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116. Deutscher Ärztetag: Anspruch auf Wertschätzung und Anerkennung

PP 12, Ausgabe Juni 2013, Seite 253

Gerst, Thomas

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Die Forderung nach Wertschätzung der Arbeit von Ärztinnen und Ärzten war ein zentrales Motiv bei der Eröffnungsveranstaltung am 28. Mai in Hannover.

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Eröffnung des 116. Deutschen Ärztetages 2013

Der weit ausladende Kuppelsaal der 1911 bis 1914 erbauten Stadthalle bot die beeindruckende Kulisse für die Eröffnungsveranstaltung zum 116. Deutschen Ärztetag in Hannover. Es war keine umfassende Leistungsbilanz, die der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery (Bild oben), hier präsentierte, sondern die mitunter emotional vorgetragene Auseinandersetzung mit Themen, die von der Ärzteschaft derzeit als besonders belastend empfunden werden. Der Anspruch auf Wertschätzung und Anerkennung für das, was Ärzte für die Patienten leisten, war ein zentrales Motiv in der Rede des Präsidenten. „Die meisten unserer Kolleginnen und Kollegen bemühen sich Tag für Tag, dem in sie gesetzten Vertrauen der Patienten gerecht zu werden. Sie spüren diese hohe Verantwortung und handeln aus ethischer Selbstverpflichtung“, betonte Montgomery. Dagegen würden die Schlagzeilen in den Medien beherrscht von Schlagwörtern wie Ärztepfusch oder Ärztekorruption.

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Montgomery warf insbesondere den Krankenkassen vor, „einige Wochen vor dem Ärztetag mit ihren üblichen Kampagnen zur Desavouierung der Ärzteschaft“ begonnen zu haben. Als Beispiele nannte er die Behauptung des GKV-Spitzenverbands, die Hälfte aller Klinikabrechnungen sei falsch, und die vom Medizinischen Dienst der Kran­ken­ver­siche­rung vorgelegte Statistik zur Fehlerhäufigkeit bei der ärztlichen Behandlung. Dabei werde allzu gerne vergessen, dass es die Ärzteschaft selbst sei, die mit ihren Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen konstruktiv an der Konfliktlösung im Interesse von Patient und Arzt arbeite.

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Fotos: Jürgen Gebhardt
Fotos: Jürgen Gebhardt

Kritisch ging Montgomery auch mit denen ins Gericht, die die ärztekritischen Schlagzeilen produzieren. „So wie wir Ärzte uns den medizinethischen Standards stellen müssen, so sollten auch im Journalismus die Grundsätze einer sauberen Recherche und einer ausgewogenen Berichterstattung gelten.“ Selbstverständlich machten Ärzte gelegentlich Fehler, doch es sei fast unvermeidlich, danach jedes Mal wieder in den Medien pauschalisierend vom „Ärztepfusch“ zu lesen oder zu hören. Wenn aber von den Ärzten erfolgreich Fehlervermeidungssysteme implementiert würden, sei das den Journalisten zumeist keine Zeile wert.

Auch die mediale Aufbereitung von Fällen ärztlicher Korruption folgt nach Ansicht des BÄK-Präsidenten dem gleichen Schema: „Das Fehlverhalten eines einzelnen Arztes wird zum Verhaltensmuster eines ganzen Berufsstandes hochstilisiert.“ Montgomery erklärte sich bereit, einem Gesetz zur Bekämpfung von Korruption im Gesundheitswesen zuzustimmen, damit die wenigen, die sich bestechen ließen, bestraft würden. Bedingung für diese Bereitschaft der Ärzteschaft sei aber, führte Montgomery aus, dass es keine Lex specialis allein für Ärzte geben dürfe. Zudem müssten Bestechende und Bestochene gleichermaßen bestraft werden. „Wir müssen sehr darauf achten, dass die böse Saat des Gerüchts, der Verleumdung und Unterstellung nicht den ärztlichen Alltag zerstört“, fasste Montgomery unter lebhaftem Applaus den Sachverhalt zusammen. „Wir wollen nicht, dass die wenigen, die sich falsch verhalten, letztlich den Ruf der vielen rechtschaffenen Ärzte ruinieren, die sich an die Gesetze halten und die es leid sind, immer populistisch in einen Topf mit den anderen geworfen zu werden.“

Delegierte und Gäste bei der Eröffnungsveranstaltung zum 116. Deutschen Ärztetag
Delegierte und Gäste bei der Eröffnungsveranstaltung zum 116. Deutschen Ärztetag
Verstärktes Bemühen um den Nachwuchs: Niedersachsens Kammerpräsidentin Martina Wenker will den Bedürfnissen der nachwachsenden Ärztegeneration gerecht werden.
Verstärktes Bemühen um den Nachwuchs: Niedersachsens Kammerpräsidentin Martina Wenker will den Bedürfnissen der nachwachsenden Ärztegeneration gerecht werden.

Auch mit Blick auf bekanntgewordene Verfehlungen in der Transplantationsmedizin sieht Montgomery ähnliche Wirkmechanismen. Obwohl die ärztliche Selbstverwaltung die Aufklärung entscheidend vorangetrieben habe und staatliche Institutionen viel zu oft weggesehen hätten, werde nun öffentlich nach mehr Staat bei der Regelung der Organspende und der Transplantationsmedizin gerufen. „Mehr Staat kann nicht die Lösung sein“, brachte es der BÄK-Präsident auf den Punkt und verwies auf die erfolgreiche Überprüfung der Lebertransplantationen durch Kommissionen der Bundes­ärzte­kammer. Montgomery sprach von schmerzlichen Ergebnissen, die dabei in einigen wenigen Fällen zutage gefördert worden seien. Allen Beteiligten müsse klar sein, dass es sich bei der Manipulation an Organverteilungslisten nicht um Kavaliersdelikte, sondern um schwere Rechtsverstöße handele.

