ArchivDeutsches Ärzteblatt23-24/2013Kriegskinder: Vertrauensverlust
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Die Traumata der Kriegskinder durch Kriegsein- und -auswirkungen sind nur die eine Seite der Medaille, die andere Seite wird gern in der öffentlichen Diskussion beiseitegeschoben, weil sie an die Wurzeln der kollektiven Schuld rührt: Den Verlust des Glaubens an die Glaubwürdigkeit und damit den Verlust des Vertrauens an die Elterngeneration . . . Die Forschungslage über die Langzeitwirkungen dieser Form der Traumatisierungen ist bisher noch eher dürftig. Fragestellungen unter dem Aspekt der familienpsychologischen Mehrgenerationenforschung über mögliche Zusammenhänge zwischen der gegenwärtigen gewalttätigen Jugenddelinquenz und rechtsextremistischen, ausländerfeindlichen Einstellungen und dem Verlust der kohäsionsstiftenden Werte in den Familien Nachkriegsdeutschlands dürften noch für lange Zeit tabuisiert sein. Als ich das erste Mal 1999 auf dem internationalen Kongress für Familientherapie in Düsseldorf in meinem Seminar von der Opferrolle der Täterkinder zu sprechen kam, verließen die jüdischen Teilnehmer bei der anschließenden Diskussion das Seminar. Ich erhielt die Rückmeldung von einer jüdischen Kollegin aus Argentinien: „Ich vermisse einen Satz in Ihrem Vortrag: ,Ich bitte um Entschuldigung!‘“

Da ich es gewagt hatte, die Opferrolle der traumatisierten Deutschen zu benennen, und das betraf nicht nur die Traumata durch Kriegseinwirkungen und den Verlust ihrer Herrenrassen- und religiösen Größenwahnfantasien, sondern auch an den Verlust aller norm- und kohäsionsstiftenden Werte in den Familien (siehe den NS-Film „Hitlerjunge Quex“), hatte ich gegen das Tabu verstoßen, dass wir Deutschen, auch die Kinder und Kindeskinder der Tätergeneration, als Angehörige eines Volkes von Kriegsverbrechern nicht über eigenes Leid zu klagen hätten . . .

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Abschließend möchte ich sagen, dass es eine Verkürzung und Verengung des Blickfeldes bedeutet, wenn die Traumafolgen der Deutschen lediglich aus psychoanalytischer Sichtweise beschrieben und erklärt werden. Der familienpsychologische Ansatz umfasst bei der Anamnese unter mehrgenerationalem Aspekt sowohl den historisch/kulturellen als auch den politischen und gesellschaftlichen Kontext, so dass auch kollektive Bewusstseinszustände in ihren familialen und individuellen Auswirkungen miteinbezogen werden können. Nicht das Individuum allein, sondern auch die Familie ist der Ort, an dem „Familiengeschichten“ zu Geschichte werden.

Literatur beim Verfasser

Dr. phil. Otto Felix Hanebutt, 21271 Hanstedt

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