ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2013Interview mit Univ.-Prof. Dr. Alfred Pritz, Generalsekretär des Europäischen Verbandes für Psychotherapie: „In Deutschland ist alles sehr gut geregelt“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Univ.-Prof. Dr. Alfred Pritz, Generalsekretär des Europäischen Verbandes für Psychotherapie: „In Deutschland ist alles sehr gut geregelt“

PP 12, Ausgabe Juni 2013, Seite 251

Bühring, Petra

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Alfred Pritz über die unterschiedlichen Anforderungen an die Psychotherapeuten- ausbildung in Europa, seine Meinung zu einer universitären Direktausbildung, und warum diese an der Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien gut funktioniert.

Univ. Prof. Dr. Dr. hc. mult. Alfred Pritz, Psychoanalytiker, Generalsekretär der European Association for Psychotherapy und Präsident des World Council for Psychotherapy. 2005 gründete er mit anderen die weltweit erste Universität für Psychotherapiewissenschaften, die Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien. Fotos: Petra Bühring
Univ. Prof. Dr. Dr. hc. mult. Alfred Pritz, Psychoanalytiker, Generalsekretär der European Association for Psychotherapy und Präsident des World Council for Psychotherapy. 2005 gründete er mit anderen die weltweit erste Universität für Psychotherapiewissenschaften, die Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien. Fotos: Petra Bühring

Welche europäischen Länder haben die höchsten Anforderungen an eine Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung?

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Prof. Dr. Alfred Pritz: Man kann eine Spitzengruppe definieren: die Deutschen, die Österreicher und die Schweden. Deutschland hat sicherlich den größten Psychotherapiemarkt. Schweden hat verschiedene Zugänge zur Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung: Ärzte, Psychologen, aber auch Krankenschwestern, Priester, Sozialarbeiter und andere. Österreich hat eine sehr breite Zulassung: alle Humanberufe, auf die dann eine sehr lange Ausbildung folgt.

Die European Association for Psychotherapy (EAP) will die Qualität der Psychotherapieausbildungen in Europa sichern und hat dafür ein Zertifikat entwickelt. Wie funktioniert das?

Pritz: Die Interessenten bringen ihren Ausbildungsgang in das Gremium des EAP, und das bewertet dann, ob diese Ausbildung den Standards des European Certificate for Psychotherapy (ECP) entspricht. Gefordert sind mindestens 3 200 Ausbildungsstunden in der Psychotherapie, unabhängig davon, welchen Grundberuf jemand hat. Wichtig ist, dass er diese mehrjährige, umfangreiche Ausbildung absolviert hat, und zwar im Hinblick auf drei Dimensionen: Selbsterfahrung, Supervision und Theorie.

In Deutschland ist die Qualität der Ausbildung ja mit der Approbation gesichert. Welche Vorteile haben wir hier von dem Zertifikat?

Pritz: Arbeitgeber in Europa, wie zum Beispiel Kliniken, legen Wert darauf, dass jemand eine nachgewiesene Ausbildung hat. Zweitens ist es auch eine ideelle Frage, ob es einen europäischen Beruf gibt. Und es gibt ihn offensichtlich, auch wenn es nur in elf Ländern den gesetzlich geregelten Beruf des Psychotherapeuten gibt. Innerhalb der Europäischen Union verfügen 16 Länder über kein Psychotherapeutengesetz. Dort finden Patienten auf gut Glück einen qualifizierten Psychotherapeuten – oder eben nicht.

„Wir könnten unsere Erfahrungen mit der Direktausbildung für die Diskussion zur Verfügung stellen.“
„Wir könnten unsere Erfahrungen mit der Direktausbildung für die Diskussion zur Verfügung stellen.“

Sie haben in Ihrem Vortrag gesagt, es gebe in Europa eine Tendenz zur Angleichung der Psychotherapieausbildung auf ein höheres Niveau . . .

Pritz: Ich kann das an einem Beispiel erläutern: Bis vor einigen Jahren gab es viele Psychotherapieschulen, die keine Selbsterfahrung von Psychotherapeuten verlangt haben – insbesondere Verhaltenstherapie, aber ebenso systemische Familientherapie. Heute ist das eigentlich sehr schwer vorstellbar, dass dieser Ort der Selbstreflexion für Psychotherapeuten in der Ausbildung nicht verlangt wird.

Auch die Notwendigkeit ausreichender psychiatrisch-klinischer Erfahrung – in Deutschland ist das ja sehr gut geregelt – findet überall mehr Anklang. Das ist europaweit nicht selbstverständlich. Bei den Gesetzesdiskussionen wird immer mehr auf diese Aspekte Rücksicht genommen. Das war vor einigen Jahren überhaupt noch nicht so.

