ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2013Theodor Reik: „Hören mit dem dritten Ohr“

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Theodor Reik: „Hören mit dem dritten Ohr“

PP 12, Ausgabe Juni 2013, Seite 264

Goddemeier, Christof

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„Was das psychologische Rohmaterial analytischer Erkenntnis anlangt, enthält etwa ein Band Schopenhauer und Nietzsche Wesentlicheres und Wertvolleres als die gesamte medizinische Literatur von Galenus bis Kraepelin.“ Theodor Reik. Foto: NLM
„Was das psychologische Rohmaterial analytischer Er­kenntnis anlangt, enthält etwa ein Band Schopen­hauer und Nietzsche Wesentlicheres und Wertvolleres als die gesamte medizinische Literatur von Galenus bis Kraepelin.“ Theodor Reik. Foto: NLM

Vor 125 Jahren wurde der Psychologe und Psychoanalytiker Theodor Reik geboren.

Theodor Reik hat etwa 50 Bücher über Psychologie und Psychoanalyse veröffentlicht. Er schreibt gut leserlich und enthält sich weitgehend einer Fachterminologie, die Wissen vortäuscht, wo viel noch unerforscht und unbekannt ist.

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Am 12. Mai 1888 wird Theodor Reik in Wien geboren. In seiner Autobiografie (1949) ordnet er seine Familie dem Kleinbürgertum zu. Der Vater stirbt, als Reik das Gymnasium abschließt, die Mutter vier Jahre später. Im gleichen Jahr, 1910, stößt Reik auf Sigmund Freuds „Traumdeutung“. Das Werk beeindruckt ihn tief, und er sucht Freud persönlich auf. Zu dieser Zeit studiert er an der Wiener Universität Philosophie, Literatur und Psychologie. Reik wird Schüler Freuds und nimmt regelmäßig an den Treffen der „Mittwochsgesellschaft“ und der „Wiener Psychoanalytischen Vereinigung“ teil. 1912 promoviert er mit der ersten Doktorarbeit über ein psychoanalytisches Thema: „Flaubert und seine ,Versuchung des heiligen Antonius‘: ein Beitrag zur Künstlerpsychologie“. Damit stellt er sich gegen die damals gängigen psychologischen Schulen, deren Vertreter einen psychoanalytischen Zugang überwiegend ablehnen. Weitere Beiträge zur Künstlerpsychologie folgen, etwa „Dichtung und Psychoanalyse“ und „Arthur Schnitzler als Psychologe“. Reiks Schrift „Über die Pubertätsriten der Wilden“ wird als beste Arbeit im Bereich angewandter Psychoanalyse ausgezeichnet.

Freud rät Reik, auf ein Medizinstudium zu verzichten und sich stattdessen eingehend mit der Psychoanalyse zu beschäftigen. Im Ersten Weltkrieg ist Reik Soldat in der österreichischen Armee. Er heiratet Ella Oratsch und absolviert bei Karl Abraham in Berlin eine Lehranalyse. Freud unterstützt Reik und sendet ihm monatlich 200 Mark, die Analyse bei Abraham ist kostenfrei. Als Nichtmediziner kann Reik zunächst nicht psychotherapeutisch arbeiten. Doch ab den 1920er Jahren unterrichtet er am Berliner Institut für Psychoanalyse. 1923 kehrt er nach Wien zurück und arbeitet als Psychoanalytiker. Das fehlende Medizinstudium erweist sich jetzt als Problem: 1926 wird Reik angeklagt, weil er Psychoanalyse praktiziert, obwohl er nicht Arzt ist.

Die juristische Auseinandersetzung führt dazu, dass Freud seine Argumente für die Laienanalyse in einer Schrift zusammenfasst. Hier hebt er die wertvollen Beiträge nichtärztlicher Mitarbeiter hervor und sieht in einer Beschränkung der Analyse auf die medizinische Sphäre eine „verhängnisvolle Verarmung“. Doch Freud besteht darauf, dass ein Patient vor der Behandlung durch einen nichtärztlichen Analytiker von einem Arzt untersucht werden müsse. Reik formuliert schärfer: „Was das psychologische Rohmaterial analytischer Erkenntnis anlangt, enthält etwa ein Band Schopenhauer und Nietzsche Wesentlicheres und Wertvolleres als die gesamte medizinische Literatur von Galenus bis Kraepelin. Was die Methode anlangt, steht bei aller entscheidenden Differenz die Beichte der Kirche der Analyse näher als die klinische Anamnese, wie sie vor dreißig Jahren aufgenommen wurde.“ (1926)

