ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2013Das Gespräch mit Dr. med. Monika Hauser, Gründerin von medica mondiale, und Sabiha Husić, Leiterin von Medica Zenica: „Wir werden diesem Wahnsinn unsere Kraft entgegenstellen“

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Das Gespräch mit Dr. med. Monika Hauser, Gründerin von medica mondiale, und Sabiha Husić, Leiterin von Medica Zenica: „Wir werden diesem Wahnsinn unsere Kraft entgegenstellen“

Dtsch Arztebl 2013; 110(25): A-1246 / B-1088 / C-1080

Korzilius, Heike

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Im Bosnienkrieg werden massenweise Frauen und Mädchen vergewaltigt, und die Welt schaut zu. Monika Hauser entschließt sich zu helfen. In Zenica errichtet sie ein Therapiezentrum für die Überlebenden und gründet die Frauenrechtsorganisation medica mondiale. Eine Mitstreiterin der ersten Stunde ist Sabiha Husić.

„Es lohnt sich, diese Arbeit zu tun“: Seit 20 Jahren setzen sich Sabiha Husić (l.) und Monika Hauser für im Krieg vergewaltigte Frauen ein. Husić (42), Islampädagogin und Traumatherapeutin, leitet seit 2007 Medica Zenica in Bosnien, das erste Projekt von medica mondiale. Dessen Gründerin Hauser (54), Fachärztin für Gynäkologie, erhielt für ihr Engagement 2008 den Alternativen Nobelpreis. Fotos: Lajos Jardai/Eberhard Hahne
„Es lohnt sich, diese Arbeit zu tun“: Seit 20 Jahren setzen sich Sabiha Husić (l.) und Monika Hauser für im Krieg vergewaltigte Frauen ein. Husić (42), Islampädagogin und Traumatherapeutin, leitet seit 2007 Medica Zenica in Bosnien, das erste Projekt von medica mondiale. Dessen Gründerin Hauser (54), Fachärztin für Gynäkologie, erhielt für ihr Engagement 2008 den Alternativen Nobelpreis. Fotos: Lajos Jardai/Eberhard Hahne

Es herrscht Krieg in Bosnien. Die junge Frau ist hochschwanger. Monatelang hat man sie gefangen gehalten, gequält und vergewaltigt. Als ihre Peiniger sie gehen lassen, ist es für einen Abbruch der Schwangerschaft zu spät. Die junge Frau will sich am liebsten das Leben nehmen. Sabiha Husić ist auch fast 20 Jahre später noch sichtlich bewegt, als sie diese Geschichte erzählt. Eine Geschichte, wie sie viele Frauen und Mädchen erlebt haben, die damals, Anfang der 1990er Jahre, im Therapiezentrum von Medica Zenica Zuflucht und Hilfe suchten. Die der jungen Frau geht gut aus. „Sie hat heute einen Beruf, das Kind – ein Sohn – ist mittlerweile erwachsen, und die Großeltern sind glücklich, dass sie ihn haben“, berichtet Husić. „Doch der Weg dahin war für alle ein langwieriger, schmerzhafter Prozess.“

Die 42-Jährige leitet inzwischen die Einrichtung, die sich vom ersten Therapiezentrum für vergewaltigte und traumatisierte Frauen im Jahr 1993 zu einer unabhängigen Frauenorganisation entwickelt hat. „Das es so weit kommen konnte, verdanken wir Monika Hauser“, sagt Husić. „Man wusste, was in Bosnien mit Frauen und Mädchen passiert. Die Medien haben darüber berichtet. Aber niemand hat geholfen.“

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Bis eben auf Monika Hauser. 1992 liest die junge Ärztin in einer Zeitschrift über die systematischen Vergewaltigungen von Frauen im Bosnienkrieg. „Mir wurde klar, ich kann nicht länger auf meiner Couch sitzen bleiben und diese Nachrichten verfolgen. Ich muss für die bosnischen Frauen vor Ort etwas tun“, erinnert sich Hauser. Sie reist ins Kriegsgebiet. War das nicht naiv, ohne Erfahrung, ohne Kontakte?

Hauser überlegt nur kurz und sagt dann entschieden: „Nein. Ich war nicht zu bremsen.“ Sie habe den unbedingten Willen gehabt, die Frauen zu unterstützen. Und ganz unbedarft sei sie auch nicht gewesen. Denn als angehende Gynäkologin habe sie viel mit traumatisierten Frauen gearbeitet. „Ich habe an der Uniklinik in Essen zusammen mit einer Psychologin das interdisziplinäre Konzept umgesetzt, das später das Konzept von medica mondiale wurde“, erklärt Hauser.

Ende Dezember 1992 kommt sie in Zenica an. „Dann ging es eigentlich sehr schnell. Ich habe sofort die richtigen Fachfrauen gefunden, die bereit waren, mit mir zusammen ein Therapiezentrum aufzubauen“, sagt Hauser. Darunter Ärztinnen, Psychologinnen, Krankenschwestern und Mitarbeiterinnen aus der Verwaltung. „Wir haben alle gewusst, wir werden diesem Wahnsinn unsere Kraft entgegensetzen.“ Ein von der Stadt angemieteter Kindergarten wird zum Therapiezentrum umgebaut. Am Ende gibt es dort einen Operationssaal, eine Praxis, eine Apotheke sowie Schlafräume für 20 Frauen und deren Kinder. Finanziert wird das Ganze über Spenden aus Deutschland, wo Hauser Anfang 1993 die Hilfsorganisation medica mondiale gründet.

