ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2013Bologna-Reform: Schwieriger Studienbeginn

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Bologna-Reform: Schwieriger Studienbeginn

Dtsch Arztebl 2013; 110(25): A-1269 / B-1109

Sonnenmoser, Marion

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Foto: Fotolia/George Dolgikh
Foto: Fotolia/George Dolgikh

Zeit- und Leistungsdruck bestimmen den Alltag von Studierenden. Vor allem am Anfang leiden viele unter Depressionen und Burn-out. Beratungsangebote und Stressbewältigungstrainings können helfen.

Die Zeiten, in denen das Studieren eine Phase des Bummels und Ausprobierens war, sind längst vorbei. Heutzutage bestimmen vor allem Zeit- und Leistungsdruck den Studienalltag. Dass viele junge Menschen weltweit damit nicht klarkommen, zeigen wissenschaftliche Studien, die sich mit der psychischen und körperlichen Gesundheit von Studierenden befassen. So gibt es zum Beispiel zahlreiche Belege dafür, dass viele Studierende im Laufe des Studiums zu viel Alkohol, Zigaretten und Drogen konsumieren, an Gewicht zunehmen, sich selbst verletzen, an Depressionen und Burn-out leiden oder an Suizid denken. Betroffen sind vor allem Studienanfänger.

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In den USA und vielen anderen Ländern werden die Ursachen vorwiegend bei den Studierenden gesehen. Zum Beispiel wird angenommen, dass Studierende, die ein gesundheitsschädigendes Verhalten zeigen oder psychisch erkranken, schon vor Studienbeginn psychisch labil, unreif und nicht studierfähig sind. Außerdem besitzen sie ein zu geringes Selbstwertgefühl und zu wenig Copingfähigkeiten, um mit den Veränderungen und Herausforderungen, die ein Studium mit sich bringt, fertig zu werden. Darüber hinaus gelten Anpassungsprobleme von Studierenden mit Migrationshintergrund, eine wenig gefestigte Beziehung zu Dozenten und Betreuern, Einsamkeit und mangelnde Unterstützung durch Familie und Freunde als Risiken für psychische Erkrankungen bei Studierenden.

In Deutschland werden gänzlich andere Ansichten vertreten: Seit der Einführung der Bologna-Reform behaupten Kritiker und zahlreiche Pressevertreter relativ pauschal: Durch die Reform haben sich Druck, Stress und Belastungen für die Studierenden deutlich erhöht. Den heutigen Studienbedingungen ist kaum noch ein Studierender auf Dauer gewachsen. Die Reform ist allein schuld daran, dass immer mehr Studierende unter Leistungs- und Konzentrationsschwächen, Überforderung und Burn-out-Syndromen, Ängsten, Depressionen sowie Lethargie leiden und Antidepressiva oder leistungssteigernde Psychopharmaka einnehmen.

In Deutschland wird die Bologna- Reform dafür verantwortlich gemacht, dass immer mehr Studierende unter Leistungs- und Konzentrationsschwächen sowie Überforderung leiden. Foto: dpa
In Deutschland wird die Bologna- Reform dafür verantwortlich gemacht, dass immer mehr Studierende unter Leistungs- und Konzentrationsschwächen sowie Überforderung leiden. Foto: dpa

Dass die Anzahl der Betroffenen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hat, bezweifeln jedoch einige Wissenschaftler. So stellte zum Beispiel ein Wissenschaftlerteam um den Psychiater und Psychotherapeuten Prof. Dr. Rainer Holm-Hadulla von der Psychotherapeutischen Beratungsstelle für Studierende des Studentenwerks Heidelberg fest, dass die Zahl der psychisch erkrankten Studierenden seit längerem bei circa 20 bis 25 Prozent liegt. Davon leiden die meisten unter depressiven Verstimmungen, mangelndem Selbstwertgefühl und Prüfungsängsten. „Der Vergleich mit früheren Studien zeigt, dass die Häufigkeiten psychischer Beschwerden in den letzten 15 Jahren konstant geblieben sind, bis auf eine Ausnahme: Prüfungsängste! Diese haben zwischen 1993 und 2008 um 51 Prozent zugenommen“, berichten Holm-Hadulla und Kollegen.

