ArchivDeutsches Ärzteblatt23-24/2013Spaltpatienten in Kamerun: Die vergessenen Kinder aus den Bergen

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Spaltpatienten in Kamerun: Die vergessenen Kinder aus den Bergen

Dtsch Arztebl 2013; 110(23-24): A-1225 / B-1069 / C-1061

Kustermann, Jörg F.

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Die Deutsche Cleft-Kinderhilfe und setzt sich weltweit für die umfassende Behandlung von Kindern mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten ein. Ein Erfahrungsbericht

Sichtlich bewegt, den Tränen nahe, wendet sich der grauhaarige Missionsarzt an unser Team. Heute ist die offizielle Begrüßung in der katholischen Missionsstation des Krankenhauses St. Martin de Porres catholic in Njinikom. Dr. Jim erzählt freimütig mit den einfachen Worten eines altgedienten amerikanischen Arztes, über seine anfängliche Skepsis unserem Vorhaben gegenüber. So hatte er in den letzten drei Jahren seiner Sprechstunde gerade mal einen einzigen Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte gesehen – und dann geschah das für ihn immer noch kaum Fassbare:

Zu erleben, wie in den Gesichtern der Menschen Hoffnung aufkeimte, erst zaghaft, dann immer stärker, hat den Autor sehr beeindruckt. Salamata (19) führte bisher ein Außenseiterdasein in der Gesellschaft. Fotos: privat
Zu erleben, wie in den Gesichtern der Menschen Hoffnung aufkeimte, erst zaghaft, dann immer stärker, hat den Autor sehr beeindruckt. Salamata (19) führte bisher ein Außenseiterdasein in der Gesellschaft. Fotos: privat
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Die Deutsche Cleft-Kinderhilfe (DCKH), unterstützt durch die Stiftung Lore Keller, hatte im Vorfeld eine Mundhygienekampagne im Nordwesten des Landes, den Grass Hills, gestartet. Bei dieser, von einheimischen Mitarbeitern durchgeführten Aufklärungsaktion, wurden die Menschen bis in die abgelegensten Regionen unter anderem auch über die operative Versorgung von Menschen mit craniofacialen Missbildungen informiert. Dem Aufruf folgend finden sich immer mehr Patienten im Krankenhaus ein. Er hätte es nicht für möglich gehalten, wie viele „unsichtbare“ Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte hier tatsächlich leben und sich aus dem Wald, den Bergen, den abgelegenen Hütten auf den weiten Weg nach Njinikom machen würden. Die Patienten, vom viermonatigen Säugling bis zum 40-jährigen Mann, wurden wegen ihrer teilweise grotesken Anomalien bisher von ihren Familien versteckt oder führten ein Außenseiterdasein am Rande der Gesellschaft.

Seit mehr als zehn Jahren existieren gute Kontakte und Kooperationen mit kamerunischen Ärzten und Krankenhäusern. Bisher reiste einmal im Jahr ein deutsches Team für circa zwei Wochen vornehmlich nach Ngaoundéré, um Patienten zu operieren. Dieses Jahr sollte unser Auftrag etwas anders lauten. Hauptziel war nicht mehr, möglichst viele Patienten zu operieren, sondern gemeinsam mit einheimischen Ärzten eine Basisversorgung für Spaltpatienten aufzubauen. Künftige Kooperationspartner in weiteren Landesteilen sollten gewonnen werden.

Entsprechend gemischt ist unser diesjähriges Team. Die deutschen Chirurgen Prof. Dr. Götz Ehmann und Dr. Mario Westphal führen die Kollegen Dr. Ntonsi, Dr. Dourmani und Dr. Yadji in die operative und postoperative Versorgung der Patienten ein. Götz, wie wir vereinfacht unseren Senior im Team nennen, ist versierter und afrikaerfahrener Spezialist für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG). Auch Mario, MKG-Chirurg mit Praxis in Rottweil, war schon mehrfach dabei. Die begleitende Sprach-und Stimmbildungstherapie übernimmt Nicole Danki. Sie ist Kamerunerin, hat in eine Ausbildung als Physiotherapeutin und eine spezielle, von der DCKH finanzierte Weiterbildung für ihr hiesiges Aufgabengebiet erhalten. Kim Schnackenberg, weitgereister Rettungsassistent, kümmert sich um die Dokumentation und unterstützt den Anästhesisten – das bin ich. Ich leite die Anästhesieschwestern Sister Martha, Julius, Vincent und Sheyla in meinem Fachgebiet an. Die kamerunischen Operateure und Anästhesisten werden dabei mit der heiklen Kombination einer Vollnarkose und einem Eingriff im Mund-Rachen-Bereich vertraut gemacht. Insbesondere wenn es sich um Kleinkinder handelt, ist ein gut abgestimmtes Vorgehen unabdingbar, um die Patienten nicht vital zu gefährden.

