ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2013Von schräg unten: Hat mir keiner gesagt!

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Hat mir keiner gesagt!

Dtsch Arztebl 2013; 110(22): [64]

Böhmeke, Thomas

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Jeder Beruf hat seine spannungsgeladenen Momente, solche Augenblicke, die derartig an den Synapsen kratzen und den Nerven zerren, so dass man augenblicklich aus dem Integument fahren könnte. Wahrscheinlich geht es einem Piloten so, wenn er kurz vor dem Aufsetzen mitgeteilt bekommt, dass die Landebahn möglicherweise nicht frei ist. Oder dem Bankangestellten, wenn er erfährt, dass sein Vorgesetzter die Kundeneinlagen bei der HRE deponiert hat.

Auch ich kriege immer wieder meine Krisen. Meine Transmitter kochen, meine Sensoren toben, meine Synapsen fackeln, wenn ein Patient das Notwendige, das Augenfällige, das Banale mit der Bemerkung kontert, das habe ihm keiner gesagt. Eine Medikamentenliste mitbringen? Hat mir keiner gesagt! Der Krankenhausbericht? Keiner gesagt! Blutdrucktagebuch? Keiner! Und so weiter. Früher bin ich bei solchen Gelegenheiten aus der Fassung geraten wie eine Hüftpfanne im morschen Beckenring, heute dämpft die Altersmilde mein Temperament. Heute versuche ich, mit Bedacht das Augenmerk des Patienten auf die Vorzüge einer Zusammenarbeit zu lenken, ihn für ein konstruktives gemeinsames Arbeiten zu gewinnen, auf dass er mit Stolz auf den erfolgreichen Prozess der eigenen Gesundung zurückblicken kann, das Glück der Genesung aus eigener Kraft erfahren darf.

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„Das hat mir keiner gesagt“, entgegnet mir heute mein Patient, der sich seit kurzem aufgrund einer hochgradigen Herzschwäche in meiner Behandlung befindet. Ich hatte ihn eindringlich um regelmäßige Blutdruckdokumentation, exakte Medikamentenauflistung und penible Körpergewichtsmessung gebeten. Ganz offensichtlich hat dies nicht gefruchtet, daher versuche ich nun alles in meiner Kraft stehende, ihn zur Mitarbeit zu motivieren. Er habe ja schon bemerkt, dass es mit der Luft deutlich besser geworden seit, dies sei auf die Wirkung der Medikamente zurückzuführen. Könnte er es sich vielleicht vorstellen, dass eventuell unter Umständen eine exakte Steuerung dieser Therapie eine weitere Besserung erbringen würde? „Nö, das hat mir keiner gesagt!“ Schließlich wendeten wir doch hochwirksame Substanzen an, die spezifische Regulationsmechanismen des Kreislaufs, der Nierenfunktion und der Herztätigkeit beeinflussten, wäre es daher nicht denkbar, dass eine präzise Planung der medikamentösen Therapie ihn auch vor möglichen Störwirkungen schützen könnte? „So hat mir das keiner gesagt!“

Ob er nachvollziehen könne, dass die akribische Auflistung der Kreislaufparameter als auch der Arzneimittel ein überaus wertvoller Bestandteil der Behandlung sei, da mit diesen Daten eine optimale Therapie ausgearbeitet werden könne, die nicht nur sein Befinden bessere, sondern auch einen prognostischen Gewinn erziele? „Wie meinen Sie das?“ Ich meine, dass durch eine enge und fruchtbare Kooperation er in den hohen Genuss der Vermeidung einer geminderten Lebenserwartung kommen könne, die aufgrund der fortgeschrittenen Herzerkrankung zu befürchten sei. „Versteh’ ich nicht.“ Jetzt wird es mir zu bunt. Wenn er nicht mitmache, verkürze sich die Restlaufzeit! „Was?“ Dass er sterben werde!

„Also hören Sie mal, Herr Doktor, das geht ganz und gar nicht! Damit können Sie mir nicht kommen, damit bin ich ganz und gar nicht einverstanden! Weil, das hat mir noch nie jemand gesagt!“

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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