ArchivDeutsches Ärzteblatt18/1996Die letzte Lebensstufe: Das hohe Alter

VARIA: Feuilleton

Die letzte Lebensstufe: Das hohe Alter

Löwen, Heinz

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LNSLNS Medizinstudent Bastian fragt seinen 85jährigen Großvater Old Henry nach dem subjektiven Erleben des hohen Alters. Old Henry berichtet unter anderem über seine Vergeßlichkeit, die Einsamkeit und das Abschiednehmen.


Bastian: Wann beginnt eigentlich das sogenannte hohe Alter, Old Henry?
Old Henry: Mit siebzig ist man alt, ab achtzig im höheren und so ab Mitte der Achtziger im hohen Lebensalter. Dann ist man ein Greis.
B: Ich höre in den Vorlesungen viel von den somatischen und psychischen Veränderungen im Alter – meist von Dozenten, die selbst erst im mittleren Lebensalter stehen. Wie erlebt er selbst, der Greis, sein Altsein subjektiv?
H: Der Kern des menschlichen Individuums, das eigentliche von Körper und Seele geformte "Ich", bleibt beim Altwerden unverändert bestehen. Aber sonst ändert sich manches in den letzten Jahrzehnten – man ist ja länger alt, als man jung ist.
B: Was stört denn am meisten im hohen Alter?
H: Auch ohne Krankheiten ist man dem physiologischen und psychosomatischen Abbau preisgegeben. Die Körperkräfte lassen nach, der Gang wird unsicherer, die Fallneigung größer, die Gelenke sind vermindert belastbar. Hören und Sehen sind mehr oder weniger beeinträchtigt. Bliebe es bei dem, was man mit Brille und Stock und mit Langsamertreten teilweise kompensieren kann, es wäre das Schlimmste nicht. Im Alltag schon lästiger ist die Störung der Merkfähigkeit bei gut erhaltenem Langzeitgedächtnis. Du stehst am Bücherschrank und weißt nicht mehr, welches Buch du suchst, andere müssen dich an das erinnern, was du selbst noch vor ein paar Tagen gesagt oder getan hast. Immerhin kann man mit diesen leichten Störungen der Erinnerung noch ganz gut zurechtkommen – manchmal mit Merkzettel und Schreibstift. Sie haben mit dem totalen Gedächtnisausfall beim Morbus Alzheimer absolut nichts zu tun. Das kann am besten der beurteilen, der solche Kranke selbst betreut hat.
B: Ist das alles, was den Greis bei der Alltagsbewältigung stört?
H: Leider nein. Lästiger als die milden Gedächtnisstörungen ist die häufige Einschränkung der Vigilanz. Jeder kennt das Bild: die Greisin sitzt mit Strickstrumpf im Sessel – und schläft. Diese Müdigkeit ist der Ausdruck nachlassender Hirnfunktion. Sie kann mit dem Willen kaum und mit Medikamenten nur vorübergehend bekämpft werden.
B: Vergeßlichkeit und Müdigkeit – verursachen diese beiden zusammen nicht ein resignatives Verhalten zu den Menschen und letztlich auch zu sich selbst?
H: Kaum. Nach und nach erkennst du die Waffen, die du zur Abwehr fast jeder Resignation benötigst, die verhüten, daß du das Leben "wie einen leeren Schubkarren vor dir herschiebst".
B: Wie geheimnisvoll, Old Henry. Was sind das für Waffen?
H: Eine gewisse Gelassenheit gehört dazu, die angeborene oder erworbene Fähigkeit, sich nicht allzu leicht aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen, außerdem eine gute Portion Selbstvertrauen, die Sicherheit, auch diese höchste Stufe der Lebensleiter mit Würde bewältigen zu können. Diesen Dreiklang: Aktivitäten, Gelassenheit und Selbstvertrauen würze ich dann noch bisweilen – so wie das Steak mit Pfeffer – mit einer guten Prise Trotz. Alt sein? Na, wenn schon!
B: Und wie ist das Ergebnis? Bist du glücklich dabei?
H: Glücklich? Na ja, meistens schon, aber doch nicht immer. Ich tröste mich dann mit den Erkenntnissen der Psychiatrie: ewig glücklich sind nur die Schwachsinnigen.
B: Leidest du auch an den Eigenschaften, die man dem Alter gerne nachsagt – an Unordnung, Geiz und Eitelkeit?
H: Ich glaube nicht, aber ich weiß es nicht ganz sicher. Du selbst mußt diese Frage beantworten – du kennst mich ja lange und gut.
B: Was hat dich in den letzten Jahren am meisten getroffen, Old Henry?
H: Das war der Tod meiner lieben Frau, mit der ich fast 60 Jahre lang glücklich zusammengelebt habe. B: Das ist mir gut verständlich. Seitdem lebst du nun allein und versorgst dich selbst. Ist das schwierig?
H: Manchmal ja, manchmal nein. Ich wollte und will in kein Seniorenheim – wegen meiner Abneigung, meine freie Willensentscheidung äußeren Zwängen unterstellen zu müssen, vielleicht auch, weil der alte Individualist Angst hat vor dem mehr oder weniger nicht vermeidbaren Kontakt mit anderen Menschen, die er sich nicht aussuchen kann. Deswegen lebe ich nun seit einigen Jahren allein in meinem alten Milieu. Ich bin sozusagen ein Single-Greis.
B: Wie verbringst du deine Abende?
H: Die Einsamkeit ist nicht immer leicht zu ertragen. Neben Büchern und Zeitungen (und Musikhören) bietet das Fernsehen mancherlei Zerstreuung und Ablenkung.
B: Das klingt so positiv, neulich hast du doch über das Fernsehen sehr geschimpft. Wo ist deine Kritik geblieben?
H: Hier hast du sie. Ich finde es falsch, daß soviel geprügelt, geschossen und gemordet wird, daß Berichte und Talkshows meist nur zur Illustration von dem dienen, was andere falsch gemacht haben – daß in allzu vielen Sendungen das Sexuelle und Perverse offen oder versteckt den Hintergrund bilden.
B: Wir Jüngeren sehen das wohl etwas anders, aber ich will dir auch nicht ausdrücklich widersprechen. Trotzdem – laß mich noch fragen, was du, wenn du entscheiden müßtest, stärker betonen und herausstellen würdest.
H: Nun – daß wir seit über 50 Jahren im Frieden leben, daß der Gesundheitszustand der Deutschen insgesamt noch nie in der Geschichte so gut war wie heute. Wir sind das Volk mit den kürzesten Arbeitszeiten und den längsten Freizeiten, und Wohlstand und technische Perfektion erleichtern und verschönern uns das Leben pausenlos und auf allen Gebieten.
B: Ich sagte schon, wir Jüngeren können dem nur teilweise zustimmen, aber wir sind tolerant genug, Old Henrys Meinung geduldig anzu-hören. Verlassen wir das Thema, das dich so sehr ausfüllt. Unaufhaltsam geht es auf der letzten Stufe des Lebens auf das endgültige Abschiednehmen zu. Bedrückt dich das sehr?
H: Nein. Das Alter ist eine Notwendigkeit im Laufe des Lebens, es stellt seine Schlußphase dar. Es ist nicht auszudenken, was auf Erden sich abspielen würde, wenn auch nur eine Generation von Menschen unsterblich würde. Für den, der diese Gegebenheiten des Menschen richtig erkannt hat, kann es deshalb nur eines geben: aussteigen und den Zug gelassen weiterfahren lassen, wenn das Ziel erreicht ist.
Dr. med. Carl Heinz Löwe
Deswatinesstraße 53
47800 Krefeld

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