ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2013Prof. Dr. med. Heyo Eckel, Ehrenpräsident des 116. Deutschen Ärztetages in Hannover: Lieber Knast als Ruhestand

THEMEN DER ZEIT: Porträt

Prof. Dr. med. Heyo Eckel, Ehrenpräsident des 116. Deutschen Ärztetages in Hannover: Lieber Knast als Ruhestand

Dtsch Arztebl 2013; 110(22): A-1084 / B-942 / C-938

Hibbeler, Birgit

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Der ehemalige niedersächsische Kammerpräsident arbeitet auch mit 78 Jahren noch als Arzt. Einmal in der Woche ist der Radiologe in der Justizvollzugsanstalt Rosdorf bei Göttingen im Einsatz.

„Man bekommt sehr viel zurück.“ Heyo Eckel arbeitet gerne im Gefängnis. Fotos: picture alliance/Frank May für Deutsches Ärzteblatt
„Man bekommt sehr viel zurück.“ Heyo Eckel arbeitet gerne im Gefängnis. Fotos: picture alliance/Frank May für Deutsches Ärzteblatt

Sie sind stolz darauf, ihn zu haben: Jeder in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rosdorf kennt Prof. Dr. med. Heyo Eckel (78). Einen Tag pro Woche arbeitet der Radiologe in dem Gefängnis bei Göttingen. Röntgen und Ultraschall. Einmal hat ihn ein Gefangener gefragt: „Sie sind doch Professor – und dann behandeln Sie uns?“ Da hat Eckel geantwortet: „Vor Ihnen sitzt ein Arzt.“

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Eckel ist niemand, der um seine Person viel Aufhebens macht. Er kommt schnell ins Gespräch mit den Menschen, merkt sich die Namen. Die Wertschätzung, mit denen er anderen begegnet, bekommt er zurück – sowohl von den Insassen als auch den Mitarbeitern. „Das ist für den Vollzug schon eine Auszeichnung, so eine Persönlichkeit zu haben“, sagt Andreas Plener. Der Krankenpfleger ist für die Organisation der medizinischen Abteilung der JVA zuständig und weiß: Die Arbeit im Gefängnis ist nicht gerade beliebt. Personal zu finden, ist schwierig. „Wir sind die einzige JVA, die sich einen Professor leistet – soweit ich weiß, deutschlandweit“, sagt Plener mit einem Augenzwinkern.

Die Arbeit im Knast – unattraktiv? Nicht für Eckel. „Es hört sich vielleicht merkwürdig an, aber ich fühle mich hier wohl“, sagt er. Viele Kolleginnen und Kollegen draußen wüssten gar nicht, was ein Gefängnisarzt macht. „Da war ich im Grunde genommen auch ziemlich ahnungslos, als ich hier anfing“, sagt er rückblickend. Seine Tätigkeit empfindet er als sehr befriedigend. „Man bekommt viel zurück“, berichtet Eckel. Strafgefangene seien im Allgemeinen dankbare Patienten. Dankbar, dass man sich ihnen zuwendet.

Die Versorgung in der JVA entspricht der in einer allgemeinmedizinischen Praxis. Erkältungen, Magen-Darm-Infekte und Rückenschmerzen: Die Gründe, warum die Häftlinge einen Arzt aufsuchen, sind die gleichen wie beim Hausarzt. „Eine Besonderheit sind hier natürlich die Drogen- und Alkoholprobleme“, erläutert Eckel. „Und ich habe noch nie so schlechte Zähne gesehen. Das sind zum Teil reine Mausoleen.“

Sprechstunde ist jeden Tag – von Montag bis Freitag. Abgehalten wird sie abwechselnd von drei Ärzten aus einer externen allgemeinmedizinischen Gemeinschaftspraxis. Die Hausärzte haben auch spezielle suchtmedizinische Kenntnisse. Die Abrechnung läuft außerhalb des kassenärztlichen Budgets direkt mit der JVA. Denn die Gefangenen sind während ihrer Haft nicht krankenversichert. Die JVA selbst hat für die medizinische Versorgung sieben fest angestellte Mitarbeiter – Pflegekräfte, medizinisch-technische Angestellte und Medizinische Fachangestellte. Außerdem arbeiten drei Psychologen in der JVA, die hinzugezogen werden können. Einmal die Woche kommt ein Zahnarzt. Für Notfälle außerhalb der Sprechstunde gibt es eine Vereinbarung mit dem kassenärztlichen Notdienst. „Zusätzlich haben wir eine Röntgenanlage“, sagt Plener. Die gebe es in JVAen in Niedersachsen in der Regel nicht. „Dafür haben wir Professor Eckel gewonnen.“

In Rosdorf sitzen derzeit 230 Gefangene ein: Männer ab 25 Jahren mit Haftstrafen bis zu 14 Jahren, außerdem alle Untersuchungshäftlinge der Region. „Also alles vom Diebstahl bis zum Mord“, fasst Eckel zusammen. Unsicher fühlt er sich nicht. Angegriffen oder bedroht wurde er noch nie. Eckel versucht, auf alle ohne Vorurteile zuzugehen. „Wenn jemand zum ersten Mal kommt, sehe ich vorher nicht in die Akte, um ganz unvoreingenommen zu sein“, erklärt er. Nach dem Erstkontakt schaut er aber doch – und war oft überrascht. Aus seiner Sicht ist die Art der Straftat wichtig für die Beziehung zwischen Arzt und Patient. „Das muss man schon wissen“, sagt er. „Viele Insassen erzählen sofort von sich aus, warum sie hier sind. Die sind dann ganz erstaunt, dass ich es nicht weiß.“