Einem größeren Publikum wird Reik durch seine Arbeit „Geständniszwang und Strafbedürfnis“ (1925) bekannt. Bereits 1915 hatte Freud in seinem Aufsatz „Verbrecher aus Schuldbewusstsein“ konstatiert, eine Tat werde begangen, weil und nicht obwohl sie verboten und mit Strafe bedroht sei. Demnach leiden Verbrecher vor der Tat unter einem drückenden Schuldgefühl, dem sie durch die Tat einen Inhalt geben. Das Schuldbewusstsein geht also der Tat voraus, nicht die Tat dem Schuldbewusstsein. Reik leitet daraus eine verallgemeinernde Theorie des Verbrechens ab. Ihr liegt die Annahme zugrunde, dass verdrängte Inhalte trotz starker Abwehrmaßnahmen mehr oder weniger verschlüsselt ins Bewusstsein drängen und nach Ausdruck verlangen. Freud kommentierte diese Beobachtung mit der Sentenz, kein Mensch könne ein Geheimnis bewahren. Reik definiert „Geständnis“ über die Bedeutung in der juristischen Fachsprache hinaus als „Aussage über eine Triebregung, die als verboten gefühlt oder erkannt wird“. Demnach ist das Geständnis wie ein neurotisches Symptom ein Kompromiss zwischen Triebregung und Verbot. Im Geständniszwang findet man nach Reik „ein Stück Strafbedürfnis (. . . ) eine partielle Befriedigung (. . .); es handelt sich um eine partielle Befriedigung des auf die verpönten Wünsche reagierenden Schuldgefühles“. Die Energie dieses Geständniszwangs speise sich aus drei Quellen: aus dem Drang der verpönten Triebregung, aus der Abwehr der Triebregung und aus der Verstärkung der Triebregung durch Verdrängung. Im Geständnis zeigt sich die soziale Natur des Menschen, sein Wunsch, Teil einer Gemeinschaft zu sein.

Kriminalität als „sozialer Anpassungsdefekt“

Reik geht so weit, der Gesellschaft eine „unbewusste Identifizierung mit dem Verbrecher“ zu unterstellen. Damit befriedige die Strafe auch das Strafbedürfnis der Gesellschaft. 1929 veröffentlichen Franz Alexander und der Jurist Hugo Staub „Der Verbrecher und seine Richter. Ein psychoanalytischer Einblick in die Welt der Paragrafen“. Sie sehen Neurose und Kriminalität als „soziale Anpassungsdefekte“, die sich nicht qualitativ, sondern quantitativ voneinander unterscheiden: „Was der Neurotische in (. . .) harmlosen Symptomen symbolisch zur Darstellung bringt, führt der Kriminelle in realen Handlungen aus.“ Dabei geht es den Autoren nicht darum, alles zu entschuldigen. Sie wollen die Strafjustiz nicht abschaffen, sondern setzen sich für ihre Humanisierung ein. Zudem weisen sie darauf hin, dass die übliche Bestrafungspraxis niemanden bessern könne. Die Hoffnung der Analytiker auf eine grundlegende Veränderung von kriminologischer Theorie und Praxis erfüllt sich jedoch nicht.

Freud hatte in seinen „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ (1905) den inneren Zusammenhang zwischen Sadismus und Masochismus hervorgehoben. Mit der Erklärung des Masochismus als blockierter und fehlgeleiteter Aggressionstrieb mag Reik sich nicht zufriedengeben und widmet dem Problem eins seiner Hauptwerke („Masochism in Modern Man“ 1940, deutsch 1977). Hier sucht er zu belegen, dass Leiden, Schmerz und Demütigung nicht Hauptziel, sondern Umwege zu Selbstbehauptung und Machterweiterung seien. Dabei versteht Reik unter „suspense“, dass masochistisch gestörte Menschen lange in der ängstlichen Spannung zwischen Angst und Lust verweilen, und die „Vorlust“ der „Endlust“, das heißt der Hingabe an einen Partner, vorziehen. Karen Horney zufolge verfolgen diese Menschen das Ziel, die eigene Persönlichkeit aufzugeben und ihr Ich im anderen zu verlieren. Reik vertritt das Gegenteil: „Der Masochist ist ein Revolutionär in der Selbstaufgabe. Das Lammfell, das er trägt, verbirgt einen Wolf. Die Nachgiebigkeit schließt den Trotz ein, die Gefügigkeit die Widerborstigkeit. Unter der Sanftmut ist Härte, unter der Unterwürfigkeit Aufruhr verborgen.“ Mit der Sentenz „Sieg durch Niederlage“ bringt Reik masochistische Umwege in eine einprägsame Formel.