„In mobilen Teams sind wir schon während des Umbaus in die Flüchtlingslager in der Umgebung gefahren, um bekanntzumachen: Wir wollen in einem Therapiezentrum vergewaltigte Frauen unterstützen.“ In einem solchen Lager lernt Hauser Sabiha Husić kennen, die sich dem Team von Medica Zenica anschließt. „Das wichtigste an unserer Arbeit war und ist, an die Frauen heranzukommen, die diese schrecklichen Erfahrungen gemacht haben“, sagt Husić. „Und für die betroffenen Frauen ist es wichtig, einen sicheren Ort zu haben, wo man ihnen glaubt und sie nicht stigmatisiert.“ Auch heute, 20 Jahre später, meldeten sich noch Frauen, die zum ersten Mal über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Kriegsgewalt sprechen wollten. „Irgendwann werden die Erinnerungen wach und so schmerzhaft, dass die Frauen sie einfach nicht mehr ertragen können“, meint die Traumatherapeutin. „Dass wir es ihnen ermöglichen, über ihre schlimmen Kriegserlebnisse zu sprechen, stärkt sie aber auch. Sie entwickeln ein Bewusstsein dafür, dass es möglich ist, sich gegen Gewalt zu wehren.“

Hilfe zur Selbsthilfe ist die Philosophie von medica mondiale. Die Hilfsorganisation hat von Anfang an medizinische und psychologische Hilfe mit menschenrechtlichen und feministischen Ansätzen verbunden. Nach der Gründung des Therapiezentrums in Zenica, das seit 1997 selbstständig arbeitet, folgten Projekte im Kosovo und in Albanien. Seit 2002, seit dem Ende der Talibanherrschaft engagiert sich medica mondiale in Afghanistan, später dann auch in Liberia.

Nach 20 Jahren und einer Evaluation bestehender Projekte will sich die Organisation jetzt strategisch fokussieren. „Wir werden künftig verstärkt regionale Schwerpunkte bilden“, sagt Hauser. „Zurzeit konzentrieren wir uns auf die Region der großen Seen in Zentralafrika: Ostkongo, Burundi, Ruanda, Uganda.“ Dort, wo Frauen noch keine eigenen Strukturen geschaffen hätten, werde man auch weiterhin eigene Projekte auflegen. „Ansonsten unterstützen wir lokale Frauenorganisationen. Sie können bei uns Projektmittel beantragen, und wir unterstützen sie in ihrer politischen Menschenrechtsarbeit.“ Denn im Selbstverständnis von medica mondiale gehören Traumaarbeit und politische Arbeit zusammen.

Für ihren Einsatz für traumatisierte vergewaltigte Frauen hat sie zahlreiche Preise bekommen, darunter im Jahr 2008 den Alternativen Nobelpreis und zuletzt, am 21. Mai in Lissabon den Nord-Süd-Preis des Europarats. Was hat medica mondiale denn politisch für die Frauen erreicht? „Wir haben es geschafft, das Thema sexualisierte Kriegsgewalt auf die politische Tagesordnung zu setzen“, sagt Hauser. „Wir haben dieses Thema, das auch bei Menschenrechtsorganisationen vor 20 Jahren ein Randthema war, in die Mitte der Gesellschaft gebracht.“ Zu den spürbaren Erfolgen gehört es, dass im Krieg vergewaltigte Frauen in Bosnien-Herzegowina seit 2006 einen gesetzlichen Anspruch auf Invalidenrente haben. Bei Gerichtsverfahren gibt es inzwischen Standards für einen traumasensiblen Umgang mit Zeuginnen. Und der Internationale Strafgerichtshof wertet sexualisierte Kriegsgewalt als Straftatbestand.

Hauser sieht diese Fortschritte, kritisiert aber zugleich, dass vieles, was auf dem Papier steht, nicht umgesetzt wird, weil der politische Wille fehlt. „Denn an gesellschaftlichen Veränderungen sind viele nicht interessiert.“ Was treibt sie trotzdem an, weiterzumachen? „Ich komme immer gestärkt von Projektreisen zurück, weil ich sehe, dass wir die Frauen darin unterstützen, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen.“

Heike Korzilius

medica mondiale

Medica mondiale setzt sich seit 1993 für traumatisierte Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten ein. Neben gynäkologischer Versorgung, psychosozialer und rechtlicher Unterstützung bietet die Organisation mit Sitz in Köln Programme zur Existenzsicherung sowie zur Qualifizierung lokaler Fachfrauen und leistet politische Menschenrechtsarbeit. Nach Projekten in Bosnien, im Kosovo und Albanien ist medica mondiale inzwischen weltweit tätig, unter anderem in Afghanistan. Die Organisation will sich künftig noch stärker auf regionale Schwerpunkte konzentrieren, beispielsweise in Westafrika und der zentralafrikanischen Region der großen Seen. Informationen: www.medicamondiale.org

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