Die Häftlinge sind in der Regel dankbar, weil sie nicht unbedingt damit rechnen, dass man sie gut behandelt. „Hin und wieder muss man auch klarstellen, dass die ärztliche Therapiefreiheit und die Schweigepflicht hier genauso gelten wie draußen“, betont Eckel. Von der Arbeit in der medizinischen Abteilung zeigt er sich beeindruckt. „Sehr behutsam, kein raues Wort, aber auch keine Anbiederei.“

Die JVA Rosdorf ist ein relativ neues und modernes Gefängnis. 2007 wurde es fertiggestellt. „Herr Eckel war von Anfang an dabei“, erinnert sich Manfred Fiedler, Fachbereichsleiter Finanzen und Versorgung der JVA. Für die medizinische Abteilung sollte ein Röntgengerät angeschafft werden. Er war beratend tätig. Damals gab es noch einen fest angestellten Gefängnisarzt, und Eckel übernahm das Röntgen. Da er auch lange internistisch tätig war, vertrat er den Gefängnisarzt, wenn dieser zum Beispiel auf Fortbildung war.

Einen fest angestellten Arzt gibt es in Rosdorf heute nicht mehr. „Das Praxismodell ist wohl das Modell der Zukunft. Das hören wir immer wieder“, sagt Eckel. Dabei spielen auch Kostengründe eine Rolle. Es ist günstiger, ärztliche Leistung von draußen „einzukaufen“. Eckel arbeitet ebenfalls auf Honorarbasis. Grundsätzlich sei es außerdem schwierig, Ärzte für eine Festanstellung im Gefängnis zu gewinnen. „Mit dem Verdienst draußen können wir nicht konkurrieren“, berichtet Fiedler.

Auch die Röntgenanlage würde man heute nicht mehr anschaffen. „Das rechnet sich nicht. Es ist billiger, Insassen zum Röntgen rauszuschicken und von Beamten bewachen zu lassen“, weiß Fiedler. Allerdings sei es aus Sicherheitsgründen natürlich besser, Untersuchungen hinter den Gefängnismauern durchzuführen. Eckel plädiert für den Erhalt des Röntgengerätes. Ansonsten würde möglicherweise auf Diagnostik verzichtet, befürchtet er. „Wir können das Gerät nutzen, weil wir es haben“, sagt er. Viele Insassen kämen aus schwierigen Verhältnissen. Dann sei mitunter eine Röntgenuntersuchung des Thorax indiziert, zum Ausschluss einer Tuberkulose. Wenn diese nicht im Gefängnis stattfinden könne, würde man davon wohl absehen.

Ob die Röntgenanlage weiter betrieben wird, wenn Eckel einmal aufhört, ist unklar. Aber daran denkt er auch noch nicht. Sich engagieren, sich einsetzen, aktiv sein: Das ist für ihn selbstverständlich. „Das hat sehr viel damit zu tun, wie man aufgewachsen ist“, findet Eckel. Seine Eltern, beide Ärzte, haben ihm und seinen Geschwistern diese Haltung mit auf den Weg gegeben. Besonders seine Mutter und ihre Arbeit waren prägend: Sie war in Berlin-Spandau Ärztin in einem Stift für Schwerbehinderte. Auch sein Vater war ein Vorbild. Genau wie Eckel war er viele Jahre Präsident der Ärztekammer Niedersachsen.

„Vorbilder sind unheimlich wichtig“, ist sich Eckel sicher. Die fand er nicht nur im Elternhaus, sondern auch später im Berufsleben. Sein Lehrer war der Radiologe Professor Hans-Stephan Stender an der Medizinischen Hochschule Hannover. „Ich hatte Riesenglück“, erinnert sich Eckel. In der Abteilung habe es keine Intrigen gegeben. Also seien Intriganten dort gar nicht zum Zuge gekommen. Diese Sachorientierung hat Eckel beibehalten – als Chefarzt im Krankenhaus Göttingen-Weende und in seinem ehrenamtlichen Engagement.

Mehr tun, als man tun müsste. Das empfindet Eckel nicht als Belastung, sondern als Befriedigung. „Davon lebt die Gesellschaft“, glaubt er. Wie lange er noch in der JVA arbeiten will? Immerhin ist er fast 80. „Ich hab das Glück, dass meine Frau das alles mitmacht. Manchmal bremst sie mich ja schon.“ In der JVA Rosdorf habe er ein gutes Verhältnis zu den Mitarbeitern. „Ich mache die Arbeit gerne. Und so lange es geht, möchte ich das weitermachen.“

Dr. med. Birgit Hibbeler

Immer Aktiv

Ehrenamtliches und berufliches Engagement sind für Prof. Dr. med. Heyo Eckel (78) selbstverständlich. „Ich kenn das gar nicht anders“, sagt er. Eckel ist Ehrenpräsident des Deutschen Ärztetages in Hannover.

16 Jahre lang war der Radiologe Präsident der Ärztekammer Niedersachsen und wurde 2006 zum Ehrenpräsidenten der Kammer ernannt. Er ist Mitbegründer der Stiftung „Kinder von Tschernobyl“, die Opfern der Reaktorkatastrophe hilft. Als Chefarzt leitete er 30 Jahre das Institut für klinische Radiologie am Evangelischen Krankenhaus Göttingen-Weende. Mit 71 Jahren trat er in den Ruhestand. Seit 2007 ist Eckel in der Justizvollzugsanstalt Rosdorf bei Göttingen tätig.

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