ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2013Kinder- und Jugendgesundheit: Sprachförderung fürs Leben

POLITIK

Kinder- und Jugendgesundheit: Sprachförderung fürs Leben

Dtsch Arztebl 2013; 110(22): A-1080 / B-938 / C-934

Osterloh, Falk; Rieser, Sabine

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Versorgen und fördern wir alle Kinder und Jugendlichen gut genug? Darüber wurde angesichts des jüngsten Vorstoßes zu einem Präventionsgesetz erneut diskutiert. Auch beim Umgang mit Sprachdefiziten kann noch vieles besser werden.

Spielen mit Sprache: Sprachförderung in einer Kita in Osnabrück, die an einem Modellprojekt teilgenommen hat. Foto: epd
Spielen mit Sprache: Sprachförderung in einer Kita in Osnabrück, die an einem Modellprojekt teilgenommen hat. Foto: epd

Die Gesundheit von deutschen Kindern und Jugendlichen ist im weltweiten Vergleich auf einem hohen Niveau“, befand die SPD-Bundestagsfraktion in ihrem Antrag „Kinder- und Jugendgesundheit: Ungleichheiten beseitigen – Versorgungslücken schließen“ schon vor mehr als einem Jahr. Dennoch zeige sich ein uneinheitliches Bild: „So entstehen durch die bereits im Kindesalter auftretende deutliche Verschiebung des Krankheitsspektrums von akuten zu chronischen und von physischen zu psychischen Erkrankungen ernsthafte Versorgungslücken.“

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Über den SPD-Antrag wurde Mitte Mai im Deutschen Bundestag mitberaten, als der Koalitionsentwurf zum Präventionsgesetz Thema einer Anhörung im Gesundheitsausschuss war (DÄ, Heft 21/2013). Um die angesprochenen Versorgungslücken zu beheben, hat die SPD eine Vielzahl von Forderungen zusammengestellt. So will sie die Position der Kinderärzte durch ihre Integration in Hausarztverträge stärken. Denn bislang ist die Anzahl der Hausarztverträge, in die auch Kinderärzte eingebunden sind, gering. Zudem sollten Disease-Management-Programme auf Entwicklungs- und Verhaltensstörungen ausgeweitet werden, um eine bereichsübergreifende Behandlung sicherzustellen.

Krisenintervention ausbauen

Für den ambulanten Bereich müssten zudem „Maßnahmen getroffen werden, um eine ausreichende Versorgung mit Kinder- und Jugendpsychotherapeuten sicherzustellen“, heißt es in dem Antrag. Möglich-keiten zur frühzeitigen psychotherapeutischen Behandlung durch eine Krisenintervention müsse man ausbauen. Denn „in den vergangenen Jahren ist die Zahl der psychisch erkrankten Kinder und Jugendlichen schneller angestiegen als die erkrankter Erwachsener“.

Die SPD will auch die Versorgungsforschung im Bereich der Kinder- und Jugendgesundheit ausweiten sowie Risikomanagement und Dokumentation beim Einsatz von „Off-label“-Medikamenten bei Kindern verpflichtend einführen. Die Arzneimittelsicherheit bedürfe höchster staatlicher Aufmerksamkeit, bestätigte der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (bvkj) in seiner Stellungnahme. „Es kann nicht angehen, dass wir insbesondere bei der Altersgruppe unter zwei Jahren mehr als 80 Prozent aller Arzneimittel im Grunde ‚off label‘ anwenden müssen, weil keine entsprechende Zulassung besteht.“

Auch die geforderte Ausweitung der Versorgungsforschung unterstützt der bvkj, denn „hier haben wir gegenüber anderen Ländern in Europa erhebliche Defizite“. Der Verband biete in diesem Zusammenhang an, auf der Grundlage neu gestalteter Vorsorgeuntersuchungen in regelmäßigen Abständen flächendeckend aussagekräftige Daten zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu erheben. Die wissenschaftliche Auswertung müsse nur finanziert werden.

Ungleichheit bei Kindern und Jugendlichen war auch Gegenstand eines Forums des bvkj Mitte Mai in Berlin. „Von der Sprache zum Verständnis“ lautete dessen Thema. Zu viele Kinder hinken nach Meinung des bvkj den Gleichaltrigen hinterher, was ihre Sprach- und Lesekompetenzen anbelangt, und zwar nicht allein solche aus Familien mit einem Migrationshintergrund. Probleme in der Schule und schlechte berufliche Chancen sind die Folgen. Das Gesundheitswesen ist jedoch überfordert damit, die Lücken auszugleichen. Darauf hatte bvkj-Präsident Dr. med. Wolfram Hartmann bereits im vergangenen Jahr hingewiesen, als den Kinder- und Jugendärzten zum wiederholten Mal vorgehalten wurde, sie verordneten zu viele Sprachheilbehandlungen.

