ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2013Kassenärztliche Bundesvereinigung: Rückbesinnung auf Grundwerte

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Kassenärztliche Bundesvereinigung: Rückbesinnung auf Grundwerte

Dtsch Arztebl 2013; 110(22): A-1059 / B-923 / C-919

Maus, Josef

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Normalerweise bestimmen die sogenannten harten berufspolitischen Themen die Diskussionen bei den Ver­tre­ter­ver­samm­lungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Der Einheitliche Bewertungsmaßstab und die Honorarentwicklung, Laborreformen und Arzneimittelregresse – und immer wieder auch die Zusammenarbeit von Haus- und Fachärzten. Dieses Mal, im Vorfeld des 116. Deutschen Ärztetages in Hannover, war das anders. Der Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. med. Andreas Köhler, lenkte den Blick der Delegierten und Gäste auf die eigentlichen Grundsatzfragen der Niedergelassenen (und aller anderen Ärzte): Wie steht es um die ärztliche Selbstbestimmung, wie um die Freiheit des ärztlichen Handelns?

Köhler suchte die Auseinandersetzung „mit einer zunehmend repressiven Sozialpolitik“. Mit einem System, bei dem anscheinend nur noch zählt, was gemessen und vermessen werden kann. Er verwies dabei auch auf den einen Tag später beginnenden Ärztetag und den angekündigten Vortrag des Medizinethikers Prof. Dr. med. Giovanni Maio, der gleichfalls die wachsende Kluft zwischen der ursprünglichen Rolle des Arztes und dessen zunehmender Fremdbestimmung durch ökonomische und standardisierte Vorgaben kritisiert. Bezogen auf das Arbeitsumfeld der Niedergelassenen bedeute dies: Ärztliches Handeln definiere sich nur noch über Verhältniszahlen, Qualitätsindikatoren, Orientierungswerte und Veränderungsraten. Mittlerweile sei es bereits so weit, dass die Ärzte bei dem, was sie tun, in erster Linie den Krankenkassen Rechenschaft ablegen müssten – statt sich selbst oder den Patienten gegenüber.

Dass die KBV, der Köhler vorsteht, ebenfalls in einem nicht geringen Maße Teil des Systems ist, verhehlte er nicht. Wörtlich sagte der KBV-Chef: „Leider haben auch wir als ärztliche Körperschaften diesen Wandel von der versorgenden zur verwaltenden und vermessenden Medizin schon so stark verinnerlicht, dass wir uns nicht nur an die Regeln halten, sondern sogar dazu beitragen, sie zu reproduzieren.“ Dem werden nicht allzu viele niedergelassene Ärztinnen und Ärzte widersprechen. Aber wohl auch nicht dem Appell des obersten Repräsentanten der Vertragsärzte zur Rückbesinnung aller B

Josef Maus, Stellvertretender Chefredakteur
Josef Maus, Stellvertretender Chefredakteur
eteiligten auf die Grundwerte der ärztlichen Selbstbestimmung, auf das ärztliche Selbstbewusstsein im Sinne von „sich seiner Stärken bewusst sein“.

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Diesem Ansatz folgt auch die Ende April angelaufene bundesweite Kampagne der Niedergelassenen, die für die Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten mit dem Slogan wirbt: „Wir arbeiten für Ihr Leben gern.“ Die Kampagne falle auf und werde wahrgenommen, sagte Köhler bei der Ver­tre­ter­ver­samm­lung: „Wir haben zahlreiche Rückmeldungen erhalten, der überwiegende Teil ist positiv.“ Für den Herbst kündigte der KBV-Vorsitzende „die zweite Welle von TV- und Plakatschaltungen“ an. Dann werden auch die Probleme des Berufsstandes angesprochen, „denn wir wollen niemandem die heile Welt vorgaukeln“, sagte Köhler.

Die Kampagne zeigt Ärzte, die ihr eigentliches Anliegen herausstellen: die Arbeit für den Patienten, die bestmögliche Behandlung von kranken Menschen, und zwar frei von Repressalien und Fremdbestimmung. Das ist es, was Ärzte tun wollen – wenn man sie denn lässt.

Josef Maus
Stellvertretender Chefredakteur

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doctorschneider@aol.com
am Dienstag, 4. Juni 2013, 15:27

Rückbesinnung auf Grundwerte - nur Worte? - letztlich ruinös!

„[.. ] unser eigentliches Anliegen: die Arbeit für den Patienten, die bestmögliche Behandlung von kranken Menschen, [.. ]“1…
.. ist, wenn man es ernst nimmt, in letzter Konsequenz ruinös.
(1Maus J Dtsch Ärzteblatt 2013;110:22 A1059)

Als niedergelassener Kindergastroenterologe bekomme ich sowohl einfache Infusionen (Eisen, Zink ..) als auch Anti-TNFalfa (Remicade®) z.B. bei CED Patienten nicht bezahlt. Das gilt auch für H2Atemteste uvam. Somit muss mein Anliegen für die Patienten „das Beste – jetzt“ von vornherein an der schlichten Nichtbezahlung scheitern. Die KV (stehe ich deshalb seit 2009 in Verhandlung) und der GBA, nehmen das zur Kenntnis, der Ge­sund­heits­mi­nis­ter wahrscheinlich auch (er hat auf meine mail nicht geantwortet) und es geht die Zeit ins Land. Etliche Kinder mit M.Crohn sind Dank der Infusionen in Dauerremission und erwachsen.
Deshalb ist die „Rückbesinnung auf Grundwerte“ (z.B. durch KBV Vorstandvorsitzenden Dr. med. Andras Köhler) für mich ein richtiger Schritt, aber leider sind es nur Worte. Taten erwarte ich eigentlich nicht mehr.
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