ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2013Liebe: Friedrich Schröder-Sonnenstern – Verteufelte Liebe

KUNST + PSYCHE

Liebe: Friedrich Schröder-Sonnenstern – Verteufelte Liebe

PP 12, Ausgabe Juni 2013, Seite 242

Kraft, Hartmut

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Dreifacher Weltmeister aller Künste“ – so nannte sich Friedrich Schröder gern selbst und fügte seinem Namen, damit er über allen leuchte, „Sonnenstern“ hinzu. Oft zeichnete er diesen Sonnenstern ganz real in die – bevorzugt rechte – obere Ecke seiner Bilder. Seine Lebensgeschichte mit mehreren Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken trug in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts einerseits zu seiner Anerkennung als herausragender Vertreter der „Art brut“ beziehungsweise „Kunst der Außenseiter“ bei, behinderte andererseits aber seine Würdigung als faszinierender, eigenständiger und unverwechselbarer Künstler in der Nachfolge der Surrealisten. Gegenwärtig zeichnet sich eine Neubewertung seines imposanten künstlerischen Werkes ab.

Nach einigen wenigen Versuchen begann Schröder-Sonnenstern erst 1949, also im Alter von 57 Jahren, regelmäßig zu zeichnen. Anfangs arbeitete er mit Bleistiften, spätestens ab 1952 entstanden die für ihn typischen Buntstiftzeichnungen. Als reiner Autodidakt betrat er künstlerisches Neuland und gelangte zu bislang nie gesehenen Bilderfindungen – so auch bei der hier gezeigten „Flucht vor dem Weibe“. Das Blatt steckt voller sexueller Hinweise. Nicht nur, dass die Ohren des Reiters als Penisse mit Augen gestaltet werden, das Gleiche gilt auch für die Zungen der beiden Figuren und selbst noch für die Hufe des Rappen. Dass dieses galoppierende Pferd dann selbst noch einen erigierten Penis und weibliche Brüste aufweist, sei nur noch der Vollständigkeit halber erwähnt. Wie wir bei genauerer Betrachtung sehen können, flieht aber kein Mann vor einer Frau, sondern eine rote, gehörnte Figur, offensichtlich ein Teufel. Er trägt ein Kreuz auf der Brust, könnte also im göttlichen/christlichen Auftrag unterwegs sein – als „letzte moralische Hoffnung“, wie es der in Klammern gesetzte zweite Teil des Titels aussagt. In dieser Sichtweise wäre der Teufel also dabei zu beobachten, wie er „das Weib“ in sein Reich entführt. Das wäre nun eine Hypothese, die auf unsägliche, sehr konservativ-katholisch geprägte Vorstellungen von einer „schmutzigen Sexualität“ Bezug nimmt, auf die Verführung des Mannes durch die triebgesteuerten, teuflischen Frauen – so, wie es mit Eva und der Schlange begann, die sich hier im Bild um die zweizinkige Forke des Teufels wie um einen Äskulapstab windet. Dass das Verdrängte, die verteufelte Sexualität sich nur umso stärker auflädt und zur Entladung drängt, wird durch die überbordende Sexualisierung der Bilddetails vor Augen geführt.

Friedrich Schröder-Sonnenstern selbst war möglicherweise sein Leben lang auf der Flucht vor dem Weibe. Seine Bilder zeigen bei aller sexuellen Thematik nie eine liebevolle Beziehung zwischen Mann und Frau oder gar eine körperliche Vereinigung, wohingegen zum Beispiel ein stark tabuisierter Vorgang wie eine Defäkation für ihn durchaus bildwürdig war. In diesen Zusammenhang passt unter anderem die Tatsache, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte mit Martha Möller zusammenlebte, aber stets von ihr nur als „Tante Martha“ sprach. Dr. med. Hartmut Kraft

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Biografie Friedrich Schröder-Sonnenstern

Geboren 1892 in Kuckerneese bei Tilsit. 1906 Einweisung in eine Erziehungsanstalt. Nach abgebrochener Lehre und verschiedenen Tätigkeiten ab 1910 mehrere Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken, wobei unterschiedliche Diagnosen gestellt, unter anderem von einer schizophrenen Erkrankung gesprochen wurde. Erste Zeichnungen 1933 bei einem Klinikaufenthalt. Beginn der regelmäßigen künstlerischen Arbeit erst ab circa 1949. Erste Ausstellungsbeteiligung 1953, erste Einzelausstellung 1961 in der Galerie Brockstedt in Hamburg. 1967 Ausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf, 1973 in der Kestner-Gesellschaft Hannover. Nach dem Tod der Lebensgefährtin „Tante Martha“ ab 1964 zunehmender Alkoholmissbrauch mit Abnahme der künstlerischen Schaffenskraft. Gestorben 1982 in Berlin.

1.
Kort P: Friedrich Schröder-Sonnenstern: Vom barfüßigen Propheten zum Avantgarde-Künstler. New York/Köln: Katalog der Galerie Michael Werner 2011.
2.
Kraft H: Grenzgänger zwischen Kunst und Psychiatrie. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag 2005, 3. Auflage.
3.
Schröder-Sonnenstern F: Friedrich Schröder-Sonnenstern – Farbkartons. Düsseldorf: Katalog der Kunsthalle Düsseldorf 1967.
1.Kort P: Friedrich Schröder-Sonnenstern: Vom barfüßigen Propheten zum Avantgarde-Künstler. New York/Köln: Katalog der Galerie Michael Werner 2011.
2.Kraft H: Grenzgänger zwischen Kunst und Psychiatrie. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag 2005, 3. Auflage.
3.Schröder-Sonnenstern F: Friedrich Schröder-Sonnenstern – Farbkartons. Düsseldorf: Katalog der Kunsthalle Düsseldorf 1967.

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