Projektleiterin ist Houma Westphal, geboren und aufgewachsen in Kamerun und mit in Deutschland abgeschlossenem Zahnmedizinstudium. Sie betreibt ihre eigene Praxis in Süddeutschland, blieb ihrer Heimat aber immer verbunden. Seit Jahren geht sie mit Cleft nach Kamerun. Gewandt knüpft sie die idealen Verbindungen mit den Verantwortlichen vor Ort und kann bei nicht zu leugnenden kulturellen Unterschieden einfühlsam vermitteln. Die Begrüßung durch die leitende Ordensschwester Sister Xaveria auf dem Missionsgelände ist entsprechend herzlich.

Das Hospital ist sauber und gut geführt. Es gibt eine funktionierende, nichtkorrupte Administration, ein OT, operation theatre, welches den Namen auch verdient. Das alles ist für Afrika nicht selbstverständlich. Natürlich sind Kompromisse zu machen, vor allem im Fachgebiet der Anästhesie. Viele der Geräte sind auf den ersten Blick schön anzusehen, doch wenn es um deren Funktion geht, sind unliebsame Überraschungen häufig. Meine schwäbische Bastlermentalität ist geweckt. Es gelingt mir, ein paar alte Perfusoren zu „reanimieren“ und das eine oder andere Gerät instand zu setzen. Manchmal hilft improvisieren, aber nicht immer. Hoffnungslos steht ein Cicero, ehemaliges Hightech-Narkosegerät aus den 90er Jahren der Firma Dräger, in der OP-Schleuse. Der arme Cicero verirrte sich aus einem Zentralklinikum in Holland Tausende Kilometer weiter nach Süden „in den Busch“ nach Kamerun.

Solange ein Teil des Teams den Operationssaal vorbereitet und fehlendes Equipment durch unsere mitgebrachten Instrumente und Anästhetika ersetzt, widmen sich die anderen der Patientenvorstellung. Götz erkennt mit seiner Erfahrung auf den ersten Blick was, wie, wann getan werden muss – zuweilen so schnell, dass wir kaum nachkommen, ein geordnetes OP-Programm für die nächsten Tage aufzustellen.

Besonders beeindruckt hat mich Salamata (Fotos). Ihr Gesicht ist durch eine doppelseitige komplette Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte entstellt. Sie ist allein. Ihre Altersgenossinen sind mit 14 oder 15 Jahren schon längst verheiratet, kurz darauf Mutter geworden und haben ihren Platz in der Gemeinschaft gefunden. Nicht so Salamata, sie muss einen schwierigeren Weg gehen. Und trotzdem kann sie lachen, mit ihren Augen lächelt sie dich an. Auch Salamata werden wir dieses Mal operieren. Ihre Freude ist grenzenlos.

Vom frühen Morgen bis in den späten Nachmittag hinein werden wir in den kommenden Tagen operieren. Um den Patientenzahlen gerecht zu werden, wird im großen OP-Saal gleichzeitig an zwei Tischen operiert. Sehr schwierige Eingriffe werden vom deutschen Operateur unter Assistenz der „Locals“ durchgeführt. Schritt für Schritt wird das Vorgehen erklärt und kommentiert. Die Zusammenarbeit der Gruppe ist gut, jeder denkt über seine Fachgebietsgrenzen hinaus und bringt sein Können mit ein. Sprachenvielfalt ist erlaubt.

Nach unserer Abreise wird Dr. Ntonsi in regelmäßigen Abständen im Hospital vorbeikommen und die Patienten nachbetreuen.

Nicht selten sind mehrzeitige Korrekturen notwendig, bis ein zufriedenstellendes kosmetisches und funktionelles Ergebnis erzielt worden ist. Kleinere Eingriffe werden unsere kamerunischen Kollegen künftig selbstständig vornehmen können. In ihren Sprechstunden werden Patienten mit komplexeren Missbildungen erfasst und fürs nächste Jahr für eine Operation vorgemerkt.

Der Einsatz in Kamerun war sehr bewegend. Zu erleben, wie in den Gesichtern dieser Menschen Hoffnung aufkeimte. Erst zaghaft, dann immer stärker, erst ahnend, langsam vertrauend, das Gefühl, auf diesem Weg begleitet zu sein. Diese Hoffnung war ansteckend und ein stiller Auftrag an uns für die Zukunft. Das besonders Schöne am Lebensglück ist, dass es sich durchs Teilen mehren lässt.

Dr. med. Jörg Kustermann

@Informationen im Internet:
www.spaltkinder.org
www.projet-le-sourire.org/de

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