Montgomery verwies darauf, dass es bei den bekannten Verstößen nicht um materielle Vorteile für den Einzelnen gegangen sei, sondern um lukrative Operationen für das ganze Haus. Diese Beeinflussung ärztlichen Handelns, die Öko­nomi­sierung der Medizin, entwickele sich zu einem Problem, dem man vonseiten der Ärzte mehr entgegensetzen müsse. Montgomery: „Im Krankenhaus bekommt die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, das Ergebnis vor Steuern, einen höheren Stellenwert als die medizinische Leistungsfähigkeit, die Qualität der Patientenversorgung und die Humanität in der Daseinsvorsorge für die uns anvertrauten Patienten. Und in der Praxis dominieren Budgets, Pauschalen und Regresse das medizinisch Sinnvolle.“ Mittlerweile müssten Ärzte ständig gegen die Versuchung kämpfen, primär in ökonomischen Kategorien zu denken.

Abschließend wandte sich der BÄK-Präsident dem Thema „Zukunft der Finanzierung der Kran­ken­ver­siche­rung“ zu. Er stellte die sieben Kernpunkte eines vom BÄK-Vorstand gemeinsam mit Gesundheitsökonomen erarbeiteten Reformpapiers vor. Dieses sieht vor:

  • ein klares Bekenntnis zum Erhalt des dualen Kran­ken­ver­siche­rungssystems,
  • die Wiederherstellung der Finanzautonomie der Krankenkassen; sie erheben einen einkommensunabhängigen und von ihnen autonom festgelegten Gesundheitsbeitrag;
  • eine Belastungsgrenze von maximal neun Prozent des Haushaltseinkommens;
  • dieser Ausgleich erfolgt aus Mitteln des Gesundheitsfonds;
  • der Arbeitgeberanteil wird auf 7,3 Prozent festgelegt;
  • dieser fließt gemeinsam mit Mitteln aus der Rentenversicherung und Steuermitteln für den Solidarausgleich in den Gesundheitsfonds, mit dem der Sozialausgleich und die Kinder- und Familienmitversicherung finanziert werden;
  • ein Gesundheitssparkonto für jedes Kind, auf das aus Steuermitteln eine portable Grundausstattung zur Verfügung gestellt wird, wenn es im Erwachsenenalter eine sozial­ver­sicherungs­pflichtige Beschäftigung aufnimmt.
Einig mit dem BÄK-Vorstand in der Ablehnung der Bürgerversicherung: der Bundesminister für Gesundheit, Daniel Bahr
Einig mit dem BÄK-Vorstand in der Ablehnung der Bürgerversicherung: der Bundesminister für Gesundheit, Daniel Bahr

In der Ablehnung der Bürgerversicherung weiß sich Montgomery einig mit dem Bundesminister für Gesundheit, Daniel Bahr, der zur Eröffnungsveranstaltung nach Hannover gekommen war. „Eine solche Einheitsversicherung für alle“, betonte Bahr in seiner Grußansprache, „wird den Bedürfnissen und Erwartungen der Menschen nicht gerecht.“ Bahrs Befürchtung: „Die Bürgerversicherung macht den Patienten zum Bittsteller einer Einheitskasse.“ Ohne den Druck der privaten Kran­ken­ver­siche­rung fehle ein Anreiz für die Krankenkassen, sich zu bewegen, erläuterte Bahr. Er plädierte dafür, auch in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung das System der Zusatzbeiträge weiter auszubauen. „Wir wollen ein Versicherungssystem, das auf Vielfalt aufbaut und den Ansprüchen der Versicherten gerecht wird.“

Bahr warnte davor, das deutsche Gesundheitssystem schlechtzureden. Andere Länder beneideten Deutschland um seinen für alle Versicherten gleich hohen Standard der medizinischen Versorgung. Er verwies auf zwei große Herausforderungen, die es, wolle man diesen Standard aufrechterhalten, zu bewältigen gelte. Das seien zum einen die Folgen der demografischen Entwicklung mit den höheren Krankheitskosten im Alter. Zum anderen werde der Wettbewerb um die jungen Fachkräfte immer härter, und es müsse gelingen, für eine nachwachsende Ärztegeneration attraktive Arbeitsbedingungen zu schaffen.

Hierauf verwies auch Dr. med. Martina Wenker, Präsidentin der gastgebenden Ärztekammer Niedersachsen, in ihrer Begrüßungsrede. Der Ärztemangel werde sich in den nächsten Jahren bei zunehmender Morbidität noch verschärfen; sie geht davon aus, dass in den nächsten sieben Jahren 71 000 Ärzte, das sind 20 Prozent der derzeit knapp 349 000 berufstätigen Ärzte, in den Ruhestand treten werden. Wolle man diese ersetzen, müsse man sich auf die Bedürfnisse und Erwartungen der nachwachsenden Generation einstellen, wozu vor allem zählten:

  • planbare, aber auch flexible Arbeitszeiten mit der Möglichkeit der Teilzeittätigkeit,
  • Tätigkeit im Team, in Kooperationen, in vernetzten Versorgungsstrukturen,
  • Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Genauso wichtig aber sei, betonte Wenker abschließend, dass allen hier tätigen Ärzten die Wertschätzung entgegengebracht werde, die sie aufgrund ihres immer verdichteteren und rigideren Arbeitsalltags verdienten. Wertschätzungskultur bedeute für sie mit Blick auf die zukunftsfähige Ausgestaltung der Gesundheitsversorgung auch, „die fachliche Expertise der verfassten deutschen Ärzteschaft im zukünftigen Diskussions- und Entscheidungsprozess mit einzubeziehen“.

Thomas Gerst

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