ArchivDeutsches Ärzteblatt23-24/2013Kriegskinder: Wilde Konstruktionen
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In diesem Artikel soll plausibel gemacht werden, dass Kriegsereignisse erst im Alter sichtbar werden können beziehungsweise deren Folgen erst dann therapierbar wären.

Dazu werden bisherige Untersuchungen zu Hilfe genommen. Auf einem Kongress 2005 in Frankfurt am Main und jetzt 2013 in Münster wurde das Thema zum Kongressthema erhoben. Interessant ist, dass dieses Thema offensichtlich gerne aufgegriffen wird von analytisch orientierten Therapeuten, denn es gibt dadurch Hinweise, dass an der Psychoanalyse doch einiges dran sein müsste. Das ist aber eben gerade nicht der Fall, und hier schon gar nicht. Hier geht es um Deutungen, die wissenschaftlich wertlos sind, die auch jedem, der über dieses Thema nachdenkt, von vornherein unplausibel erscheinen müssen.

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Es gibt keinen Hinweis, dass beispielsweise durch Kriegsereignisse elternlos gewordene Kinder einen psychopathologischen Lebenslauf aufweisen, im Gegensatz beispielsweise zu den Kindern, die elternlos aufwuchsen, viele Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Es wird deutlich, dass die Unterschiede oft auf einem ganz anderen Feld zu sehen sind, als durch die Kriegsereignisse bedingt . . .

Festzuhalten bleibt, dass wiederbelebte Kriegserlebnisse kaum posttraumatische Belastungsstörungen im Sinne von ICD-10 F 43.1 hervorrufen, jedenfalls gibt es dafür keine Hinweise, von Beweisen in wissenschaftlichem Sinne ganz zu schweigen.

Völlig unbegreiflich wird es, wenn behauptet wird, dass Kindern und Enkeln der Kriegskinder eine besondere Rolle zukommt. Als Konstruktion für diese Behauptung wird angegeben, dass die traumatisierten Eltern Kindern besonders viel familiären Zusammenhalt geben, dazu aber einen Teil ihrer Lebensangst auf die nachfolgende Generation weitergeben.

Das sind wilde Konstruktionen, die wissenschaftlich keiner ernsthaften Prüfung standhalten.

Der Rezensent (Jahrgang 1931) hat auch jahrzehntelang keinen einzigen Fall erlebt, auch nicht in seiner Verwandtschaft und Bekanntschaft, der auch nur entfernt diesem Thema und diesen Behauptungen entsprechen könnte.

Dass in deutschen Altenheimen der Zweite Weltkrieg tobt (Katja Timm), ist grober Unfug.

Prof. Dr. med. Fritz Reimer, 74189 Weinsberg

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