ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2013Flut in Deutschland: Solidarität unter Kollegen

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Flut in Deutschland: Solidarität unter Kollegen

Dtsch Arztebl 2013; 110(25): A-1234 / B-1078 / C-1070

Richter-Kuhlmann, Eva; Hibbeler, Birgit; Schmidt, Klaus; Wulfert, Eugenie

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Trotz sinkender Pegelstände in den Hochwassergebieten sind noch viele Menschen in Not, darunter auch Ärztinnen und Ärzte. Viele Kollegen packen mit an. Kammern und Kassenärztliche Vereinigungen helfen ebenfalls unbürokratisch.

Fotos: dpa
Fotos: dpa

Langsam, Zentimeter für Zentimeter stieg die Mulde in den ersten Junitagen. In Grimma befürchteten die Menschen eine ähnliche Flutkatastrophe wie vor elf Jahren. Damals war keine Stadt in Sachsen so stark betroffen wie das 30 000 Einwohner zählende Grimma. Die Stadt wurde zum traurigen Symbol der Jahrhundertflut: 250 Millionen Euro Kosten, fast 700 Häuser beschädigt oder zerstört, Brücken und Straßen weggerissen.

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Die Schäden veranlassten das Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft damals, ein Hochwasserkonzept zu erarbeiten, das Grimma vor einem statistisch alle 100 Jahre auftretenden Hochwasser schützen sollte. Die Arbeiten sollten 2017 abgeschlossen werden. Doch die Flut kam früher: Am 2. Juni wurde Katastrophenalarm ausgerufen; circa 2 500 Menschen mussten in Sicherheit gebracht werden. Die Mulde drängte in die frisch sanierte Altstadt und überflutete Plätze, Wohnungen, Apotheken und Arztpraxen. Die privaten und öffentlichen Investitionen der vergangenen Jahre fielen erneut den braunen Wassermassen zum Opfer.

„In einer Kleinstadt hilft man sich unter Kollegen – das ist selbstverständlich.“ Arne Drews, Internist und Arbeitsmediziner. Foto: privat
„In einer Kleinstadt hilft man sich unter Kollegen – das ist selbstverständlich.“ Arne Drews, Internist und Arbeitsmediziner. Foto: privat

„Die Altstadt war fast im gleichen Ausmaß überflutet wie damals, nur die Pegelstände waren niedriger“, berichtet Dr. med. Arne Drews dem Deutschen Ärzteblatt. Der in Grimma niedergelassene Internist und Arbeitsmediziner hatte Glück: Seine Praxis im ersten Stockwerk war nicht direkt betroffen. „Aber der Parkplatz war ein einziger See.“ Glücklicherweise sei diesmal die Flut langsam gekommen, und die Behörden hätten die Bevölkerung rechtzeitig informieren können, erzählt Drews: „So hatten wir noch Zeit, alle wichtigen Unterlagen aus dem Keller, in dem wir Patientenakten und Röntgenbilder aufbewahren, hoch zu tragen.“ Auch die Apotheke, die sich im Erdgeschoss des Hauses befindet, wurde in Eigeninitiative in die Praxisräume des Arztes evakuiert. Nach drei Tagen ohne Strom konnte die Praxis von Drews am 6. Juni dann wieder ihren Betrieb aufnehmen. Als Arbeitsmediziner berät er auch die Betroffenen zu den erforderlichen Schutzmaßnahmen beim Aufräumen: Feste Gummihandschuhe und Atemmasken sind erforderlich, um sich gegen die im Schlamm befindlichen Bakterien, Viren und Pilze zu schützen.

Die zweite Jahrhundertflut

Auch nach der täglichen Sprechstunde bleibt Drews derzeit im Einsatz: „Jeden Tag gehe ich noch irgendwo helfen – in die Apotheke oder zu befreundeten Kollegen aus dem Qualitätszirkel.“ Einer von ihnen ist Dr. med. Andreas Nolopp. Die Praxis des Gastroenterologen ist schon das zweite Mal stark betroffen. 2002 stand dort das Wasser 2,10 Meter hoch und reichte somit bis unter die Decke. „Wir hatten quasi einen Totalschaden“, erzählt Nolopp. „Mobiliar, Fußboden, Wände und die technischen Geräte samt der Endoskope – alles war kaputt.“

In diesem Jahr stand die Praxis „nur“ 55 Zent

Aufräumarbeiten in Grimma: Das Zentrum der sächsischen Kleinstadt wird zum zweiten Mal komplett saniert werden müssen.
Aufräumarbeiten in Grimma: Das Zentrum der sächsischen Kleinstadt wird zum zweiten Mal komplett saniert werden müssen.
imeter unter Wasser. „Wir hatten Glück im Unglück“, meint der Arzt. „Während 2002 das Wasser sturzflutartig über Nacht kam, entwickelte es sich diesmal nur langsam. Ich konnte mit meiner Frau am 1. Juni noch mal in die Praxis gehen und Computer und Endoskope in Sicherheit bringen.“ Viele Geräte konnte Nolopp bei dem über seiner Praxis ansässigen Steuerberater unterstellen. Die Endoskope transportierte er in Koffern oder um den Hals gehängt zu seinem Auto und nahm sie mit nach Hause.

