Afrika habe ihr gezeigt, wie viel mehr es im Leben zu entdecken gibt – außerhalb des von Hektik geplagten Alltags eines Mediziners. Nora Schmitt-Sausen

Nach Afrika ÜBER DIE UNI - Was ist zu beachten?
DIE FÜNF WICHTIGSTEN PUNKTE

1. Mit wem kooperiert meine Universität?

Informationen darüber, mit welchem Land die Heimat-Universität für Auslandsaufenthalte kooperiert, sind in der Regel sehr ausführlich auf der Homepage der Uni zu finden. Viele Universitäten haben extra Anlaufstellen in Form von Internationalen Büros.

2. Papierkram

An einer Bewerbung mit Motivationsschreiben (ein bis zwei Seiten), Lebenslauf und gegebenenfalls Belegen über Studienleistungen und Sprachkenntnisse kommt niemand vorbei. Bei vielen Einrichtungen gehört es dazu, dass die Studenten nach ihrer Rückkehr einen Erfahrungsbericht verfassen.

3. Organisatorisches

Wer plant, ins Ausland zu gehen, sollte sich gut ein Jahr vorher Gedanken machen. Beratungsabende und Sprechstunden helfen bei der Entscheidung. Auf die To-do-Liste gehören zwingend Stichworte wie: Flug und Unterkunft, Visum, Kostenkalkulation, Auslandskrankenversicherung, Sprache. Ganz wichtig: Anerkennungsfragen klären.

4. Finanzspritze sichern

Die Heimatuniversität kann dabei helfen, finanzielle Hilfe für den Auslandsaufenthalt zu organisieren. Beispielsweise über die PROMOS-Initiative des Deutschen Akademischen Austauschdienstes oder das PAGEL-Programm. Einige Universitäten unterstützen ihre Studenten mit einem Zuschuss.

5. Besonderheiten bei Exoten

Wer in ein Land wie Namibia reist, der muss sich vorab zwingend mit Gesundheitsfragen beschäftigen: Impfungen gegen Hepatitis A und B, Tetanus/Diphtherie und Pertussis sind ohnehin ein Muss. Abwägen: Typhus, Cholera, Tollwut. Ins Gepäck gehören Malaria-Prophylaxe und Desinfektionsmittel.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote