ArchivDeutsches Ärzteblatt45/1998Krankenversichertenkarte: Mehr Fälle seit Einführung der Plastikkarte

THEMEN DER ZEIT: Aufsätze

Krankenversichertenkarte: Mehr Fälle seit Einführung der Plastikkarte

Dtsch Arztebl 1998; 95(45): A-2826 / B-2406 / C-2252

Brenner, Gerhard; Koch, Heinz; Kerek-Bodden, Hedwig Elisabeth

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LNSLNS Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung legt die Auswertung einer Befragung zur Nutzung der Krankenversichertenkarte vor.
Gerhard Brenner, Hedwig Elisabeth Kerek-Bodden, Heinz Koch Das Zentralinstitut hat bei "I + G Gesundheitsforschung" (Nachfolgeorganisation von Infratest Gesundheitsforschung und GFK) im Juni 1998 eine Bevölkerungsbefragung über Nutzung, Gebrauch und Mißbrauch der Krankenversichertenkarte in Auftrag gegeben. Bereits 1995 wurden die Einführungseffekte der Krankenversichertenkarte durch eine vergleichbare Befragung analysiert. Dabei wurden 1995 und 1998 jeweils 2 000 GKV-Versicherte (ab 14 Jahren) auf der Basis von Zufallsstichproben aus der Bevölkerung telefonisch befragt. Die Fragestellungen der "I + G- Analyse" waren unter anderem:
¿ Findet eine erhöhte Inanspruchnahme von Ärzten aus Sicht der Versicherten statt, korrelieren also die Befragtenangaben mit den Statistiken über die Fallzahlenentwicklung, und welche Gründe gibt es dafür?
À Wie wirken sich Veränderungen im Versichertenverhalten auf die Inanspruchnahme von Hausärzten und von Fachärzten aus?
Á Werden zunehmend mehrere Ärzte gleichzeitig wegen derselben Beschwerden aufgesucht?
 Erfolgt 1998 - stärker noch als in den ersten Jahren der Chip-Karten-Einführung - eine Direktinanspruchnahme von Fachärzten?
à Welche Einflußfaktoren tragen zur Erklärung des Versichertenverhaltens maßgeblich bei?
Ä Läßt sich ein offenkundiges Mißbrauchspotential von Karten ermitteln?
1998 gaben rund zwei Drittel der befragten GKV-Versicherten an, in den letzten drei Monaten niedergelassene Ärzte in Anspruch genommen zu haben. Dabei fanden durchschnittlich 3,3 Arztkontakte je Versicherten statt, wobei 56 Prozent dieser Befragten nur einen oder zwei Kontakte und eine kleine Gruppe von sechs Prozent zehn und mehr Kontakte hatten. Gegenüber 1995 blieb die Anzahl der durchschnittlich 3,3 Kontakte innerhalb der letzten drei Monate unverändert. Auch die Zahl der in diesem Zeitraum kontaktierten Ärzte blieb 1998 mit durchschnittlich 1,6 dieselbe wie 1995. Nur einen einzigen Arzt besuchten 59 Prozent, 27 Prozent zwei Ärzte, 12 Prozent drei und mehr Ärzte. Zwar ist die Zahl der Arztkontakte je Patient nicht gestiegen, aber das gesamte Kontaktvolumen hat sich erhöht, weil mehr Versicherte in den letzten drei Monaten beim Arzt waren: 64 Prozent gegenüber nur 59 Prozent im Jahr 1995. Dies ist Ausdruck einer Morbiditätszunahme um 8,5 Prozent.
Die Anteile der nach Fachrichtung gegliederten, zuletzt kontaktierten Gebietsärzte haben sich 1998 gegenüber 1995 nicht wesentlich verändert: 61 Prozent der Versicherten besuchten zuletzt einen Allgemeinmediziner/Praktischen Arzt. 38 Prozent konsultierten einen Facharzt, darunter neun Prozent einen Internisten, acht Prozent einen Frauenarzt, fünf Prozent einen Orthopäden. Alle anderen Gebietsärzte sind mit zwei Prozent oder weniger vertreten. Eine signifikante Verschiebung von Hausärzten zu Fachärzten ist nicht zu beobachten.
Allerdings ergibt sich - trotz gleichbleibender Kontakthäufigkeit - eine leichte Strukturverschiebung bei der Parallelinanspruchnahme fachgleicher Ärzte: Der Anteil der Versicherten, die in den letzten drei Monaten mehr als einen Hausarzt (Praktischer Arzt, Allgemeinarzt oder Internist) aufgesucht haben, ist um vier Prozentpunkte (1998: 18 Prozent; 1995: 14 Prozent) gestiegen, während der Anteil derer, die mehr als einen Facharzt derselben Fachgruppe aufgesucht haben, mit sieben Prozent aller Versicherten konstant geblieben ist. Insgesamt ist ein Anstieg um drei Prozentpunkte der Versicherten zu verzeichnen, die wegen desselben Anliegens mehrere - auch nicht fachgleiche - Ärzte aufsuchen (1998: 15 Prozent, 1995: 12 Prozent). Gegenüber dem Jahr 1995 hat sich der Anteil von Versicherten, die in den letzten drei Monaten vor der Befragung Fachärzte ohne Überweisungsschein aufsuchten, nochmals um zwölf Prozentpunkte erhöht (von 43 Prozent auf 55 Prozent). 25 Prozent der Versicherten suchen einen Facharzt dabei wegen leichter Erkrankungen beziehungsweise leichter Beschwerden auf.
