ArchivDeutsches Ärzteblatt3/1996ICD-10: Mehr als eine lästige Pflicht?

POLITIK: Kommentar

ICD-10: Mehr als eine lästige Pflicht?

Driesch, Peter von den

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LNSLNS Der Bereich psychische Störungen (Kapitel F) verändert mit der Einführung des ICD-10 zum 1. Januar 1996 sein Gesicht beachtlich. So häufige Krankheitsbezeichnungen wie "Angstneurose", "larvierte", "endogene" oder "reaktive Depression" beispielsweise werden der Vergangenheit angehören.


Mit Einführung der ICD-10 werden die Nomenklatur und die gesamte Krankheitsbetrachtung für diese und für eine Vielzahl weiterer psychischer Krankheiten grundlegend verändert. Die Änderungen betreffen unter anderem das gesamte Krankheitskonzept der Neurosenlehre, das komplett fallengelassen wird zugunsten einer rein deskriptiven, phänomenologisch ausgerichteten Betrachtungsweise von Krankheitsbildern.
Diese Betrachtungsweise ist auf die Beschreibung und Erfassung von vergleichsweise einfach erhebbaren Krankheitsmerkmalen, Symptomen und Beschwerden ausgerichtet, ein Prinzip, das der symptomorientierten Arbeitsweise in der Praxis niedergelassener Ärzte entgegenkommt. Symptome und Beschwerden werden durch Diagnoseleitlinien zu Krankheitsbildern zusammengefaßt und mit einem ICD-10-Schlüssel versehen.
Dabei sind beide Teile der Neuordnung, sowohl die Beschreibung von Störungen in Form von Krankheitsbildern als auch die Erarbeitung eines Diagnoseleitliniensystems, bislang im deutschen Sprachraum überraschend wenig diskutiert worden – und das, obwohl hier weitreichende Veränderungen für einen wichtigen ärztlichen Arbeitsbereich eingeführt wurden. Dies sollte korrigiert werden.
Ein typisches Ergebnis der mit der ICD-10-Einführung verbundenen Gedanken macht die Diagnoseleitlinie für Depressive Episoden (Bereich F 32) deutlich. Eine "leichte, depressive Episode" (F 32.0) wird nach ICD-10 diagnostiziert, wenn aus einer vorgegebenen Symptomenauswahl von drei Leit- und sieben Begleitsymptomen jeweils zwei Symptome vorhanden sind und die Symptomatik mindestens zwei Wochen dauert: Die ICD-10Psychiatrie knüpft die Vergabe von Krankheitsbildbezeichnungen an das Vorhandensein bestimmter Leit- und Begleitsymptome und fordert häufig auch eine gewisse Mindest- oder Höchstdauer der Störung ein.
Eine "leichte" depressive Episode hat somit einen klar umrissenen Krankheitswert und wird von mittelgradigen oder schweren depressiven Episoden abgegrenzt, bei denen weitere Symptome vorliegen müssen. Ob die depressive Symptomatik auf Persönlichkeitsmerkmale oder andere Phänomene zurückgeht, ist für die Vergabe des ICD-10-Codes und sein Krankheitsverständnis unerheblich, nosologische Bewertungen bleiben außen vor.


Hohe Meßlatte
Bereits dieses Beispiel läßt das Ausmaß der weitgehenden, von den psychiatrischen Fachgesellschaften vorgesehenen Veränderungen erkennen. Sich zusätzlich zu den komplexen Veränderungen in anderen Bereichen der ICD-10 auf völlig neue Definitionen bei wichtigen psychischen Erkrankungen einstellen zu müssen ist eine hohe Meßlatte für die Tagesarbeit in der Praxis. Die Forderung des Gesetzgebers, alle Diagnosen auf Arbeits­unfähigkeits­bescheinigungen, GKV-Abrechnungsunterlagen, Notfallscheinen, Vertretungsscheinen und Überweisungen an den Hausarzt nach ICD-10-Nomenklatur zu verschlüsseln, führt jedoch auch hier zu einem eindeutigen Resultat: Die Veränderungen im Bereich der Psychiatrie müssen zum 1. Januar 1996 in die Codierungsaktivitäten eingebracht werden.
Der Vertragsarzt wird in einer maßstabgerechten Begründung den veranlaßten Leistungen durch entsprechende ICD-10-Ziffern ein deutliches Eigeninteresse entgegenbringen. Wer nämlich die Codierung der Diagnosen mittelfristig als einen Schritt in Richtung auf eine erhöhte Informationstransparenz im Bereich der ambulanten Medizin auffaßt, wird die Codierungspflicht bereits jetzt ernst nehmen.
Es lassen sich aber auch maßgebliche, qualitative Gesichtspunkte für eine Übernahme der Neuerungen im Bereich der Psychiatrie erkennen. Zum einen beruht die neue Betrachtungsweise psychischer "Störungen" – so die neue Nomenklatur – auf einer weltweit akzeptierten Weiterentwicklung des Erkenntnisstandes in diesem Fachbereich. Eine Berücksichtigung dieser neuen Erkenntnisse im Bereich der ambulanten medizinischen Versorgung stellt somit auch einen Fortschritt und einen Qualitätsgewinn dar. Die Übernahme der Neuerungen in die Praxisarbeit fällt dabei nicht sehr schwer, da die neuen Diagnoseleitlinien bei den häufigsten Krankheitsbildern (zum Beispiel depressive Episoden, generalisierte Angststörungen, nichtorganische Insomnie) alltagsgerecht aufgearbeitet wurden.
Zum zweiten ergeben sich aus der Ordnung der ICD-10-Psychiatrie eine Reihe von Vereinfachungen, die gerade wiederum die in der Praxis häufigen Krankheitsbilder einbeziehen. So wird die oft schwierige Unterscheidung zwischen einer "reaktiven" und einer "endogenen" Depression, die therapeutisch ohnehin von zweifelhafter Relevanz ist, künftig entfallen und durch die beschreibende Bezeichnung "Leichte, mittelgradige oder schwere depressive Episode" ersetzt. Insbesondere solche Vereinfachungen dürften sich günstig auf die Akzeptanz der neuen Psychiatrie im ambulanten Bereich auswirken.
Für den Hausarzt hilfreich ist es, daß er sich unter Praxisalltagsbedingungen zumeist auf acht bis zehn wichtige Diagnoseschlüssel dieses Bereiches beschränken kann und damit mehr als 80 Prozent der für ihn relevanten Krankheitsbilder und psychiatrischen Beratungsanlässe einordnen kann. Die wichtigsten Ziffern:
F32.0 = leichte depressive Störung
F32.1 = mittelgradige depressive Episode
F33.0 = rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode
F33.1 = rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode
F41.1 = generalisierte Angststörung
F41.2 = Angst und Depression gemischt
F43.2 = Anpassungsstörungen
F45.0 = Somatisierungsstörungen
F51.0 = Nichtorganische Insomnie
Dr. med. Volker von den Driesch

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