ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2013Börsebius: Relative Realität

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Börsebius: Relative Realität

Dtsch Arztebl 2013; 110(25): A-1272 / B-1112 / C-1100

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Vor gut anderthalb Jahren hatte ich beruflich in Singapur zu tun und habe natürlich eines der, wie ich finde, schönsten Bauwerke der Welt besichtigt. Gut, schön ist relativ, aber imposant ist es allemal, und das in einzigartiger Weise. Das Marina Bay Sands überragt wie ein riesiges Schiff alle umliegenden Gebäude und bietet in 191 Metern Höhe von der Dachterrasse aus (für 3 900 Personen) eine unfassbare Sicht über die Stadt und den Hafen. Von dort oben habe ich unter mir ein Riesenrad gesehen, mindestens so groß wie das London Eye. Es wirkte trotz seiner Dimensionen wie ein kleines Spielzeug. Damals fragte ich mich, wer um alles in der Welt, geht denn auf ein solches Rad, wenn er von weiter oben einen viel, viel besseren Blick hat?

Als hätte ich es beschworen: Der „Singapore Flyer“, das größte Riesenrad der Welt, ist pleite. Genauer gesagt, die Betreibergesellschaft „Singapore Flyer Pte. Ltd (SFPL). Und es bangen – mal wieder – deutsche Anleger um ihre Kohle. Rund tausend Investoren aus unseren Landen stehen mit 52,5 Millionen Euro im Feuer. Viele der erbosten Anleger sind sauer auf die Frankfurter Bethmann-Bank. Sie habe die Anleger beim Verkauf der Anteile an dem geschlossenen Fonds falsch informiert, so lautet zumindest der Hauptvorwurf, das Anlagemodell sei wesentlich riskanter gewesen als vorgegeben.

Außerdem monieren einige Anlegeranwälte die extrem hohen Nebenkosten, die nicht direkt in den Bau des Riesenrades geflossen, sondern für die Entwicklung und Finanzierung des Objekts ausgegeben worden seien. Die Bethmann-Bank hätte sich jedenfalls in üppiger Weise die Taschen selbst vollgemacht und eine satte Vermittlungsprovision in Höhe von zehn Prozent eingestrichen und das den Zeichnern noch nicht einmal mitgeteilt.

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Im harten Alltag konnten sich die Prospektversprechungen jedoch in keiner Weise halten. Das Interesse der Besucher am Singapore Flyer war ziemlich mau. Es kamen aber auch noch technische Probleme dazu. Wenige Monate nach der Eröffnung waren 170 Besucher nach einem Defekt stundenlang auf dem Riesenrad gefangen, eine weltweite Negativwerbung sondergleichen.

Im Prospekt, der von der Bethmann Tochtergesellschaft DBM-Fonds-Invest herausgegeben wurde, war übrigens die Rede von „hohen Renditechancen bei relativ hoher Sicherheit“. Höher, weiter, massive Zeichnerverdummung. Hier handelte es sich offenbar um eine mindestens schönfärberische Augenwischerei.

Nur weil ein Objekt hoch in die Luft ragt, ist es noch lange nicht rentabel. Und „relativ hohe Sicherheit“ klingt erst recht nach ziemlichem Nonsens. Die Wahrheit ist selten relativ. Sondern knallhart. Das Geld ist schlicht und ergreifend einfach weg. Auf Nimmerwiedersehen.

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Avatar #20992
raimundwilms
am Mittwoch, 26. Juni 2013, 10:54

ein weitere Fonds mit Totalverlust

Genauso weg ist das Geld der Anleger beim geschlossenen Immobilienfonds Meadowland Xanadu der KanAm München in New Jersey gegenüber Manhattan.Zu 885% fertig gestellt,auch hier ein Riesenrad geplat.
Dann wollen die Banken nicht mehr zahlen.
Die Apobank kassierte ein gute Provision.Die Anleger erlitten Totalverlust.
Auf das hohe Fremdkapital der Banken und einen möglichen Totalverlust war nicht hingewiesen worden