ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2013Weiterbildung: Was gegen die Allgemeinmedizin spricht

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Weiterbildung: Was gegen die Allgemeinmedizin spricht

Dtsch Arztebl 2013; 110(22): A-1101 / B-957 / C-954

Wittenbecher, Susann

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Da bin ich nun angekommen. Kurz vor der Facharztprüfung. Dem entscheidenden Tor zum Leben. Noch ein halbes Jahr . . . Ich muss sagen, ich habe es satt. In den letzten Jahren habe ich mehr über Kündigungsfristen, arbeitsrechtliche Grundlagen, Überstunden, Arbeitszeitmodell und Ausnutzung gelernt, als etwas über Masern, die gerade mal wieder ausbrechen, Neurodermitis oder Demenz . . .

Ich könnte Ihnen viele Gründe nennen, warum die Allgemeinmedizin nicht hoch frequentiert wird:

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  • Warum nicht von der KV statt 3 500 lieber 4 200 Euro, dann würden die ambulanten Ärzte die Arbeitgeberkosten decken können. Wer stellt schon einen Arzt in Weiterbildung an, wenn der was kostet (Arbeitgeberkosten circa 650 Euro im Monat)?
  • Feste Festlegungen zu der Anzahl der Bereitschaftsdienste des ausbildenden Arztes, die vom Arzt in Weiterbildung zu übernehmen sind – keine 15 Dienste ambulant im Monat!
  • Höheres Einkommen! Habe genauso viel verdient wie ein Versicherungsvertreter, der mit 16 Lebensjahren die Schule beendet hatte. 3 500 Euro brutto machen bei Steuerklasse eins 2 000 Euro netto.
  • Zentrale Meldestellen für freie Praxis – Stellen ambulant für Allgemeinmedizin – die meisten Praxisinhaber melden freie Stellen nicht bei der KV.
  • Die Ärztekammer weiß doch, wer alles Arzt in Weiterbildung ist, warum wurde ich noch nie daraufhin direkt angesprochen oder mir was zugesendet? – Wenn ich was über Förderungen erfahren habe, dann aus der Zeitung.
  • Broschüren darüber, wie eine Praxisabrechnung funktioniert, was ist eine Fallpauschale, was ist ein Punktwert?
  • Strukturierte regelmäßige Weiterbildungen ambulant von zentraler, eindeutig zu findender Stelle koordiniert – zum Beispiel Ärztekammer.
  • Man soll sich mehr weiterbilden? Warum kostet dann der Refresher-Kurs Allgemeinmedizin 800 Euro? – So viel verdiene ich nach Abzug aller Kosten im Monat . . .
  • Kostenlose Kurse für Notfallmedizin für mehr Notfallmediziner!
  • Warum darf ein AiW nicht am KV-Dienst teilnehmen, wenn er schon zwei Jahre tätig war, ohne Zustimmung des Arbeitgebers, wenn dort Ärzte fehlen? . . .
  • Kitaplatz-Garantie für Ärzte! . . .
  • Denken Sie bitte wieder über den verkürzten Facharzt nach! Der ist doch nicht schlechter, weil er zwei Jahre gespart hat. Denken Sie an alle „praktischen“ Ärzte, die quasi ja auch gar keine strukturierte Weiterbildung hatten.
  • Einheitsgehalt und Ausstattung der Praxen durch die KV erwünscht, aber nicht angestellt sein.
  • . . . Wie kann es sein, dass ich mit vier Arbeits­unfähigkeits­bescheinigungen, die ich ausstelle am Tag, mehr verdiene, als dass ich mich um einen multimorbiden Patienten kümmere, zum Beispiel dem aus dem Krankenhaus entlassenen
    Patienten erkläre, was gemacht wurde . . .
  • Als ich mein Studium beendet hatte, riet man mir, als Allererstes mir einen Anwalt zu suchen. Gut, dass ich das gemacht habe!

Susann Wittenbecher, Ärztin in Weiterbildung, 04155 Leipzig

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