ArchivDeutsches Ärzteblatt23-24/2013Armut und Gesundheit: Frühzeitig Hilfen anbieten

DEUTSCHER ÄRZTETAG

Armut und Gesundheit: Frühzeitig Hilfen anbieten

Dtsch Arztebl 2013; 110(23-24): A-1138 / B-989 / C-985

Klinkhammer, Gisela; Krüger-Brand, Heike E.

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Olaf von dem Knesebeck: Die Verringerung gesundheitlicher Ungleichheit – inklusive der gesundheitlichen Auswirkungen von Armut – ist eine der zentralen politischen und gesellschaftlichen Aufgaben.
Olaf von dem Knesebeck: Die Verringerung gesundheitlicher Ungleichheit – inklusive der gesundheitlichen Auswirkungen von Armut – ist eine der zentralen politischen und gesellschaftlichen Aufgaben.

Armut wirkt sich negativ auf die Gesundheit aus und führt zu einer geringeren Lebenserwartung. Die Ärzte fordern daher, sozial Benachteiligte stärker gesundheitlich zu fördern.

Zum zweiten Mal seit dem Jahr 2005 hat sich der Deutsche Ärztetag mit den gesundheitlichen Auswirkungen von Armut befasst – ein Zeichen für die anhaltende Aktualität des Themas. „Es ist eine Schande, dass die Lebenserwartung in unserem reichen Land schichtenabhängig immer noch um zehn Jahre differiert“, sagte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. Ärzte könnten sozial benachteiligten Personengruppen speziell Unterstützung bei der Identifikation von Belastungsfaktoren und der Erschließung von Hilfsangeboten bieten. „Alleine lösen können wir das Problem aber nicht. Wir brauchen frühzeitige Hilfe durch Sozialarbeiter, Kindererzieher und Lehrer. Dies bedingt einen Wandel zum Beispiel in der Jugend- und Bildungspolitik und in der kommunalen Jugendbetreuung“, erklärte Montgomery.

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Besonders häufig von relativer Armut betroffen sind Alleinerziehende, kinderreiche Familien, Personen mit Migrationshintergrund, schlecht ausgebildete Personen und Langzeitarbeitslose, ebenso trifft es mehr Frauen und jüngere Menschen als Männer und Ältere. Künftig könnte es jedoch vermehrt auch zu Altersarmut kommen. Darauf verwies Prof. Dr. Olaf von dem Knesebeck vom Institut für Medizinische Sozialmedizin und Gesundheitsökonomie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. In seinem Gastreferat hob er hervor, dass gesundheitliche Ungleichheiten sich – in unterschiedlichem Ausmaß – in nahezu allen Ländern, aber auch zwischen Ländern und Regionen nachweisen lassen. Darüber hinaus seien sie auch in allen Lebensphasen, vom Beginn des Lebens bis ins hohe Alter, zu beobachten. Zudem verdichteten sich Hinweise darauf, dass die Unterschiede eher größer würden, sagte von dem Knesebeck.

Einfluss des Einkommens

Der Sozialwissenschaftler erläuterte, dass sich die Lebenserwartung ab der Geburt zwischen Männern, die einer höheren Einkommensschicht angehörten, und solchen, die in relativer Armut lebten, um 10,8 Jahre zuungunsten der niedrigeren Einkommensgruppe unterscheide, bei Frauen betrage diese Differenz 8,4 Jahre. Nach dem Konzept der relativen Einkommensarmut gilt dabei als arm, wer eine bestimmte Einkommensschwelle unterschreitet (Kasten Armutsrisiko).

Dabei erstrecken sich die Unterschiede in der Lebenserwartung auf das gesamte Einkommensspektrum und folgen einem sozialen Gradienten: „Es gibt einen linearen Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenserwartung“, sagte von dem Knesebeck. „Je niedriger das Einkommen, desto niedriger die Lebenserwartung.“ Auch erhöht sich das Risiko von Krankheiten wie Herzinfarkt und Schlaganfall, Adipositas im Kindesalter und psychischen Auffälligkeiten bei ärmeren Bevölkerungsgruppen signifikant.

Die Gründe hierfür sind vielfältig und liegen von dem Knesebeck zufolge vor allem in den materiellen Lebensbedingungen, in unterschiedlichem Gesundheitsverhalten und in psychosozialen Belastungsfaktoren. So verhalten sich Männer und Frauen mit geringem Einkommen und schlechterem Bildungsniveau beispielsweise häufiger gesundheitsschädlich, ernähren sich schlechter, treiben weniger Sport, rauchen mehr et cetera. Zudem sind Personen mit niedrigem sozialem Status beziehungsweise niedrigem Einkommen häufig von schlechteren Arbeitsbedingungen und höheren Arbeitsbelastungen betroffen. Hinzu kommen Faktoren der gesundheitlichen Versorgung, etwa beim Zugang und bei der Inanspruchnahme von Leistungen. Auch wenn die medizinische Versorgung zweifellos zur Erklärung gesundheitlicher Ungleichheit beitrage, seien verallgemeinernde Aussagen hierzu jedoch kaum möglich, meinte von dem Knesebeck.

Praktische Konsequenzen lägen vor allem im Bereich von Prävention und Gesund­heits­förder­ung, lautete das Fazit des Experten. Prävention könne allerdings auch zur Verschärfung von Ungleichheiten beitragen, weil diejenigen, die sie am meisten benötigten, sie am wenigsten in Anspruch nähmen. Die Verringerung gesundheitlicher Ungleichheit sei daher „eine zentrale politische und gesellschaftliche Aufgabe“.