Nachdem sich die Mulde wieder in ihr Flussbett zurückgezogen hatte, wurde der Schaden sichtbar: „Alle Möbel waren aufgequollen, die Türen verzogen. Lediglich der Fußboden hat diesmal gehalten. Wir hatten nämlich nach 2002 alles gefliest“, berichtet Nolopp. „Als ich die Misere betrachtete, geschah etwas, was ich nicht für möglich gehalten hätte: Zwei etwa 1,90 Meter große Jungs aus dem Sportverein Kössern kamen einfach vorbei und räumten mit Äxten die Praxis aus. Sie haben alles Aufgequollene raus gehackt, sauber gemacht und wollten nicht einmal ein Entgelt dafür annehmen“, erzählt der Arzt noch immer bewegt über diese Hilfsbereitschaft.

Hilfe bekam Nolopp auch von vielen Kollegen angeboten. Besonders freut er sich, dass er jetzt in einem Raum, den ihm das Krankenhaus in Grimma zur Verfügung gestellt hat, wieder endoskopieren kann. Nach den Renovierungsarbeiten hofft er, im August/September den regulären Praxisbetrieb aufnehmen zu können.

Grimma hat inzwischen erneut ein Hochwasser-Spendenkonto eingerichtet. Auch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) kündigte Hilfen des Freistaates an. Aber auch auf innerärztliche Solidarität können die Betroffenen hoffen: „Jetzt geht es darum, schnell beim Aufbau und der Beseitigung von Schäden zu helfen. Aus diesem Grund hat die Sächsische Lan­des­ärz­te­kam­mer bereits am 3. Juni Hilfsmaßnahmen für Ärzte beschlossen“, erklärte Prof. Dr. med. Jan Schulze, Präsident der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.

Hilfe von Kammern und KVen

Nach Angaben der Kammer hatten sich bis zum Redaktionsschl

Über die Evakuierung der Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg informierte sich Daniel Bahr beim Vorstandsvorsitzenden Christoph Radbruch. Foto: Michaela Schröder
Über die Evakuierung der Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg informierte sich Daniel Bahr beim Vorstandsvorsitzenden Christoph Radbruch. Foto: Michaela Schröder
uss 15 Ärzte wegen Hochwasserschäden gemeldet. Drei Kollegen haben bereits die Soforthilfe aus dem Fonds Sächsische Ärztehilfe als Darlehen bekommen. Der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen wurden mehr als 100 Praxen gemeldet, die in unterschiedlichem Umfang durch das Hochwasser geschädigt worden waren. „Der Schwerpunkt liegt dabei mit 65 Praxen im Direktionsbezirk Dresden, in den Bezirken Chemnitz und Leipzig sind es 25 beziehungsweise 15 Praxen“, erläuterte Dr. Ingo Mohn von der KV Sachsen. Notwendige Vertretungen würden vor Ort über die regionalen Bezirksgeschäftsstellen organisiert.

Mit der Hilfe ihrer KV und Lan­des­ärz­te­kam­mer können auch die von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Praxen in Thüringen rechnen. Die KV Thüringen hat eine unbürokratische Soforthilfe für vom Hochwasser geschädigte Arztpraxen in Höhe von 5 000 Euro je betroffene Praxis beschlossen. Ein zinsloses Darlehen bis zu 3 000 Euro pro Arzt bietet die Lan­des­ärz­te­kam­mer Thüringen an.

Auch Ärzte aus Sachsen-Anhalt, deren Praxiseinrichtungen durch die Hochwasserkatastrophe zerstört oder stark beschädigt wurden, können 1 000 Euro aus dem Sozialfonds der Lan­des­ärz­te­kam­mer Sachsen-Anhalt sowie bis zu 5 000 Euro von der KV als Soforthilfe erhalten. Zudem ruft die KV zu Spenden auf. Die Ärztekammer Sachsen-Anhalt sammelt ebenso für betroffene Ärzte (www.aeksa.de). Daneben besteht bei ihr die Möglichkeit, ein zinsloses Darlehen bis zu 5 000 Euro zu beantragen. Wie viele Ärzte die Hilfe benötigen, ist allerdings noch nicht abzuschätzen. Sicher ist jedoch. Zins- und tilgungsfreie Kredite von 25 000 Euro pro Praxis mit drei Jahren Laufzeit stellt die Deutsche Apotheker- und Ärztebank für hochwassergeschädigte Heilberufler bereit.

Auswirkungen hat und hatte das Hochwasser jedoch nicht nur auf den ambulanten, sondern auch auf den stationären Bereich. So musste

n Patienten, Bewohner und Hospizgäste in den Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg vorsorglich evakuiert werden. Mehr als 400 Menschen wurden nach Angaben der Stiftungen in die Lungenklinik Lostau und Pflegeeinrichtungen in und um Magdeburg verlegt.

