ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2013Psychoanalytiker: Gipfelpunkt einer besorgten Selbstreflexion

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Psychoanalytiker: Gipfelpunkt einer besorgten Selbstreflexion

PP 12, Ausgabe Juni 2013, Seite 282

Moser, Tilmann

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Die Psychoanalytiker haben zu allen Zeiten nachgedacht über das „Wesen“ und den wissenschaftlichen Status ihrer Disziplin. Es scheint aber, dass eine Phase vertiefter Selbstreflexion begonnen hat, die gleichzeitig eine Phase tiefen Zweifels sein könnte. Exemplarisch der Titel eines gerade erschienenen Buches: „Psychoanalytische Skepsis – Skeptische Psychoanalyse“ (herausgegeben von Helmwart Hierdeis) oder die Diskussion in der „Psyche“ über ihren „Wissenschaftsstatus“. Es überwiegt die Grübelei, bei gleichzeitiger Unlebendigkeit der Berichte über das reale Handwerk. Symptomatisch einer der Anfangssätze dieses herausragenden Buches von Ralf Zwiebel:

„Im Grunde geht es um die Frage, wie man als Analytiker . . . ein professionelles Selbst entwickeln kann, das die Gefahren eines ,falschen Analytiker- oder Therapeuten-Selbst‘ durch das Hervortreten eines ,wahren Analytiker . . . Selbst‘ verringern hilft – Letzteres verstanden als eine von Authentizität durchdrungene . . . Position, Haltung und Arbeitsweise.“ Für Zwiebel lauern überall die Gefahren des Scheiterns, und er baut mit großer Gründlichkeit ein überhöhtes Ideal auf, vor dem sich Gelingen und Versagen ständig die Waage halten. Es ist sogar ein bedrückendes Ideal, dass nicht nur den Anfänger auf Jahre einschüchtern kann. Die Gefährdungen lauern nach Zwiebel an jeder Ecke, und deshalb müssen alle Begriffe und Shibboleths noch einmal neu definiert werden mit dem Ergebnis: Alle „diese Fragen scheinen gegenwärtig kaum gelöst zu sein“. Nicht umsonst hat Ferenczi schon früh vor der „Hypokrisie“ einer allzu strengen und undurchschaubaren Haltung der Analytiker gewarnt.

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Zwiebel preist mit Recht den „Geist des Zweifels“ wie die berühmte „forschende Haltung“, die den Analytiker leiten soll, aber das innere Gleichgewicht scheint permanent gefährdet, weshalb angesichts so widersprüchlicher „Arbeitsmodelle“, für die es kaum noch einen gemeinsamen Nenner gibt, der „Anfängergeist“ gefordert wird, um nicht in die Falle eines falschen Vorauswissens über die Störungen der Patienten zu geraten.

Wie stark Zwiebel selbst an seinem oft schwer erfüllbaren Ideal festgehalten hat, zeigt sein später Appell an die „Patienten der letzten 35 Jahre, die ich auf diesem Weg um Verzeihung bitte: wegen meiner Abwesenheiten und der Zeit, in denen es mir nicht möglich war, ein ,genügend guter‘ Analytiker zu werden und zu bleiben“.

Mit Zwiebels Buch ist ein Gipfelpunkt extrem belesener, aber überaus besorgter Selbstreflexion erreicht, und man meint im Text eine Trauer zu spüren über so viel Gefährdungen einer „lebendigen Anwesenheit“, die er doch fordert. Es gehe überall um die „normativen Einstellungen“.

Die Selbstreflexion und zugleich andauernde Selbstgewissheit der klassischen Psychoanalyse ohne Öffnung zu anderen integrierbaren Therapieformen ist imponierend, aber auch einschüchternd. Vor allem wenn man sich vor Augen hält, dass alle Schulen inzwischen überzeugt sind, dass die warmherzige Zuwendung einer integeren und gut ausgebildeten Therapeutenpersönlichkeit der Hauptfaktor für eine mögliche Besserung oder gar Genesung ist. Warum also so viel Abschottung gegen wichtige therapeutische Neuerungen in anderen Disziplinen? Tilmann Moser

Ralf Zwiebel: Was macht einen guten Psychoanalytiker aus? Grundelemente professioneller Psychotherapie. Klett-Cotta, Stuttgart 2013, 300 Seiten, gebunden, 34,95 Euro

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