Zusammenarbeit erforderlich

Die Delegierten des 116. Deutschen Ärztetages teilen diese Einschätzung. In einem einstimmig verabschiedeten Beschluss fordern sie unter anderem, die vom öffentlichen Gesundheitsdienst durchgeführten Schuluntersuchungen flächendeckend zu erhalten und weiter auszubauen. „Durch sie kann der Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen sozialschichtübergreifend erfasst und an erforderliche Hilfsangebote weitervermittelt werden.“ Die Angebote der Gesund­heits­förder­ung an Kindertagesstätten und Schulen sollten weiter ausgebaut werden, so dass Kinder aller Sozialschichten davon profitieren könnten. Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, wies auf ein bereits bestehendes Projekt hin, das von seiner Kammer initiiert worden sei. Das Programm „Gesund macht Schule – Gesund­heits­förder­ung und Gesundheitserziehung in der Primarstufe“ fördere die Zusammenarbeit von Schule, Schülern, Ärzten und Eltern im Bereich der Kindergesundheit. „Wir brauchen noch viele solcher Projekte“, forderte Henke.

Die Ärzteschaft sieht ihre Verantwortung darin, „auf eine Verringerung schichtenspezifischer Unterschiede in den Zugangsmöglichkeiten, in der Inanspruchnahme und Verfügbarkeit gesundheitlicher Leistungen einzuwirken“. Die Information und Ansprache zur Wahrnehmung der Schwangerenvorsorgeuntersuchungen sollte vor allem bei solchen Frauen verbessert werden, die im besonderen Maße psychisch und sozial belastet sind. Schwangere sollten außerdem eingehend über die Gefahren des Konsums von Alkohol, Tabak und anderer psychotrop wirkender Substanzen aufgeklärt und zur Abstinenz motiviert werden.

Auch Langzeitarbeitslosen sollten mehr Angebote zur Vorsorge von Erkrankungen zur Verfügung gestellt werden. Darüber hinaus setzt sich der Ärztetag für den Aufbau eines flächendeckenden Netzes medizinischer Hilfe für Wohnungslose sowie für die angemessene Versorgung von Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus und für eine Stärkung präventiver Angebote für ältere Menschen ein. Dadurch könne ein wesentlicher Beitrag zur Vermeidung, Verzögerung oder Minderung von Pflegebedürftigkeit geleistet werden, die bei vielen älteren Menschen zum Verlust angesparten Vermögens und damit in die Armut führen könne.

Der Deutsche Ärztetag begrüßte zudem die in dem Entwurf der Regierungskoalition für ein Präventionsgesetz vorgesehenen Maßnahmen zur Stärkung der betrieblichen Gesund­heits­förder­ung. „Durch diese Maßnahmen können besonders belastete und präventionsferne Bevölkerungsgruppen besser identifiziert und entsprechend beraten werden“, so das Ärzteparlament.

Positionierung der Ärzte

Dr. med. Ellis Huber, Berlin, forderte in einem weiteren Antrag die Bundes­ärzte­kammer dazu auf, sich als Partner an der Gemeinschaftsinitiative zur Unterstützung des Kongresses „Armut und Gesundheit“, der bereits von der Ärztekammer Berlin gefördert werde, zu beteiligen. Huber hält eine „Positionierung der Ärzteschaft“ für erforderlich. In einem weiteren Antrag wurde der Ärztetag aufgefordert, die Bundes­ärzte­kammer zu beauftragen, „anhand vorhandener Konzepte ein einfaches Modul zu Befundaufnahme und Befunddokumentation bei akut traumatisierten Patienten zu erarbeiten und den einzelnen Lan­des­ärz­te­kam­mern zur Verfügung zu stellen“. Diese Anträge wurden, weil sie finanzrelevant sind, an den Vorstand überwiesen. Montgomery betonte jedoch, dass sie durchaus wichtig und unterstützenswert seien.

Gisela Klinkhammer, Heike E. Krüger-Brand

Definition des relativen Armutsrisikos

Wer eine bestimmte Einkommensschwelle unterschreitet, gilt nach dem Konzept der relativen Einkommensarmut als arm. Experten haben hierfür unterschiedliche Ausprägungen festgelegt:

  • Wer über weniger als 60 Prozent des Durchschnitts-Pro-Kopf-Einkommens verfügt, gilt nach einer Definition der Europäischen Union als „armutsgefährdet“ („milde Armut“).
  • Liegt das Einkommen unter 50 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens, spricht man von relativer Armut.
  • Bei Einkommen unter 40 Prozent des Durchschnitts-Pro-Kopf-Einkommens ist die Rede von strenger Armut.

In Deutschland ist der Anteil der von relativer Armut betroffenen Menschen von 8,4 Prozent im Jahr 2001 auf 10,4 Prozent im Jahr 2009 gestiegen. Das Konzept ist jedoch nicht unumstritten.

@Broschüre „Armut und Gesundheit“
des Robert-Koch-Instituts und BÄKground spezial „Gesundheitliche Folgen von Armut“: www.aerzteblatt.de/131138

video.aerzteblatt.de

Das Deutsche Ärzteblatt hat Delegierte zum Thema Armut befragt:

www.aerzteblatt.de/video54598

FAZIT

TOP II: Armut und Gesundheit

  • Die Delegierten fordern, die vom öffentlichen Gesundheitsdienst durchgeführten Schuluntersuchungen flächendeckend zu erhalten und weiter auszubauen.
  • Der Ärztetag setzt sich für den Aufbau eines flächendeckenden Netzes medizinischer Hilfe für Wohnungslose und für eine Stärkung präventiver Angebote für ältere Menschen ein.

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