ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2013Klinische Kinderneuropsychologie: Kindgerechte Behandlung

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Klinische Kinderneuropsychologie: Kindgerechte Behandlung

PP 12, Ausgabe Juni 2013, Seite 277

Koch, Joachim

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Kinder und Jugendliche erleiden bei Schädelhirntraumen häufig bleibende Beeinträchtigungen mit oft gravierenden Spätfolgen. Der Beitrag gibt einen Überblick über Diagnostik und Therapie im ambulanten Setting.

Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit Zulassung in Klinischer Neuropsychologie können im GKV-System neben Erwachsenen auch Kinder und Jugendliche klinisch-neuropsychologisch behandeln. Wenn geeignete Normen vorliegen, können etliche Testverfahren für Erwachsene auch bei Kindern und Jugendlichen Anwendung finden. Beim Einsatz von Testverfahren ist abzuwägen, ob andere Testverfahren kindgerechter sind, speziellere Ergebnisse bringen oder Kinder besser motivieren.

Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen zählen zu den häufigsten bleibenden Folgen nach Schädelhirnverletzungen. Zur Diagnostik von Aufmerksamkeitsstörungen eignet sich die Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung (TAP) (1), die 13 Untertests bereitstellt. Für die Prüfung der Alertness (das Aufmerksamkeitskonstrukt ist hier die allgemeine Reaktionsbereitschaft) und der geteilten Aufmerksamkeit sind Normen für Kinder ab sechs Jahren verfügbar, für das visuelle Scanning und das Arbeitsgedächtnis gibt es Normen ab zehn Jahren. Daneben könnten im Aufmerksamkeitsbereich der d2-R mit Normen ab neun Jahren sowie der Zahlenverbindungstest (ZVT) mit Normen ab acht Jahren angewandt werden.

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Kognitive Entwicklung von Heranwachsenden abklären

Mit der WISC-IV (2) kann die kognitive Entwicklung von Kindern und Jugendlichen im Alter von sechs bis 16 Jahren abgeklärt werden. Im Vergleich mit Testvorgängern wurde auf die Unterteilung in Handlungs- und Verbalteil verzichtet. An deren Stelle treten vier Indexwerte (Sprachverständnis, wahrnehmungsgebundenes logisches Denken, Arbeitsgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit), die getrennt voneinander interpretiert werden können. Zum Bereich Arbeitsgedächtnis gehören die drei Untertests Zahlen nachsprechen, Buchstaben-, Zahlenfolge sowie rechnerisches Denken.

Andere Aspekte des Gedächtnisses können mit dem Verbalen Lern- und Merkfähigkeitstest (ab sechs Jahren), dem Diagnosticum für Cerebralschädigung (ab fünf Jahren), dem Rey-Osterrieth-Complex- Figure-Test (ab sieben Jahren), dem Rivermead-Behavioural-Memory-Test (englischsprachige Version für Kinder von fünf bis zehn Jahren, deutschsprachige Erwachsenenversion ab 16 Jahren), dem Block-Tapping-Test (ab sechs Jahren), dem Lern- und Gedächtnis-Test LGT-3 (ab 14 Jahren) sowie der Wechsler-Memory-Scale IV (ab 16 Jahren) abgeprüft werden.

Therapeutische Programme sind häufiger mit anderen Gruppen als Schädelhirntraumatikern durchgeführt worden, so beispielsweise mit Kindern mit ADHS. Das bewährte Marburger Konzentrationstraining (3) ist als Kurzintervention konzipiert. In Gruppen mit drei bis vier Kindern wird einmal wöchentlich für sechs bis acht Wochen trainiert. In Erfolgsbewertungen wurden eine Verringerung der Unaufmerksamkeitssymptome und eine erhöhte Selbstständigkeit der Kinder bei den Hausaufgaben festgestellt. Ein Gruppentraining für Kinder und Jugendliche mit Aufmerksamkeitsstörungen ist von Jacobs & Petermann (4) konzipiert worden. Das Programm ATTENTIONER zielt auf die Verbesserung der Aufmerksamkeit bei sieben- bis 14-jährigen Kindern ab und benutzt Aufgaben, die Hemmprozesse einüben, weil die Grundannahme vertreten wird, dass Aufmerksamkeitsstörungen primär als Inhibitionsstörung zu verstehen sind. Für dieses kindgerechte Programm ist eine Vielzahl von Aufgaben entwickelt worden, die Kinder sehr gut zur Mitarbeit motivieren.

