ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2013Psychische Erkrankungen: BPtK kritisiert Aufweichen der Diagnosekriterien im neuen DSM-V

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Psychische Erkrankungen: BPtK kritisiert Aufweichen der Diagnosekriterien im neuen DSM-V

PP 12, Ausgabe Juni 2013, Seite 244

EB; Bühring, Petra

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Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) kritisiert das „Aufweichen“ der diagnostischen Kriterien für psychische Erkrankungen in der Neufassung des „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM-V). BPtK-Präsident Prof. Dr. Rainer Richter hält es für falsch, dass darin Trauer nach dem Verlust einer nahestehenden Person bereits nach zwei Wochen als Krankheit eingestuft werden kann. „Wer intensiv trauert, erfüllt zwar häufig formal die Kriterien einer Depression, ist aber nicht krank.“ Die meisten Trauernden verkrafteten ohne Behandlung den Verlust einer geliebten Person. Der Schmerz könne Monate oder über ein Jahr dauern „und sollte nicht als behandlungsbedürftig gelten“, sagt Richter.

Mit der „Disruptive Mood Dysregulation Disorder“ können künftig auch Wutausbrüche bei Kindern als psychische Erkrankung klassifiziert werden. Foto: iStockphoto
Mit der „Disruptive Mood Dysregulation Disorder“ können künftig auch Wutausbrüche bei Kindern als psychische Erkrankung klassifiziert werden. Foto: iStockphoto

Die American Psychiatric Association (APA) veröffentlichte am 18. Mai die fünfte Fassung ihres Handbuchs DSM. Es wird auch die Neufassung des Klassifikationssystems ICD-10 der WHO im nächsten Jahr beeinflussen. „Für die Entwickler des ICD-11 sind die Kritikpunkte am DSM-V sicherlich wichtige Warnsignale“, sagt Richter.

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Auch beim Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) dürften die WHO-Experten nicht den US-Psychiatern folgen, fordert die BPtK. Künftig müssen im DSM-V motorische Unruhe und mangelnde Konzentrationsfähigkeit erstmalig vor dem zwölften Lebensjahr aufgetreten sein. Bisher gilt die Regel, dass diese Symptome bereits vor dem siebten Lebensjahr zu beobachten gewesen sein müssen, damit eine ADHS-Diagnose gestellt werden kann. Mit dem Heraufsetzen des Lebensalters erhöhe sich die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, aber auch der Erwachsenen, die eine ADHS-Diagnose erhalten können, erheblich. „Die ADHS-Kriterien sollten jedoch ausschließen, dass darunter auch Kinder und Jugendliche erfasst werden, die in erster Linie spezifische schulische oder berufliche Probleme haben“, fordert der BPtK-Präsident. In Deutschland erhält knapp jeder fünfte Junge zwischen dem siebten und zwölften Lebensjahr eine ADHS-Diagnose, und circa jeder zehnte Junge bekommt im Laufe der Kindheit und Jugend mindestens einmal Methylphenidat verordnet. „Angesichts dieser Häufigkeiten ist auch in Deutschland von einer deutlichen Überdiagnostik und pharmakologischen Übertherapie bei ADHS auszugehen“, kritisiert der BPtK-Präsident.

Schließlich geraten ebenfalls Wutausbrüche von Kindern und Jugendlichen in das erweiterte diagnostische Raster des US-Psychiatrie-Handbuchs. „Die neue Diagnose „Disruptive Mood Dysregulation Disorder“ (DMDD) ist ein hilfloser Versuch, eine US-spezifische Überdiagnostik von bipolaren Störungen bei Kindern in den Griff zu bekommen“, erklärt Präsident Richter. „Damit wird der nächsten Diagnose-Epidemie der Weg gebahnt.“ Grundsätzlich sei die Forschung zu überdurchschnittlich häufigen und starken Wutausbrüchen vor allem bei Jungen viel zu dürftig, um damit eine neue diagnostische Kategorie zu begründen. Das Risiko sei sehr groß, heftige emotionale Reaktionen von Kindern und Jugendlichen in Reifungskrisen als krank abzustempeln. Insbesondere drohten andere Gründe für wiederholte Temperamentsausbrüche wie ungelöste Konflikte mit Eltern, Lehrern oder Gleichaltrigen aus dem Blick zu geraten.

Sinnvoll erscheint der BPtK dagegen die Aufnahme des pathologischen Glücksspiels als Verhaltenssucht in das DSM-V. Bisher war krankhaftes Glücksspiel unter den Impulskontrollstörungen eingruppiert. Die Mechanismen dieser psychischen Erkrankung sowie deren Behandlungsverläufe legten jedoch eine Korrektur dieser Einordnung nahe. Vor allem die massiven Auswirkungen des Glücksspiels, wie ruinös hohe Schulden, rechtfertigten es, von einer Verhaltenssucht zu sprechen.

Kritik übt die BPtK auch an den Diagnosekriterien für die Binge-Eating-Störung. Hinsichtlich Häufigkeit und Dauer der Essanfälle seien diese Kriterien im DSM-V deutlich abgesenkt worden, nämlich wenn die Betroffenen drei Monate lang einmal pro Woche die Kontrolle darüber verlieren, wie viel sie essen. Bisher lag das diagnostische Kriterium für diese Essstörung bei mindestens zwei Anfällen pro Woche über mindestens sechs Monate. eb,pb

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