ArchivDeutsches Ärzteblatt23-24/2013Armut und Gesundheit: Hilfe für die Schwächsten

DEUTSCHER ÄRZTETAG

Armut und Gesundheit: Hilfe für die Schwächsten

Dtsch Arztebl 2013; 110(23-24): A-1141 / B-991 / C-987

Klinkhammer, Gisela

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Engagierte Ärztinnen und Ärzte sorgen für eine medizinische Basisversorgung für Wohnungslose in Hannover.

Foto: picture alliance
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Nur zwei Patienten sind bisher an diesem Mittwochnachmittag in die Straßenambulanz im Caritasverband Hannover gekommen. „Nicht immer ist es hier so leer. Manchmal sind die komplette Teestube und selbst der Gang überfüllt“, berichtet Dr. med. Ursula Lange, die medizinische Leiterin der Hannoveraner Straßenambulanz. Einer der beiden Patienten freut sich, dass er anscheinend heute keine Wartezeit hinnehmen muss, der andere setzt sich inzwischen in die Teestube, die für viele Wohnungslose, kranke und hilfsbedürftige Menschen fast so etwas wie ein Zuhause geworden ist. Sie dient keineswegs nur als Wartezimmer, sondern gleichzeitig auch als regelmäßiger Anlaufpunkt.

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Gleich gegenüber der Teestube befindet sich das Behandlungszimmer. Es ist zwar klein, aber funktional und komplett eingerichtet. „Anfangs haben wir noch in Bussen Sprechstunden abgehalten. Das empfanden aber viele der Patienten als stigmatisierend. Inzwischen findet die medizinische Versorgung in den Tagesaufenthalten und in den Wohnungsunterkünften statt“, erläutert Lange. Und offenbar fühlen sich die Patienten dort gut aufgehoben. Jedenfalls erhalten die Mitarbeiter viel positive Resonanz: „Mir wird geholfen, ich bekomme sachdienliche Hinweise. Zig Jahre habe ich eingezahlt, und jetzt bekomme ich nicht mal eine neue Brille. Hier kann ich wenigstens für meine notwendigste Grundversorgung sorgen“, meint einer der Patienten. Ein anderer „geht dahin, weil mich die Ärzte vorsichtig behandeln und verbinden. Weil ich sonst Angst vor Ärzten habe.“

Internistin Ursula Lange behandelt mindestens zweimal wöchentlich Menschen, die ihre Krankheiten oft lange verkannt oder verdrängt haben. Foto: Caritas Hannover
Internistin Ursula Lange behandelt mindestens zweimal wöchentlich Menschen, die ihre Krankheiten oft lange verkannt oder verdrängt haben. Foto: Caritas Hannover

Begonnen hat alles vor 14 Jahren auf Initiative der Ärztekammer Niedersachsen in Zusammenarbeit mit dem Caritasverband Hannover. Die Initiatorin und damalige Ärztekammerpräsidentin, Dr. med. Cornelia Goesmann, berichtet über die Anfänge des Projekts: „In Hannover fand in den Räumen der Ärztekammer Niedersachsen ein bundesweiter Kongress zu Problemen von Armut und Wohnungslosigkeit statt, der neben Fragen von besonderen Gesundheitsproblemen obdachloser Menschen auch verschiedene Modellprojekte zu deren medizinischer Hilfe vorstellte.“ Es habe sich gezeigt, dass Pioniere in verschiedenen Großstädten schon Vorbildliches zur somatischen wie psychiatrischen Versorgung derer, die auf der Straße leben, initiiert hatten. „In meiner Funktion als Gastgeberin der Ärztekammer Niedersachsen durfte ich die Nöte der Betroffenen und das Engagement der Helfer erleben und beschämt sehen, dass eine ärztliche Basisversorgung vor allem im Ballungsraum Hannover nicht gewährleistet war.“ Das Projekt zu realisieren, sei dann einfacher gewesen, als sie gedacht habe. Auf ihre Aufrufe in den Ärztekammer-Rundbriefen hätte sich eine ausreichende Anzahl engagierter Ärztinnen und Ärzte gefunden, die zum Teil bis heute an der Betreuung Wohnungsloser in Hannover teilnehmen.

„Neben den Wohnungslosen behandeln wir zunehmend Menschen aus der Armutsbevölkerung.“ Ursula Lange, medizinische Leiterin der Straßenambulanz in Hannover, Foto: Eberhard Hahne
„Neben den Wohnungslosen behandeln wir zunehmend Menschen aus der Armutsbevölkerung.“ Ursula Lange, medizinische Leiterin der Straßenambulanz in Hannover, Foto: Eberhard Hahne

