ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2013Streitschrift: Der Fall der „neun toten Babys“

KULTUR

Streitschrift: Der Fall der „neun toten Babys“

Dtsch Arztebl 2013; 110(22): A-1115 / B-970 / C-966

Jachertz, Norbert

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Zwischen 2005 und 2008 erregten die Ermittlungen und schließlich zwei Prozesse gegen eine junge Frau, Sabine H., die neun ihrer Kinder gleich nach der Geburt umgebracht haben sollte, bundesweit Aufsehen. Das Landgericht Frankfurt/Oder verurteilte H. zu 15 Jahren Haft; es gab sich überzeugt, sie habe acht Kinder getötet, ein neuntes, mutmaßlich totgeborenes, blieb wegen Verjährung außer Betracht. Die Verfasserin der Streitschrift, eine pensionierte und (im besten Sinne) streitbare Ärztin aus Berlin, verfolgte den Fall von Anbeginn und glaubt, H. sei zu Unrecht verurteilt worden, das folge aus einer kritischen Würdigung der Ermittlungen und der Beweise. Vor allem das gerichtsmedizinische Gutachten erscheint ihr dubios. Dem Pflichtverteidiger hält sie vor, er habe seine Mandantin zu deren Nachteil zum Schweigen verpflichtet. Der Staatsanwaltschaft lastet sie an, einseitig und voreingenommen ermittelt, der Presse wirft sie vor, Sabine H. vorverurteilt zu haben. Die Autorin ist ohnehin der Ansicht, „Kindsmörderinnen“ hätten in der Öffentlichkeit wie vor Gericht von vornherein schlechte Karten und belegt diese These mit Verweisen auf weitere Prozesse.

Im Fall von Sabine H. fallen tatsächlich einige Ungereimtheiten auf, etwa: War es wirklich möglich, aus den in Blumenkästen gefundenen verwesten Überresten, den Knochenresten, zweifelsfrei neun Neugeborene zu identifizieren? Wurde der Ehemann der H., ein schweigsamer ehemaliger Stasi-Mann, der nichts gewusst und gemerkt haben will, von den Ermittlern absichtlich geschont? Was ist mit den Vorwürfen, hier hätten alte Rücksichtnahmen mitgespielt?

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Man mag dieses eigenwillige Buch lesen und seine eigenen Rückschlüsse ziehen. Die Verfasserin hat die Namen verfremdet und entwickelt ihre Analyse in Form von Dialogen mit Freunden. Zustande kam so eine Art literarische Dokumentation. Das geschah vermutlich nicht aus literarischem Ehrgeiz, sondern um rechtlichen Querelen vorzubeugen. Wer das Verfahren gegen Sabine H. verfolgt hat, weiß freilich, wer gemeint ist.

Norbert Jachertz

Annemarie Wiegand: In dubio contra ream. Im Zweifel gegen die Angeklagte. Books on Demand, Norderstedt 2012, 256 Seiten, kartoniert, 13,90 Euro

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