Auch Psychologen um Cassandra Klug von der Universitätsmedizin Göttingen sehen die Frage, welchen Anteil die Studienreform an der psychischen Belastung von Studierenden hat, differenzierter. Die Wissenschaftler haben 535 Datensätze der psychotherapeutischen Ambulanz für Studierende der Universität Göttingen aus den Jahren 2006 bis 2010 analysiert und die psychische Belastung von Bachelor- im Vergleich zu Diplom- und Magisterstudierenden verglichen. „Die ratsuchenden Bachelorstudierenden erwiesen sich nicht als generell belasteter“, stellen die Autoren fest. Lediglich zu Beginn des Studiums litten die Bachelorstudierenden stärker unter psychischen Belastungen und „Uni-Problemen“ als die Diplom- und Magisterstudierenden.

Zudem gibt es verschiedene Meinungen über die Inanspruchnahme von Hilfsangeboten. So wird zum Beispiel in den USA wie auch in Deutschland in der Presse und in einigen Fachzeitschriften berichtet, dass psychologische und psychotherapeutische Beratungsstellen einen großen Zulauf hätten und kaum über genügend Kapazitäten verfügten, um der Nachfrage gerecht zu werden. Andererseits heißt es, dass sich die Anzahl der Hilfesuchenden, die in Beratungsstellen vorstellig würden, kaum erhöht hätte. Als Grund hierfür wird unter anderem genannt, dass viele Studierenden nicht wüssten, dass es solche Hilfsangebote gibt. Darüber hinaus spielen Scham und Angst vor Stigmatisierung und Chancenminderung durch die Offenlegung einer psychischen Erkrankung, etwa in Hinblick auf eine Verbeamtung, eine Rolle.

Um die Belastungen von Studierenden zu senken, müssten nach Meinung von Klug und Kollegen die universitären Bedingungen verändert und die Beratungsangebote ausgebaut werden, insbesondere für Studienanfänger und junge Bachelorstudierende. Hilfreich könnten darüber hinaus spezielle Vorbereitungen und Trainings für Erstsemester sein, wie sie beispielsweise am Universitätsklinikum Gießen für junge Mediziner angeboten werden. Dort werden Studierenden bereits zu Studienbeginn über Arbeitsbelastung, Lebensqualität, gesundheitliche Risiken (zum Beispiel Alkoholkonsum) und Präventionsmöglichkeiten (etwa Bewegung, Entspannung) im Medizinstudium und im Arztberuf informiert. Darüber hinaus wird ein spezielles Stressbewältigungsprogramm für angehende Mediziner durchgeführt. Darin werden Methoden zum Umgang mit Stress und Prüfungsängsten, Lernstrategien und autogenes Training vermittelt. Eine weitere Möglichkeit, wie Studierende mit psychologischen und sozialen Kompetenzen ausgestattet werden können, um das anstehende Studium zu bewältigen, ist ein Programm, das Wissenschaftler um Colleen Conley von der Loyola University Chicago, USA, entwickelt haben. Im Rahmen eines „prosozialen Wellness-Seminars“ vermittelten sie Erstsemestern Techniken der Entspannung, Stressbewältigung, Emotionsregulation und Selbstfürsorge, mit dem Ergebnis, dass diese Erstsemester deutlich weniger Probleme als ihre Kommilitonen hatten, sich an den Universitätsalltag anzupassen und während des Studiums gesund zu bleiben. Die Studie aus Chicago zeigt, dass Universitäten nicht nur in hervorragendes Personal und modernste Lehrmittel, sondern auch in die psychische Gesundheit ihrer Studierenden investieren sollten, um leistungsfähige Akademiker hervorzubringen.

Marion Sonnenmoser

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