ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2013Sexueller Kindesmissbrauch: Den Betroffenen eine Stimme geben

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Sexueller Kindesmissbrauch: Den Betroffenen eine Stimme geben

PP 12, Ausgabe Juni 2013, Seite 281

Breitenbach, Gaby

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2010 begannen erwachsene Männer öffentlich über Missbrauchserfahrungen in renommierten Schulen und Internaten zu sprechen. Es war der erste Schritt, das Thema aus einer Tabuzone her- auszuholen. Die Politik reagierte mit dem Runden Tisch „Sexueller Kindesmissbrauch“ und der Berufung der unabhängigen Beauftragten Dr. Christine Bergmann. Unter wissenschaftlicher Begleitung von Prof. Dr. Jörg M. Fegert, Ulm, wurden Daten gesammelt, Empfehlungen ausgearbeitet, Forschungsbedarf und Handlungskonsequenzen aufgezeigt.

Auf diese Arbeit stützt sich nun das Buch. Es ist, das sei vorweggenommen, getragen von dem Wunsch, den Betroffenen eine Stimme zu geben und ihr Leid sichtbar werden zu lassen. Es beginnt mit einem Überblick über die Thematik des sexuellen Missbrauchs und bezieht auch familiäre Dynamiken mit ein. Komorbiditäten und Folgeerkrankungen finden hier ebenso Platz wie die Frage der Kosten von Traumatisierung. Ein Kapitel befasst sich mit den Interventionsmöglichkeiten aus unterschiedlichen Perspektiven. Ein weiteres Kapitel widmet sich in aller Kürze der Begleitforschung, bis schließlich die Folgekapitel die Ergebnisse, Konsequenzen und Schlussfolgerungen aus dem Aufarbeitungsprozess beleuchten.

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Das Buch lohnt in jeder Hinsicht. Einerseits wertet es die Daten noch weiter aus und stellt eine Fülle guter und belastbarer Informationen zur Verfügung, andererseits untermauert es mit seinen vielen Beispielen und wörtlichen Zitaten von Betroffenen, was sich hinter den nüchternen Zahlen verbirgt. Das Buch ist erschütternd, und es gelingt hier ein Spagat, der nicht leicht zu leisten ist: das berührende Leid der Betroffenen mit Forschung zu untermauern und so der Forderung nach Konsequenzen aus dem Wissen auch den nötigen Nachdruck zu verleihen. Es wäre dem Buch zu wünschen, dass es nicht nur ein Lesebuch für die Fachöffentlichkeit wird, sondern eines, das in der Politik und bei der Gesetzgebung auch zu fassbaren Veränderungen führt. Es ist nicht zuletzt ein mutiges Buch, denn es beleuchtet ebenso die Thematik sexueller Gewalt in Familien und spart so die Bereiche der rituellen Gewalt nicht aus.

Ein Zitat einer Betroffenen: „Sexueller Missbrauch und insbesondere ritueller Missbrauch ist immer noch ein Tabu, das macht die Täter stark; wenn mehr darüber in der Öffentlichkeit geredet werden würde, würden nicht alle weggucken, und die Täter wären nicht so geschützt, würden sich nicht so sicher fühlen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Gaby Breitenbach

Jörg M. Fegert, Miriam Rassenhofer, Thekla Schneider, Alexander Seitz, Nina Spröber: Sexueller Kindesmissbrauch – Zeugnisse, Botschaften, Konsequenzen. Beltz Juventa, Weinheim 2013, 336 Seiten, kartoniert, 34,95 Euro

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