ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2013PsychoBoom: Die Zeit zurückgedreht
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Immer wieder einmal stoße ich in Ihrer „Zeitschrift für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten“ auf Artikel, die mich ob einer latent psychologiefeindlichen Tendenz befremden und irritieren, so etwa in diesem „Kommentar“.

Gut 15 Jahre nach Verabschiedung des Psychotherapeutengesetzes scheint hier jemand zu versuchen, die Zeit zurückzudrehen und Psychotherapie als etwas auszugeben, das in erster Linie „ärztliche“ Sache zu sein hat oder von dieser wieder gewissermaßen geordnet werden soll („was wir brauchen, ist eine ärztliche Ausbildung, die. . . “). Gewiss, Remschmidt sagt das nicht offen, sondern legt es vielmehr nahe, indem er Psychotherapie zum einen in altbekannter Weise („Psycho-boom“) in die Nähe von Jahrmarkts- und Freizeitveranstaltungen, also Unwissenschaftlichkeit, rückt. Des Weiteren suggeriert er durch die Aufzählung und Reihenfolge der psychotherapeutisch tätigen Berufsgruppen, dass Psychotherapie zunächst einmal von einer Vielzahl ärztlicher Fachgruppen durchgeführt wird. Den danach erwähnten Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten folgen dann unmittelbar „Soziotherapeuten, Milieutherapeuten, ausgebildete oder nicht ausgebildete Psychotherapeuten . . . “.

Zunächst entspricht die mit dieser Reihenfolge suggerierte quantitative Häufigkeitsverteilung nicht der Realität: Der größte Anteil ambulant durchgeführter Psychotherapie wird von Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten erbracht, nicht von ärztlichen Psychotherapeuten. Die Reihenfolge suggeriert des Weiteren eine qualitative Rangordnung: Als käme da erst einmal „ärztliche“ Psychotherapie, während es von den Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten nur ein kleiner Schritt wäre zum fragwürdigen Spektrum. . .

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Vielleicht ist der Hintergrund des Abdrucks dieses Kommentars aber auch ein anderer. Möglicherweise handelt es sich um einen Beitrag, der originär für das Deutsche Ärzteblatt geschrieben wurde und der weniger als Seitenhieb auf nichtärztliche Therapeuten gedacht war, sondern als Hilferuf angesichts einer gewissen Konzeptionslosigkeit psychotherapeutischen Handelns innerhalb der Ärzteschaft.

Dipl.-Psych. Michael P. Degen, 50931 Köln

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