Wann sie wieder auf das Gelände der Pfeifferschen Stiftungen zurückkehren können, ist derzeit nicht absehbar. Rettungsfahrzeuge vom Arbeiter-Samariter-Bund, dem Deutschen Roten Kreuz, Maltesern und Johannitern, aber auch Busse seien etwa neun Stunden lang im Großeinsatz gewesen. Wachkomapatienten in Betten mussten ebenso transportiert werden wie Rollstuhlfahrer. Um auch in der spezialisierten Lungenklinik die Patientenversorgung in allen benötigten Disziplinen aufrechterhalten und notwendige Operationen vornehmen zu können, folgten Ärzte und Pflegekräfte ihren Patienten nach Lostau.

Dass es zu einer Evakuierung kommen würde, wurde bereits mehrere Tage vorher deutlich. Deshalb hatte das Krankenhaus frühzeitig Vo

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer sagten den Opfern der Überschwemmungen Soforthilfe zu.
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer sagten den Opfern der Überschwemmungen Soforthilfe zu.
rbereitungen getroffen. So wurden beispielsweise geplante Operationen abgesagt. „Glücklicherweise stand in der Lungenklinik Lostau eine neue Station kurz vor der Eröffnung. Wir konnten jedes Bett gebrauchen“, berichtet Dr. med. Heiner Weigel, Chefarzt in der Klinik für Innere Medizin und Ärztlicher Leiter im Krisenstab, dem Deutschen Ärzteblatt. „Bei mehr als 400 Menschen war es schon eine Herausforderung, den Überblick zu behalten.“ Es sei aber alles ohne Zwischenfälle verlaufen. Weigel unterstrich die Einsatzbereitschaft der Kollegen bei der Evakuierung und der Versorgung der Patienten bei einem „improvisierten Betrieb“, den Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr (FDP) am 11. Juni bei seinem Besuch würdigte.

Stark betroffen von der Flut ist auch Bayern: Am Mittwoch, 5. Juni 2013, war das Donauhochwasser in der niederbayerischen Kreisstadt Deggendorf (31 600 Einwohner) über acht Meter gestiegen, der Ortsteil Fischerdorf lag 2,30 Meter unter Wasser und musste komplett evakuiert werden. Ganz schlimm hatte es die Gemeinde Niederalteich an der Donau im Landkreis Deggendorf erwischt: Der Ort stand vollständig unter Wasser.

Von der Evakuierung im überfluteten Niederalteich betroffen sind auch die zwei dort ansässigen Praxen eines Allgemeinarztes und einer Psychotherapeutin, die unweit der Donau liegen. Die ärztliche Versorgung, bestätigen mehrere niedergelassene Ärzte auf Anfrage, ist beeinträchtigt. Nicht nur durch Schäden in den Praxen, sondern auch durch den Umstand, dass viele Patienten wegen der überfluteten Verkehrswege nicht dorthin gelangen können.

Die KV Bayerns will 1,5 Millionen Euro für unbürokratische Hilfe zugunsten aktuell hochwassergeschädigter bayerischer Vertragsärzte und -psychotherapeuten verwenden. Nach ersten Schätzungen hat die Flut in Niederbayern und der Oberpfalz Schäden von mehr als 700 Millionen Euro verursacht. Allein im Raum Deggendorf rechnet das Landratsamt mit einer Schadenssumme von 500 Millionen Euro.

Solidarität mit den vom Hochwasser betroffenen Menschen besteht jedoch mittlerweile bundesweit. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) waren vor Ort und haben unbürokratische Hilfe zugesagt. Die Bundesregierung versprach 100 Millionen Euro Soforthilfe, und auch das bayerische Kabinett hat für Kleinbetriebe 5 000 Euro Sofortgeld angekündigt.

Vorsorgliche Evakuierung

In Niedersachsen ist die Lage weniger dramatisch. Vornehmlich betroffen ist der Landkreis Lüchow-Dannenberg und hier besonders der Ort Hitzacker. Dort mussten bis Redaktionsschluss nach Angaben der KV Niedersachsen zwei Arztpraxen evakuiert werden. „Größere Schäden sind in den Praxen aber nicht entstanden“, teilte KV-Sprecher Detlef Haffke mit. Die Situation sei nach jetzigem Kenntnisstand nicht so schlimm wie beim letzten Hochwasser. Wenn nötig, werde die KV wieder finanzielle Unterstützung anbieten, versicherte Haffke. In Schleswig-Holstein werden Hilfen der KV unterdessen nicht notwendig sein.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann,
Dr. med. Birgit Hibbeler, Klaus Schmidt,
Eugenie Wulfert

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klausenwächter
am Donnerstag, 27. Juni 2013, 09:22

Horizontale Hilfen - Vertikale Verwaltung

Für 100 von Flutschäden betroffene Praxen stellen die Kammern 100.000 bis 500.000 Euro als Soforthilfe, teilweise als Darlehen zur Verfügung.Die Imagekampagne "Ich arbeite ..." wurde dagegen mit 15 Millionen Euro finanziert. Die pragmatische Hilfe " alles Aufgequollene rauszuschaffen" ( Nolopp in Solidarität unter Kollegen" muß an der richtigen Stelle erfolgen.

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