Nicht nur Komm-Angebote

Betroffen seien Kinder aus bildungsfernen Familien, in denen nicht viel geredet werde, oder aus Familien mit Migrationshintergrund, in denen man nur wenig Deutsch spreche. Der Grund für die vielen Sprachheilbehandlungen seien im Kern „familiäre Anregungsdefizite“. Hartmann forderte ausreichende und qualifizierte Plätze in Krippen und Kindertagesstätten (Kitas) und die Familien bei der Förderung der Kinder einzubeziehen: „Das Medizinsystem kann mit seinem individualtherapeutischen Ansatz diese wichtige gesellschaftlich-pädagogische Aufgabe nicht übernehmen.“

Das bestätigte beim Forum der in Berlin-Spandau niedergelassene Kinderarzt Dr. med. Ulrich Fegeler: „Bei uns schlägt vieles auf, was ganz woanders verursacht wird. Wir erkennen es, aber wir haben nichts, worauf wir verweisen können.“ Davon, Hilfe über Institutionen wie die Jugendämter anzubieten, hält Fegert nichts: zum einen, weil viele Eltern diese eher fürchteten, zum anderen, weil Komm-Angebote an dieser Stelle falsch seien. „Wir brauchen eine entgegenkommende Gesellschaft, die strukturierte und integrierte Angebote im Bereich der sozialen Hilfen und der frühen Förderung bereithält und auf die Familien zugeht.“ Ähnlich sah es seine Kollegin Dr. med. Fatima Soad Weser, die im Norden Berlins niedergelassen ist. Sie wünschte sich zudem mehr Fortbildungsangebote in diesem Bereich. Bereits die Diagnose von Sprachentwicklungsproblemen ist bei Kindern schwierig, deren Muttersprache nicht Deutsch ist: Sprachtests im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung gibt es nur auf Deutsch, lediglich ein Test auf Türkisch existiert.

Auf einen anderen Aspekt verwies die Integrationsbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, Aydan Özoguz: Das Augenmerk liege häufig auf Defiziten, nicht auf Hilfen. Özoguz nannte als Beispiel die Sprachuntersuchungen im Vorfeld der Einschulung. Deren Ergebnisse führten oft zu keinen Konsequenzen, Eltern würden mit dem Ergebnis alleingelassen. Die Integrationsbeauftragte ergänzte, dass sich die SPD für eine Lockerung des Kooperationsverbots von Bund und Ländern in der Bildungspolitik einsetze, bislang vergeblich. Özoguz hält es für falsch, dass jedes Bundesland im Bereich der Sprachförderung nach eigenen Wegen sucht und eine bundesweite Linie fehlt.

Eine übertriebene Vielfalt kritisierte auch Prof. Dr. Heidemarie Keller vom Institut für Psychologie der Universität Osnabrück, die sich seit langem mit frühkindlicher Bildung und Entwicklung befasst. Sie sprach sich dafür aus, nur evaluierte Programme einzusetzen und nicht nur einzelne Erzieherinnen in Kitas zu schulen, sondern das ganze Team: „Wenn wir etwas für die sprachliche Bildung von Kindern tun wollen, muss das durch entsprechende Fachkräfte im Alltag geschehen. Wir müssen Sprache in den Alltag integrieren, denn Kinder haben die Motivation, andere zu verstehen und sich mit anderen zu unterhalten.“

Fördern gehört in den Alltag

Dafür müsse man auch die Eltern einbeziehen, sei es durch Angebote wie der Kita angeschlossene Spielgruppen oder durch Verständnis für andere Wertvorstellungen als die der deutschen Mittelschichtsfamilien: „Viele türkischstämmige Frauen möchten eben nicht, dass ihre Kinder unter drei Jahren schon den halben oder ganzen Tag in eine Kita gehen.“

Einig waren sich alle, dass professionsübergreifende, alltagsnahe Angebote ideal wären, um Sprachbildungsprobleme der Kinder zu lösen. Bvkj-Präsident Hartmann erwähnte, mit Vertretern der Logopäden und Ergotherapeuten sei man sich einig, dass diese die Arbeit von Kita-Erzieherinnen unterstützen könnten, aber: „Bisher gibt es keinen Ansatz, wie dies zu finanzieren wäre.“

Falk Osterloh, Sabine Rieser

Die SOZIALE LAGE IST ENTSCHEIDEND

„Ein Kind türkischer Eltern, die einen niedrigen Bildungsstatus haben und nicht erwerbstätig sind, wächst anders auf als ein Kind aus einer polnischen Familie mit akademischer Ausbildung und besserer Arbeitsmarktintegration. Genauso unterscheidet sich die Kindheit in einer bildungsfernen, von Armut betroffenen deutschen Familie zumeist erheblich von dem Aufwachsen in einem bildungsnahen, wohlhabenden deutschen Elternhaus.“

Dieses Zitat stammt aus dem ersten Kinder-Migrationsreport, den das Deutsche Jugendinstitut gerade veröffentlicht hat. Danach hat ein Drittel der Kinder unter 14 Jahren in Deutschland einen Migrationshintergrund, also Großeltern oder Eltern, die eingewandert sind. Betont wird im Report aber auch, dass dieser nicht entscheidend für ungleiche Lebenschancen ist, sondern die soziale Lage. Bei Migrantenfamilien überlagert sich beides.

Auch mit der Sprachpraxis von Kindern mit Migrationshintergrund haben sich die Autoren des Reports befasst. Jedes dritte Kind in Westdeutschland/Berlin mit überwiegend nichtdeutscher Familiensprache trifft dort, wo es außerfamiliär betreut wird, auf Gruppen, in denen sich mehr als die Hälfte der Kinder zu Hause vorwiegend in ihrer Herkunftssprache unterhalten. Denn häufig sind Stadtteile mit überdurchschnittlich vielen Kindern mit Migrationshintergrund solche in sozial benachteiligten Wohnvierteln.

Weitere Infos: www.dji.de/bibs/Kinder-Migrationsreport.pdf

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