Was halten Sie von der Idee einer Direktausbildung, eines Hochschulstudiums der Psychotherapie, die im Moment diskutiert wird?

Pritz: Ich glaube, dass die Direktausbildung eine sehr gute Sache ist. Man muss keinen Umweg machen über einen anderen Beruf, sondern kann die Psychotherapie direkt studieren. Natürlich muss das Studium – so wie an der Sigmund-Freud-Privatuniversität (SFU) – auch praktisch orientiert sein, also eher wie ein Medizinstudium und nicht wie ein Philosophiestudium. Das heißt, die Studenten müssen mit praktischen Fällen arbeiten können unter Supervision. An der SFU beobachten die Studierenden zuerst, dann kotherapieren sie, und dann therapieren sie unter Supervision.

Ab welchem Semester können die Studierenden Patienten denn unter Supervision behandeln?

Pritz: Meistens ab dem sechsten Semester, und das geschieht an unserer Psychotherapieambulanz: Die SFU hat wohl die größte in Europa. Wir haben derzeit laufend etwa 1 700 Patienten und stellen die psychotherapeutische Grundversorgung für drei Wiener Gemeindebezirke sicher. Wir bieten die Behandlung zu einem sehr niedrigen Tarif zwischen zehn und 30 Euro pro Sitzung an; Menschen, die nur über eine Mindestsicherung von 734 Euro monatlich verfügen, behandeln wir gratis. In Österreich wird die Psychotherapie ja nur teilweise von den Krankenkassen übernommen (siehe auch PP, Heft 1/2009).

Was spricht noch für eine Direktausbildung?

Pritz: Ein weiterer Pro-Punkt für die universitäre Direktausbildung ist die Zusammenschau: Es gibt so viele verschiedene Strömungen der Psychotherapie, die die Studierenden kennen sollten. Das kann eine Hochschule besser gewährleisten als ein Ausbildungsinstitut, das eine bestimmte Schule vertritt. Wichtig ist auch der Umgang mit dem Administrativen, das lernen die jetzigen Psychotherapeuten kaum.

Außerdem sollte die Psychotherapie als eigenständige Disziplin begriffen und auch entsprechend wissenschaftlich diskutiert werden.

Bei vielen Psychotherapeuten stößt die Idee der Direktausbildung auf große Bedenken: Die Psychotherapeuten seien bei Abschluss viel zu jung. Wie sehen Sie das?

Pritz: Wir haben dieselbe Debatte auch gehabt. Viele haben gesagt, es sei unmöglich, dass 20- oder 21-Jährige schon beginnen. Es gibt ein einfaches Argument dagegen: Warum sagt man das nicht bei Ärzten, bei Pädagogen, bei Feuerwehrleuten und bei Krankenschwestern? Da habe ich noch nie gehört: „Sie müssen erst ein anderes Fach studieren, und wenn Sie dann 28 sind, dann können Sie mit der Medizin et cetera beginnen.“ Und die haben mindestens die gleichen Belastungen – wenn nicht mehr psychische Belastungen. Das Alter ist ein Argument, das rührt ausschließlich aus der Tradition her. Sachlich lässt es sich nicht begründen.

Sie bieten an der Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien bereits einen Studiengang Psychotherapiewissenschaft an . . .

Pritz: Ja, ein Bakkalaureat und ein Magisterstudium, das dauert mindestens fünf Jahre. Wir haben im Jahr etwa 160 neue Studierende, für das Studium der Psychologie und Psychotherapiewissenschaft zusammen. Unser Magisterabschluss der Psychotherapiewissenschaft wurde jetzt auch erstmalig bei einer Absolventin, die sich in Berlin niedergelassen hat, anerkannt.

Wir könnten unsere Erfahrungen mit der Direktausbildung für die Diskussion in Deutschland zur Verfügung stellen.

Ist die Sigmund-Freud-Privatuniversität international ausgerichtet?

Pritz: Ja, wir haben einen englischsprachigen Studiengang und können daher Behandlungen in 17 verschiedenen Sprachen anbieten. Unsere Studierenden kommen aus der ganzen Welt. Wenn sie die Reife haben, dann können sie unter Supervision ihre Landsleute in Wien behandeln. Das möchten wir natürlich an der neuen SFU in Berlin auch einführen. Wir starten im Oktober.

Die Fragen stellte Petra Bühring.

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