Einfluß der Chip-Karte auf das Versichertenverhalten
Mit Einführung der Krankenversichertenkarte konnte eine deutlich stärkere Strukturverschiebung bei der Inanspruchnahme zugunsten der Fachärzte beobachtet werden. Der seit Jahren bestehende Trend wurde beschleunigt. Dieser Trend wäre geringer ausgeprägt, wenn man die Versichertenkarte technisch so ausgestaltet hätte, daß das Prinzip der Überweisung nicht durch die Möglichkeit der beliebigen Direktinanspruchnahme in Frage gestellt würde.
Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, daß dieses Versichertenverhalten nicht zu Lasten des Behandlungsvolumens der Hausärzte geht, die nach wie vor als feste Ansprechpartner in Anspruch genommen werden. Das ergab sich in allen bisherigen Studien zu diesem Thema und wird auch jetzt wieder bestätigt.
Weniger offensichtlich als die gestiegene Direktinanspruchnahme von (Fach-)Ärzten ist der Einfluß der ChipKarte auf die Mehrfachinanspruchnahme von Ärzten. Die Versicherten nannten folgende Gründe:
c Empfehlung oder Veranlassung durch einen Arzt; das Krankenhaus oder ein anderer Arzt verfügt über das benötigte diagnostische und therapeutische Equipment (1998: 65 Prozent; 1995: 69 Prozent).
c Wunsch nach einer Zweitmeinung, Unzufriedenheit mit dem Arzt, der Arzt verweigert eine bestimmte Leistung (nur 1998 gefragt) und Ausnutzung der Chip-Karte (1998: 20 Prozent; 1995: 19 Prozent).
c Der Arzt war nicht anwesend, der Versicherte ist umgezogen, oder es handelte sich um einen Notfall (1998: 7 Prozent; 1995: 11 Prozent).
Dagegen sehen 1998 deutlich mehr Versicherte größere Vorteile in der Chip-Karte als vor drei Jahren (Tabelle 1). Bemerkenswert ist, daß dies in einem Punkt nicht zutrifft: 1998 sehen sehr viel weniger Versicherte im Wegfall der Überweisungsscheine einen Vorteil der Chip-Karte. Offensichtlich gehört dies inzwischen zur Alltagspraxis und ist daher nicht mehr erwähnenswert.
In den Jahren von 1995 bis 1998 hat sich die latente Bereitschaft, die Chip-Karte als Instrument zur Realisierung von steigenden Ansprüchen an die ärztliche Versorgung zu nutzen, deutlich erhöht (Tabelle 2). Die Möglichkeiten der Karte werden den Versicherten immer klarer, wobei das Erkennen dieser Optionen nicht zwangsläufig im gleichen Ausmaß zu einer Steigerung der Inanspruchnahme führen muß.
Die oft behauptete angebotsinduzierte Zunahme der Inanspruchnahme von Ärzten wurde nicht bestätigt: die höhere Ärztezahl und eine damit einhergehende größere Wahlmöglichkeit hat nach Auskunft der Versicherten so gut wie keinen Einfluß auf ihr Inanspruchnahmeverhalten.
Versicherte wurden auch über die Anzahl von Krankenversichertenkarten befragt, die ihnen zur Verfügung stehen. Drei Prozent gaben an, mehrere Karten zu besitzen. Hochgerechnet sind damit etwa zwei Millionen Mehrfachkarten vorhanden, die theoretisch mißbräuchlich genutzt werden könnten, ohne daß man dies bei den Befragten feststellen könnte. Die Untersuchung belegt hingegen eine Steigerung der Inanspruchnahme im Sinne einer Fallzahlsteigerung nach Einführung der Krankenversichertenkarte. Morbiditätszunahme, Parallelinanspruchnahme fachgleicher Ärzte, Mehrfachkonsultationen fachungleicher Ärzte sowie eine Disposition zur extensiven Nutzung der Chip-Karte von einem Teil der Versicherten und ein schwer kalkulierbares Mißbrauchspotential sind die Einflußfaktoren. Insgesamt schätzt I + G Gesundheitsforschung die Fallzahlinduktion durch verändertes Versichertenverhalten zwischen zwei Prozent und fünf Prozent. Bewertet man nur die Untergrenze von zwei Prozent Fallzahlinduktion, so muß man zu der Schlußfolgerung gelangen, daß von den jährlich rund 520 Millionen abgerechneten Krankenfällen im ambulanten Bereich etwa zehn Millionen "chipkarteninduziert" sind. Dies entspricht einem Umsatzvolumen von rund 800 Millionen DM pro Jahr. Seit Einführung der Chip-Karte errechnet sich damit ein Belastungsvolumen der Kassenärztlichen Vereinigungen in Höhe von 3,2 Milliarden DM.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1998; 95: A-2826-2827
[Heft 45]