Vermittlung von Gedächtsnisstrategien

Das neuropsychologische Einzeltraining REMINDER (5) ist für die ambulante Behandlung von Gedächtnisstörungen bei sieben- bis zwölfjährigen Kindern entwickelt worden. Ein Schwerpunkt des Programms ist die kindgerechte Vermittlung von Gedächtnisstrategien.

Kinder und Jugendliche erleiden bei Schädelhirntraumen bleibende Beeinträchtigungen mit oft gravierenden Spätfolgen. Ambulant arbeitende Neuropsychologinnen und Neuropsychologen können einen wichtigen therapeutischen Beitrag leisten. Die Inhalte der Klinischen Kinderneuropsychologie sind umfassend in den Büchern von Heubrock & Petermann (6) sowie Reynolds & Fletcher-Janzen (7) dargelegt. In den USA ist nach den neuropsychologisch goldenen Achtzigerjahren die Forschung vernachlässigt worden, was auch von Kandel (8) beklagt wird. Kinderneuropsychologie stand gar nicht im Fokus des Interesses. Für die Zukunft kann der Wunsch ausgesprochen werden, dass neben der kinderneuropsychologischen Theorie auch weitere störungsspezifische Interventionsangebote für betroffene Kinder und Jugendliche entwickelt und evaluiert werden.

Joachim Koch, Dipl.-Psych.

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit0613

1.
Zimmermann P, Fimm B: TAP 2.3. Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung (TAP). Version 2.3. Herzogenrath: PSYTEST 2012.
2.
Petermann F, Petermann U (Hrsg.): WISC-IV. Wechsler Intelligence Scale for Children – Fourth Edition. Pearson Assessment 2011.
3.
Krowatschek D, Krowatschek G, Reid C: Marburger Konzentrationstraining (MKT) für Schulkinder. 8. völlig überarbeitete und verbesserte Auflage. Dortmund: borgmann 2011.
4.
Jacobs C, Petermann F: Training für Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen. Das neuropsychologische Gruppenprogramm ATTENTIONER. 3., aktualisierte und ergänzte Auflage. Hogrefe Verlag 2013.
5.
Lepach AC, Petermann F: Training für Kinder mit Gedächtnisstörungen. Das neuropsychologische Einzeltraining REMINDER. 2., überarbeitete Auflage. Hogrefe Verlag 2010 MEDLINE
6.
Heubrock D, Petermann F: Lehrbuch der Klinischen Kinderneuropsychologie. Hogrefe Verlag 2000 MEDLINE
7.
Reynolds C R, Fletcher-Janzen E (Ed.): Handbook of Clinical Child Neuropsychology. Third Edition. Springer Science 2009. CrossRef
8.
Kandel ER, Schwartz JH, Jessel ThM (Ed.): Principles of neural science. 5. edition. Mc Graw-Hill New York 2013.
1.Zimmermann P, Fimm B: TAP 2.3. Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung (TAP). Version 2.3. Herzogenrath: PSYTEST 2012.
2.Petermann F, Petermann U (Hrsg.): WISC-IV. Wechsler Intelligence Scale for Children – Fourth Edition. Pearson Assessment 2011.
3.Krowatschek D, Krowatschek G, Reid C: Marburger Konzentrationstraining (MKT) für Schulkinder. 8. völlig überarbeitete und verbesserte Auflage. Dortmund: borgmann 2011.
4.Jacobs C, Petermann F: Training für Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen. Das neuropsychologische Gruppenprogramm ATTENTIONER. 3., aktualisierte und ergänzte Auflage. Hogrefe Verlag 2013.
5.Lepach AC, Petermann F: Training für Kinder mit Gedächtnisstörungen. Das neuropsychologische Einzeltraining REMINDER. 2., überarbeitete Auflage. Hogrefe Verlag 2010 MEDLINE
6.Heubrock D, Petermann F: Lehrbuch der Klinischen Kinderneuropsychologie. Hogrefe Verlag 2000 MEDLINE
7.Reynolds C R, Fletcher-Janzen E (Ed.): Handbook of Clinical Child Neuropsychology. Third Edition. Springer Science 2009. CrossRef
8.Kandel ER, Schwartz JH, Jessel ThM (Ed.): Principles of neural science. 5. edition. Mc Graw-Hill New York 2013.

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