ArchivDeutsches Ärzteblatt23-24/2013Körperbilder: Édouard Manet (1832–1883) - „Odaliske mit gelbem Bauch“

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Édouard Manet (1832–1883) - „Odaliske mit gelbem Bauch“

Dtsch Arztebl 2013; 110(23-24): [88]

Schuchart, Sabine

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Nicht ihrer nackten Schönheit oder sexuell aufreizenden Pose galten die hysterischen Beschimpfungen des Publikums, das 1865 beim Pariser „Salon“ Manets „Olympia“ zu sehen bekam. Im Gegenteil: Die Kunstkritiker und Besucher – gewöhnt an die vollen Brüste, ausladenden Hüften, das runde Gesäß und den Schlafzimmerblick in den Aktbildern eines Cabernel oder Ingres – monierten die „Hässlichkeit dieser Odaliske mit gelbem Bauch“, ihren konturierten Körper mit den durchscheinenden Knochen, der wie „eine ausgestellte Leiche“ aussehe. Sie deuteten die Schatten auf ihren Händen als Schmutz und schlossen daraus auf die unsittliche Moral der Porträtierten.

Édouard Manet: „Olympia“, 1863, Öl auf Leinwand, 130 × 190 cm: Ein Pantöffelchen, das sie kokett über ihren linken Fuß gestülpt hat, ist das einzige Kleidungsstück der nackten Olympia. Ebenso provokativ wie ihr lasziv ausgebreiteter Körper sind ihre Augen, die den Betrachter kühl-distanziert herausfordern. Eine dunkelhäutige Dienerin reicht ihr den Blumenstrauß eines im Bild nicht sichtbaren Verehrers. Manets Blick ins Schlafzimmer einer Kurtisane löste 1865 einen Riesenskandal aus. © Musée d’Orsay, Dist. RMN-Grand Palais/Patrice Schmidt
Édouard Manet: „Olympia“, 1863, Öl auf Leinwand, 130 × 190 cm: Ein Pantöffelchen, das sie kokett über ihren linken Fuß gestülpt hat, ist das einzige Kleidungsstück der nackten Olympia. Ebenso provokativ wie ihr lasziv ausgebreiteter Körper sind ihre Augen, die den Betrachter kühl-distanziert herausfordern. Eine dunkelhäutige Dienerin reicht ihr den Blumenstrauß eines im Bild nicht sichtbaren Verehrers. Manets Blick ins Schlafzimmer einer Kurtisane löste 1865 einen Riesenskandal aus. © Musée d’Orsay, Dist. RMN-Grand Palais/Patrice Schmidt

In Wirklichkeit jedoch reagierten sie auf den Riesenbruch mit der Tradition, den Manet sowohl thematisch als auch malerisch beging, als er sein Aktmodell Victorine Meurent in kompromissloser Nüchternheit als „Fille de Maison“, als elegante Prostituierte wie in einem Schaufenster darstellte. Liegende weibliche Akte waren zu der Zeit weit verbreitet, und das Motiv der „Venus pudica“, die mit ihrer Hand ihre Scham bedeckt, aus der Kunstgeschichte bekannt. Doch Manets gewaltige Provokation lag darin, dass er einem traditionellen Bildmotiv den idealisierenden, mystifizierenden Schleier entzog und eine reale Frau und keine Göttin auf dem Bett platzierte. Zudem ähnelte Victorines Leib in seiner zweidimensionalen Härte und ohne die gewohnte Weichzeichnung der Farben fast einer der neumodischen Fotografien. Die Komposition des Bilds hatte Manet eng an berühmte Akte wie Giorgiones „Schlummernde Venus“ und Tizians „Venus von Urbino“ angelehnt, beide mehr als drei Jahrhunderte älter. Doch wo Giorgiones Schöne noch in einer idyllischen Landschaft vor sich hin träumte und Tizians liebliche Nackte den Betrachter mit sinnlichem Blick verführte, schaut Olympia abweisend, in sich gekehrt. Mit ihrer selbstversunkenen Souveränität macht die Kurtisane den Zuschauer zum Voyeur. „Es ist unser Blick, der sie beleuchtet, indem er sich der Nacktheit der Olympia öffnet“, so der Philosoph Michel Foucault.

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Manet wurde mit seinem revolutionären Aktbild, das dem Pariser Musée d’Orsay gehört und diesen Som-mer zusammen mit der „Venus von Urbino“ im Dogenpalast in Venedig ausgestellt ist, zum Wegbereiter der Moderne. Ahnen konnte er dies allerdings nicht: „Die Beleidigungen prasseln wie Hagelkörner auf mich nieder. So etwas musste ich noch nie erdulden“, beklagte er sich 1865 bei Charles Baudelaire. Sabine Schuchart

Ausstellung

„Manet. Rückkehr nach Venedig“

Dogenpalast, Piazza San Marco, 1, Venedig;

www.mostramanet.it;

So.–Do. 9–19, Fr./Sa. 9–20 Uhr;

bis 18. August.

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