ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2013Psychotherapie in Europa: „Chaotische Zustände“

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Psychotherapie in Europa: „Chaotische Zustände“

PP 12, Ausgabe Juni 2013, Seite 250

Bühring, Petra

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Der Europäische Verband für Psychotherapie will das Engagement der Deutschen auf europäischer Ebene aktivieren. Eine Tagung in Berlin machte den Auftakt.

Der Einfluss der Deutschen innerhalb der European Association for Psychotherapy (EAP) habe in den letzten Jahren kontinuierlich abgenommen, sagte Adrian Rhodes, Präsident der EAP bei einer Tagung zur „Zukunft der deutschen Psychotherapie in Europa“ Mitte April in Berlin. „Das ist sehr schade, denn gerade in Zeiten, in denen Veränderungen in der Luft liegen, brauchen wir ihre Anwesenheit“, betonte Rhodes. Mit der Tagung im Hotel Adlon wollte der Verband deshalb auch ein wenig Werbung machen. Etwa 330 Teilnehmer waren der Einladung gefolgt.

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Fruchtbares Klima für Psychotherapie

„Wir vermissen in Deutschland eine politische Diskussion auf europäischer Ebene“, betonte auch Prof. Dr. Alfred Pritz, Generalsekretär der EPA. In Deutschland gebe es seiner Ansicht nach „ein sehr fruchtbares Klima für die Psychotherapie“. Allerdings verliere man hier häufig den Blick auf das große Ganze „und verheddert sich in Diskussionen zwischen Verbänden, Kammern und Ländern“.

Pritz, der auch Rektor der Sigmund-Freud-Privatuniversität (SFU) in Wien ist, nutzte die Gelegenheit der Tagung, um auf die Neugründung der SFU in Berlin aufmerksam zu machen (www.sfu-berlin.de). Ab Herbst werde in ausbaufähigen Räumen auf dem stillgelegten Flughafen Tempelhof zunächst ein Bachelor-Studiengang in Psychologie angeboten. Folgen sollen ein Master sowie ein Studiengang „Psychotherapiewissenschaft“, sobald in Deutschland die gesetzlichen Grundlagen für eine Direktausbildung geschaffen sind. In Wien gibt es letzteren Studiengang bereits. Die Entwicklung hin zu einer Direktausbildung findet Pritz sehr begrüßenswert (siehe Interview).

Im europäischen Vergleich habe die deutsche Psychotherapie „den großen Luxus, dass sie fest im System der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung verankert ist“, betonte Prof. Dr. Bernhard Strauß, Institut für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie der Universität Jena. Im Hinblick auf die Vergleichbarkeit herrschten in Europa jedoch „chaotische Zustände“.

Strauß gab einen Abriss der Psychotherapie in Europa mit Stand 2009: Gesetzliche Regelungen gebe es in elf von 23 europäischen Ländern; geschützt sei der Titel Psychotherapeut in sieben Ländern; ein Universitätsstudium als Zugang zur Psychotherapieausbildung sei in zwölf Ländern notwendig; zwischen Erwachsenen- und Kindertherapie werde nur in sieben Ländern unterschieden; die Dauer der Ausbildung variiere in den einzelnen Ländern zwischen zwei und sieben Jahren; auch die möglichen Zugangsberufe seien durchweg unterschiedlich; Prüfungen würden in 17 Ländern verlangt.

Das Europäische Zertifikat für Psychotherapie, das Mindeststandards für die Ausbildung zum Psychotherapeuten fordert (Kasten), sei ein Schritt in die richtige Richtung. „Wir hoffen grundsätzlich auf eine europäische Rahmenrichtlinie für Psychotherapie“, sagte Strauß.

Serie Psychotherapie in Europa in PP

Wie die Psychotherapie in den Ländern Europas aufgestellt ist, zeigt PP in unregelmäßigen Abständen in einer Artikelreihe. Vorgestellt wurden bisher Finnland, Frankreich, Großbritannien, Italien, die Niederlande, Österreich, Polen und Spanien. Der letzte Beitrag in Heft 3/2013 befasste sich mit der psychotherapeutischen Versorgung in Irland und Nordirland.

Petra Bühring

Der VerbaND

Die European Association for Psychotherapy (EPA) wurde 1991 in Wien gegründet und vertritt nach eigenen Angaben mehr als 200 Psychotherapieverbände aus 40 europäischen Ländern. Etwa 200 000 Psychotherapeuten sind Mitglieder der gemeinnützigen Organisation. Auf Grundlage der sogenannten Straßburger Deklaration (www.europsyche.org) hat sich die EPA zum Ziel gesetzt, hohe und vielfältige Ausbildungsstandards zu fördern und die professionellen Kompetenzen der Psychotherapeuten zu fördern.

Dazu vergibt die EPA unter anderem das Europäische Zertifikat für Psychotherapie, das Mindeststandards wie sieben Jahre Ausbildung, darunter ein relevanter Hochschulabschluss, vier Jahre Psychotherapieausbildung, mehr als 250 Stunden Selbsterfahrung und einen Theorieanteil von 500 bis 800 Stunden voraussetzt. Die EPA ist Mitglied des World Council for Psychotherapy und veranstaltet jährlich Kongresse, im Juli dieses Jahres beispielsweise in Russland. Außerdem gibt der Verband das International Journal of Psychotherapy heraus.

EAP Headoffice, Schnirchgasse 9 a, A-1030 Wien, Telefon: 0043 15131729, eap.headoffice @europsyche.org, www.europsyche.org

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