Ehrenamtliche Leistungen

Und so werden seit 1999 in dem Projekt „Aufsuchende Gesundheitsfürsorge für Wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen in Hannover“ Menschen versorgt, die durch individuelle oder gesellschaftliche Zugangsbarrieren die medizinischen Leistungen der Regelversorgung nicht in Anspruch nehmen. Neben den „klassischen“ Wohnungslosen werde die Versorgung vermehrt von Menschen aus der „Armutsbevölkerung“ wahrgenommen, berichtet Lange. Und das scheint ein bundesweiter Trend zu sein. Die ursprünglich für Obdachlose gedachten Angebote werden zunehmend auch von Menschen mit festem Wohnsitz in Anspruch genommen. „Die Gruppe ist größer und heterogener geworden“, sagte der Vorsitzende des Vereins „Armut und Gesundheit“, Gerhard Trabert, Ende Mai der Deutschen Presse-Agentur. In die Wohnungslosen-Ambulanzen kommen dem Mainzer Obdachlosenarzt zufolge vermehrt Selbstständige, die ihre Privatversicherung nicht mehr zahlen können, oder auch EU-Mitbürger. Deshalb beschäftigte sich in diesem Jahr auch der 116. Deutsche Ärztetag in Hannover mit dem Thema Armut und Gesundheit. Es sei eine Schande, dass die Lebenserwartung in unserem reichen Land schichtenabhängig immer noch um zehn Jahre differiere, sagte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. Ärzte könnten sozial benachteiligten Personengruppen speziell Unterstützung bei der Identifikation von Belastungsfaktoren und der Erschließung von Hilfsangeboten bieten. Die Delegierten des Ärztetages forderten, ein flächendeckendes Netz zur medizinischen Hilfe von Wohnungslosen aufzubauen.

Dass Ärzte in diesem Bereich Engagement zeigen, verdeutlicht das Hannoveraner Projekt eindrücklich. Ärztliche Leistungen und Verbandsmaterial bei versicherten Patienten und Patientinnen können aufgrund der Ermächtigung zur Institutsambulanz abgerechnet werden. Die Leistungen werden von den Projektbeteiligten weitgehend ehrenamtlich erbracht, die Erträge fließen in
das Projekt zurück. Um dieses kontinuierlich weiterentwickeln zu können, wird seit 2000 eine Evaluation des Versorgungsgeschehens durchgeführt. Die Versorgungssituation wird anhand von Dokumentationskarten erfasst, die bei jedem Behandlungskontakt von den Ärzten und Ärztinnen, zum Teil mit Unterstützung des Pflegepersonals ausgefüllt und zur Auswertung und Analyse an das Zentrum für Qualität und Management, einer Einrichtung der Ärztekammer Niedersachsen, geschickt werden. Auf diesen Dokumentationskarten werden neben Alter, Geschlecht, sozialer Hintergrund und Versicherungsstatus auch die Grunderkrankungen des Patienten, der Anlass des Besuchs und die durchgeführten Therapien erhoben.

Überwiegend Männer

Seit dem Jahr 2000 wurden circa 21 000 Behandlungsfälle in den mobilen und ortsgebundenen Sprechstunden versorgt*. Das Projekt wird überwiegend von Männern in Anspruch genommen (67 Prozent). Der Anteil der behandelten Frauen ist von 23 Prozent im Jahr 2000 auf 33 Prozent im Jahr 2011 gestiegen. Der Anteil der Arbeitslosengeld-II-Empfänger liegt bei 68 Prozent, der der Rentner und Rentnerinnen bei 20 Prozent und derer mit Migrationshintergrund bei 15 Prozent. Bei 62 Prozent der Fälle war primär ein organisatorischer Anlass (Kostenübernahmen) Grund des Besuchs. Behandlungsanlässe wie Verletzungen, Hauterkrankungen und infektiöse oder parasitäre Erkrankungen sind rückläufig. Dagegen gibt es einen steigenden Anteil an
Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atemwegs-, Muskel- und Skeletterkrankungen. Bei 63 Prozent der Fälle wurde mindestens eine Grunderkrankung angegeben. Die größte Rolle spielen dabei psychische Erkrankungen (33 Prozent), Suchterkrankungen (26 Prozent) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen (20 Prozent). Viele Patienten sind im Drogensubstitutionsprogramm, viele haben bereits zahlreiche Entgiftungen hinter sich.

Da ist es für Ursula Lange von Vorteil, dass sie als Internistin lange in einem Methadonprogramm gearbeitet hat. Wenn man beispielsweise in einer Unterkunft Sprechstunde abhalte, in der mehr als 150 Männer untergebracht sind, viele von ihnen langzeithafterfahren und psychisch auffällig mit einem hohen Gewaltpotenzial, dann sei das schon eine Herausforderung. Diese nimmt Lange aber gern an, und sie möchte ihre Tätigkeit nicht mehr missen. Und wie ist sie dazu gekommen? Auch sie hatte sich von einem der Aufrufe von Goesmann angesprochen gefühlt und ist wie die meisten Ärzte, die in dem Projekt tätig sind, bereits im Ruhestand. Aber es gibt auch junge Mitarbeiter. Einer von ihnen sei der jetzige Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler gewesen, der es sich nicht nehmen ließ, bis zur Geburt seiner Zwillinge als Arzt für die medizinische Betreuung der Wohnungslosen regelmäßig tätig zu sein.

Gisela Klinkhammer

*Zahlen entnommen aus: 10 Jahre Evaluation „Aufsuchende Gesundheitsfürsorge für Wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen in Hannover“. Daten und Fakten zur aktuellen und für die zukünftige Gesundheitsversorgung, Zentrum für Qualität und Management im Gesundheitswesen, 2011.

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