ArchivDeutsches Ärzteblatt3/1996Notfalldienst: Über Computer und Handy direkt zum Arzt

POLITIK: Aktuell

Notfalldienst: Über Computer und Handy direkt zum Arzt

Dauth, Sabine

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LNSLNS Mit dem Notfalldienst, auch Bereitschaftsdienst niedergelassener Ärzte genannt, sind Ärzte wie Patienten vielerorts nicht mehr zufrieden. Für die niedergelassenen Ärzte ist er eine zusätzliche Belastung. Die Patienten finden es oft umständlich herauszufinden, wer Dienst hat. Also fahren viele gleich ins Krankenhaus. Als Reaktion darauf werden derzeit vermehrt Notfallpraxen gegründet. Niedergelassene Ärzte absolvieren ihren Notfalldienst dort oder lassen sich von Kollegen vertreten. Neuerdings werden solche Praxen auch am oder sogar im Krankenhaus angesiedelt. In Frechen haben sich die niedergelassenen Ärzte jedoch für eine Verbesserung des Systems mit Hilfe von Computer und Telefon entschieden.


Vielen Ärzten erscheinen Notfallpraxen als eine Möglichkeit, den ärztlichen Bereitschaftsdienst zu verbessern. Etwas ganz anderes erproben seit Anfang des Monats niedergelassene Ärzte in Frechen bei Köln: Sie wollen mit Hilfe einer computergesteuerten Telefonanlage leichter für Patienten zu erreichen sein.
Auch in Frechen wurde im vergangenen Jahr diskutiert, ob man eine Notfallpraxis einrichten solle. "Das ist ein enormer Aufwand", urteilt jedoch Dr. med. Jochen Balkhausen, Internist in Frechen. Eine solche Investition sei eigentlich nicht gerechtfertigt: "Jeder Arzt hat ja seine eigene, je nach Fachrichtung sehr umfangreich ausgestattete Praxis."
Also entwickelte Balkhausen die Idee, etwas Neues auszuprobieren: die Organisation des ärztlichen Bereitschaftsdienstes mit Hilfe einer computergesteuerten Telefonanlage. Frechen besteht aus fünf Stadtteilen mit insgesamt 65 niedergelassenen Ärzten. Seit dem 1. Januar 1996 gibt ihr Obmann, der für die Notdienstpläne zuständig ist, alle notwendigen Daten in einen Computer ein: Welcher Arzt nimmt am Bereitschaftsdienst teil? Wer macht was (Dienst an Werktagen, nur am Wochenende et cetera)? Am PC entsteht der Dienstplan für ein Jahr, der jederzeit geändert werden kann.
Wenn ein Patient nun die örtliche Notdienstnummer 27 30 00 wählt, dann wird er mit Hilfe des Computers und moderner ISDN-Technologie direkt zu jenem Arzt verbunden, der auch tatsächlich Dienstbereitschaft hat (siehe Grafik). Entweder klingelt das Telefon in der Praxis, oder es wird umgeschaltet auf ein separates Handy. Dadurch wird sichergestellt, daß der Arzt im Bereitschaftsdienst tatsächlich jederzeit erreichbar ist. Abends um 19 Uhr und am Wochenende schaltet die Telefonanlage automatisch auf Bereitschaftsdienst um. So funktioniert das System, ohne daß jemand in der Praxis an einen bestimmten Handgriff denken muß.
Natürlich hat es in Frechen Diskussionen gegeben, bis man sich für diese Lösung entschieden hat. "Hausärzte und Spezialisten haben oft unterschiedliche Wünsche, wenn es um den Bereitschaftsdienst geht", sagt Balkhausen. "Aber letztlich sitzen wir Niedergelassenen ja alle in einem Boot." Also wurde die Anlage installiert. Sie kostet, allerdings zum Vorzugspreis, rund 13 000 DM.
Die Kosten werden von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein erstattet, die zudem die Anschaffung jedes Arzt-Handys mit 400 DM bezuschußt. Der Notfalldienst fällt unter den Sicherstellungsauftrag. Solche Kosten übernehme folglich die Kassenärztliche Vereinigung, erläutert Bernhard Brautmeier, Hauptgeschäftsführer der KV Nordrhein. Er findet, daß die Frechener eine überzeugende Lösung gefunden haben: "Von dieser Idee waren wir spontan begeistert." Der Patient habe sofort den zuständigen Arzt am Telefon. Außerdem werde es dem Obmann erleichtert, Dienstpläne zu erstellen.
Für Balkhausen und seine Kollegen haben auch berufspolitische Überlegungen eine Rolle gespielt. Der Frechener Internist betrachtet die wachsende Zahl von Notfallpraxen mit Skepsis: "In Düsseldorf arbeiten bereits drei, vier Ärzte fest in einer solchen Praxis. In Köln ist eine Notfallpraxis im Gespräch, wo man rund 100 000 Patienten versorgen könnte. Das Argument ist oft: ,Wenn wir diese Praxis haben, gehen die Leute am Wochenende nicht ins Krankenhaus. Das kommt uns billiger.' Aber so entsteht doch eine dritte Säule der Versorgung, und uns niedergelassenen Ärzten wird das Wasser abgegraben." Schon heute, meint er, fahren viele Patienten abends zu den Notfallpraxen, weil sie keine Lust haben, tagsüber zu warten.
Das sieht man bei der KV Nordrhein etwas anders. Der eine oder andere verhalte sich vielleicht so. Aber Notfallpraxen seien nur außerhalb der regulären Praxiszeiten geöffnet. Das oft gewünschte Vertrauensverhältnis zum Arzt könne dort nicht entstehen. "Wir stehen Notdienstpraxen aufgeschlossen gegenüber", stellt Brautmeier klar. Allerdings weiß er, daß "Notdienst ein sehr sensibles Thema ist".
Unterschiedliche Ansichten gab es denn auch zu der Frage, ob die Ärzte in Frechen ihren Notfalldienst nur für ihre Stadt organisieren oder man die Neuerung gleich für den ganzen Erftkreis einführen solle. Die KV Nordrhein plädierte für eine flächendeckende Lösung. Zunächst hatten Balkhausen und etliche Kollegen Bedenken: "Es ist einfach realistischer, sich im kleineren Kreis abzustimmen", meint der Internist. "Außerdem müßten die Patienten dann eine bestimmte Vorwahl anwählen, und das macht es wieder komplizierter." In Heinsberg (Niederrhein) hingegen organisiert der ganze Kreis seinen Notdienst per Telefon, allerdings mit einer von Hand umzuschaltenden Anlage.
Schließlich einigten sich die zuständigen Obleute des Kreises auf die große Lösung. Die wollte am Ende aber die KV nicht mehr. Sie ist nämlich inzwischen selbst dabei, ihren Kreisstellen computergesteuerte Telefonanlagen für den Notfalldienst anzubieten. Die Ärzte in Mettmann und Siegburg werden vermutlich als nächste damit arbeiten. Sabine Dauth

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