Der aufkommende Faschismus in Österreich veranlasst Reik, zunächst in die Niederlande und 1938 in die USA zu emigrieren. Hier hat er als Nichtmediziner anfangs erhebliche Schwierigkeiten, weil die US-amerikanische psychoanalytische Gesellschaft Freuds Haltung zur Laienanalyse nicht teilt, laut Reik eine der „bittersten Erfahrungen“ seines Lebens. Doch er praktiziert und publiziert weiter, seine Bücher werden positiv aufgenommen. In „Hören mit dem dritten Ohr“ fasst Reik 1948 seine Erfahrungen als Analytiker zusammen – eine Mischung aus Anekdotischem, Fallbeispielen und anschaulich vermittelter Theorie. „Hören mit dem dritten Ohr“ – der Ausdruck stammt von Friedrich Nietzsche – bedeutet zu hören, was Worte nicht sagen. Zudem hört der Analytiker nicht nur, „was der Patient spricht, sondern auch (. . .), was aus seinen eigenen unbewussten Tiefen auftaucht. (. . .) In der Psychoanalyse sind nicht die Worte das Wichtigste. Es erscheint uns wichtiger, zu erkennen, was das Sprechen verbirgt und was das Schweigen offenbart“.

In der „gleichschwebenden Aufmerksamkeit“ des Analytikers sieht Reik das „notwendige Gegenstück zu der Forderung dem Patienten gegenüber, alles zu sagen, was ihm in den Kopf kommt, ohne Überlegung und Auswahl“. Im Unterschied zur willentlichen, vor allem intellektuellen Aufmerksamkeit verfolgt gleichschwebende Aufmerksamkeit nicht das Ziel, sofort zu verstehen und einzuordnen. Reik zufolge führt dieses Zurückziehen der Aufmerksamkeit nicht zu Unaufmerksamkeit, sondern zur Bereitschaft, „eine Fülle von Reizen aufzunehmen, die aus dem Unbewussten oder Unbekannten auftauchen“. Reik plädiert dafür, sich für die Analyse Zeit zu nehmen, eine „atemlose Jagd nach Deutungen“ lehnt er ab.

Selbstkritik und intellektuelle Redlichkeit unverzichtbar

Gerade im Namen der Wissenschaft weist Reik den Schein methodischer Exaktheit und die Behauptung zurück, die Psychoanalyse sei in ein festes System einzuordnen: „Die Analyse gehorcht dem Gesetz, durch das sie sich entfaltet. Aber ihre Ordnung ist bestimmt durch die wechselseitige Aktion des Unbewussten.“ Eine Gefahr erwächst der Analyse laut Reik aus den Deutungstechniken, die Wilhelm Stekel propagiert. Hier werde alles den Ideen überlassen, die dem Analytiker einfallen, mit dem Ergebnis, „dass der Analytiker dem Patienten die Idee, die ihm einfällt, eher aufzwingt als mitteilt (. . .), keinem Filter der Selbstkritik oder Überprüfung unterworfen“.

Theodor Reik indes hielt Selbstkritik und intellektuelle Redlichkeit, die auch den „Mut zum Nichtverstehen“ einschließt, für unverzichtbar. Am 31. Dezember 1969 ist er in New York gestorben.

Christof Goddemeier

1.
Klippert U: Theodor Reik: Leben und Werk. Mainz 1974.
2.
Moser T (Hrsg.): Psychoanalyse und Justiz. Frankfurt am Main 1971.
3.
Rattner J: Theodor Reik, in: Klassiker der Tiefenpsychologie. München 1990.
1.Klippert U: Theodor Reik: Leben und Werk. Mainz 1974.
2.Moser T (Hrsg.): Psychoanalyse und Justiz. Frankfurt am Main 1971.
3.Rattner J: Theodor Reik, in: Klassiker der Tiefenpsychologie. München 1990.

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