Anschrift für die Verfasser
Dr. rer. pol. Gerhard Brenner
Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung
Herbert-Lewin-Straße 5
50931 Köln


Tabelle 1
Vorteile der Chip-Karte aus Sicht GKV-Versicherter 1998 und 1995
1998 1995
Keine Überweisungsformulare mehr nötig 53 % 80 %
Karte bequemer 40 % 16 %
Direkter Zugang zu Ärzten meiner Wahl/
meines Vertrauens möglich 24 % 12 %
Höhere Behandlungssicherheit infolge des Urteils mehrerer Ärzte 1 % 1 %
Ausprobieren verschiedener Ärzte 5 % 3 %
Ausprobieren verschiedener Ärzte verschiedener Fachrichtung 4 % 2 %


Tabelle 2
Disposition zur extensiven Nutzung der Chip-Karte 1998 und 1995
1998 1995
Ich entscheide immer öfter selbst, zu welchem Arzt ich gehe 69 % 57 %
Ich nutze öfter die Möglichkeit, direkt einen Facharzt aufzusuchen 47 % 39 %
Wenn mir ein Arzt nicht gefällt, kann ich mir ohne Überweisung einen neuen suchen 81 % 71 %
Ich kann mehrere Ärzte zugleich um ihre Meinung zur Diagnose und Therapie bitten 67 % 59 %
Ich erhalte so auf jeden Fall von irgend- einem Arzt die "Leistung" meiner Wahl 66 % 26 %
(1995 hieß es hier nur "Medikament" meiner Wahl)


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