ArchivDeutsches Ärzteblatt23-24/2013Prognosebeurteilung immer anhand mehrerer Parameter
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Ein wichtiger Kritikpunkt an den zitierten Studien ist, dass die untersuchten Prognoseparameter in Entscheidungen über Therapiebeendigungen weiter verwendet wurden. Daher besteht die Möglichkeit einer „self-fulfilling prophecy“. Zum Beispiel wurde in der Studie von Bouwes bei 40 von 42 Patienten mit fehlenden somatosensorisch evozierten Potenzialen (SEP) aufgrund dieses Befundes die Therapie unmittelbar beendet oder limitiert (1).

Wir haben wiederholt Patienten betreut, die trotz NSE > 97 µg/L wieder erwachten. Am eindrücklichsten war die Betreuung eines Patienten mit neuroendokrinem Tumor, dessen NSE auf > 1000 µg/L anstieg. Maligne Tumoren sollten bei der Beurteilung der NSE als Störfaktoren beachtet werden. Die Kernaussage des Artikels „Erhöhte Werte der neuronenspezifischen Enolase im Serum zeigen für sich allein genommen erst bei mehr als 97 µg/L sicher eine infauste Prognose an“ halten wir deshalb in dieser Verkürzung für problematisch. Auch die faktische Gleichsetzung von fehlender Pupillenreaktion und fehlendem Kornealreflex als „verlässliche Indikatoren einer infausten Prognose“ halten wir aufgrund der möglichen Untersucherabhängigkeit für schwierig. Insbesondere fehlende Kornealreflexe sollten vorsichtig beurteilt werden. Bouwes und Samaniego beschreiben 2 von 23 beziehungsweise 2 von 22 Patienten, die trotz fehlender Kornealreflexe ein gutes Ergebnis hatten (1, 3).

Eine hohe Sicherheit der prognostischen Einschätzung kann nur dadurch erreicht werden, dass diese nicht auf einen einzelnen, sondern immer auf mehrere Parameter gestützt wird. Wir behandeln die meisten Patienten über sieben Tage, ehe wir im Falle übereinstimmender Hinweise mehrerer Parameter für eine schlechte Prognose die Therapie nach einem interdisziplinär festgelegten Prognosealgorithmus begrenzen (2).

DOI: 10.3238/arztebl.2013.0421a

Dr. med. Christoph Leithner

Prof. Dr. med. Christoph J. Ploner

Klinik für Neurologie, Charité Universitätsmedizin, Berlin

christoph.leithner@charite.de

PD Dr. med. Christian Storm

Klinik für Innere Medizin mit Schwerpunkt Nephrologie und internistische Intensivmedizin, Charite Universitätsmedizin, Campus Virchow Klinikum, Berlin

Interessenkonflikt

PD Storm erhielt Honorare für Beratertätigkeiten und Reisekostenerstattung von BARD GmbH, Zoll GmbH, Covidien und Philips.

Dr. Leithner und Prof. Ploner erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Bouwes A, Binnekade JM, Kuiper MA, et al.: Prognosis of coma after therapeutic hypothermia: a prospective cohort study. Ann Neurol 2012; 71: 206–12 CrossRef MEDLINE
2.
Leithner C, Storm C, Hasper D, Ploner CJ: Prognose der Hirnfunktion nach kardiopulmonaler Reanimation und therapeutischer Hypothermie. Akt Neurol 2012; 39: 145–54 CrossRef
3.
Samaniego EA, Mlynash M, Caulfield AF, et al.: Sedation confounds outcome prediction in cardiac arrest survivors treated with hypothermia. Neurocrit Care 2011; 15: 113–19 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
Thömke F: Assessing prognosis following cardiopulmonary resuscitation and therapeutic hypothermia—a critical discussion of recent studies. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(9): 137–43 VOLLTEXT
1.Bouwes A, Binnekade JM, Kuiper MA, et al.: Prognosis of coma after therapeutic hypothermia: a prospective cohort study. Ann Neurol 2012; 71: 206–12 CrossRef MEDLINE
2.Leithner C, Storm C, Hasper D, Ploner CJ: Prognose der Hirnfunktion nach kardiopulmonaler Reanimation und therapeutischer Hypothermie. Akt Neurol 2012; 39: 145–54 CrossRef
3.Samaniego EA, Mlynash M, Caulfield AF, et al.: Sedation confounds outcome prediction in cardiac arrest survivors treated with hypothermia. Neurocrit Care 2011; 15: 113–19 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.Thömke F: Assessing prognosis following cardiopulmonary resuscitation and therapeutic hypothermia—a critical discussion of recent studies. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(9): 137–43 VOLLTEXT

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