ArchivDeutsches Ärzteblatt23-24/2013Kriegskinder: Die Nachkriegskinder
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Auch bei den Überlegungen zum Themenkreis „Kriegskinder“ finde ich bei aller Achtung vor den vielen Untersuchungen, Befragungen und Aufzeichnungen einen großen Mangel, der jede Form von Biografie betrifft: Wir wissen es längst, aber wir denken nicht darüber nach, dass das Leben und auch das Erleben lange vor der Geburt beginnen.

Bei der Schwangerenberatung müssen wir immer wieder darauf hinweisen, dass das ungeborene Kind schon ab der 12. Schwangerschaftswoche in der Lage ist, Sinnesreize aufzunehmen.

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Beispiel: Meine Mutter hat mich in den letzten Monaten des Krieges ausgetragen und am Ende des Krieges in Berlin geboren. Natürlich war ihr Alltag geprägt von Fliegeralarmen, Erlebnissen in Luftschutzkellern. Zuletzt ist sie nach eigenem Bekunden gar nicht mehr in den Luftschutzkeller gegangen mit dem Gedanken: Wenn’s mich trifft, dann soll es mich richtig treffen . . .

Nach meinem Umzug von Berlin in das Rhein-Main-Gebiet hörte ich an einem sonnigen Frühlingstag erstmals wieder den Probealarm einer Sirene, ein Geräusch, das ich in meinem Berliner Leben nie gehört hatte. Mir lief es kalt den Rücken herunter, und für einen Moment verschlug es mir die Sprache im Patientengespräch. So wirkmächtig können auch intrauterine Erlebnisse sein . . .

Zu den „Kriegskindern“ müssen wir also auch die „Nachkriegskinder“ zählen, uns aber auch fragen, wie gehen wir jetzt, tief im Frieden, mit unseren Schwangeren und Familien in dieser Gesellschaft um? Die jetzt vielerorts lebhaft diskutierten „Frühen Hilfen“ dürfen nicht erst nach der Geburt des Kindes beginnen.

Aber dafür haben wir ja unter den neuen Verhältnissen in der Praxis keine Zeit mehr und auch kein Geld. Na, bravo!

Dr. med. Axel Goldacker, 63456 Hanau

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