ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2013Einsatz in Bangladesch und Jemen: „Ich möchte nicht tauschen“

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Einsatz in Bangladesch und Jemen: „Ich möchte nicht tauschen“

Dtsch Arztebl 2013; 110(25): A-1287 / B-1127 / C-1115

Kubisch, Bernd

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Kai Stietenroth wollte nie als Arzt in Deutschland arbeiten. Stattdessen versucht er, die Not in armen Ländern zu lindern – zurzeit im Dienst der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit.

Für Unkundige nicht zu erkennen: Eingang zu einem privaten Krankenhaus in Dhaka, Bangladesch
Für Unkundige nicht zu erkennen: Eingang zu einem privaten Krankenhaus in Dhaka, Bangladesch

Der Arzt aus Niedersachsen, seine deutschen und europäischen Auftraggeber sowie die Mitstreiter vor Ort arbeiten nach diesen Prinzipien: medizinische Ausbildung, Fortbildung, Partnerschaft auf Augenhöhe und Hilfe zur Selbsthilfe. So werden die besten Fortschritte bei der gesundheitlichen Versorgung erreicht. „Ärzte aus reichen Ländern sollten nur bei Katastrophen zum Einsatz kommen, nicht aber auf Dauer als Lückenfüller arbeiten“, betont Dr. med. Kai Stietenroth. Als Schüler in Goslar verschlang er die Bücher des Journalisten Peter Scholl-Latour und wollte Korrespondent im Ausland werden. Nach dem Abitur arbeitete er im Zivildienst als Rettungssanitäter und studierte ein paar Semester Islamwissenschaft und Arabisch. Doch dann wusste er, wozu er sich wirklich berufen fühlte: „Es gibt so viel Not. Aber in armen Ländern leiden die Menschen mehr, weil die medizinische Versorgung so schlecht ist“, sei ihm bewusst geworden – „und ein Arzt kann auch in der Welt herumkommen“, fügt der heute 42-Jährige schmunzelnd hinzu.

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Er sitzt in seinem Büro in Bangladesh. Dort arbeitet er als Projektleiter für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Sie unterstützt im Auftrag der Bundesregierung das bitterarme Land bei der Verbesserung seines Gesundheitssystems. Gleich trifft Stietenroth Mitarbeiter seines Teams zur Lagebesprechung. Er studierte in Göttingen, Berlin, Amsterdam, Basel und Kopenhagen, hat ein Diplom in Tropenmedizin und ist Arzt und Master of International Health. „Internationale Gesundheit mit Schwerpunkt Entwicklungsländer studierte ich im TropEd-Verbund.“ Das ist ein Netzwerk europäischer Universitäten mit insgesamt 27 Institutionen.

Stietenroth arbeitete im Sudan für Ärzte ohne Grenzen, in Afghanistan für die Malteser und schrieb seine Doktorarbeit über Leprabehandlung in Indien (l.: Farzana Yasmin, r.: Nazmun Nahar Nuri). Fotos: Bernd Kubisch
Stietenroth arbeitete im Sudan für Ärzte ohne Grenzen, in Afghanistan für die Malteser und schrieb seine Doktorarbeit über Leprabehandlung in Indien (l.: Farzana Yasmin, r.: Nazmun Nahar Nuri). Fotos: Bernd Kubisch

„Ich hatte nie Interesse, als Arzt in Deutschland zu leben“, sagt Stietenroth. Er arbeitete im Sudan für Ärzte ohne Grenzen, in Afghanistan für die Malteser und schrieb seine Doktorarbeit über Leprabehandlung in Indien. In Pakistan half er im Auftrag der GIZ, das Gesundheitssystem effizienter zu machen, arbeitete dabei auch bei Bergvölkern in Kaschmir. Jetzt betreten die Ärztin Dr. Farzana Yasmin, die Zahnärztin Nazmun Nahar Nuri und Parvez Mohammad Asheque sein Büro. Das GIZ-Team recherchiert im Internet, blättert und studiert Akten. Dann werden die nächsten Aufgaben besprochen.

Die Lebenserwartung ist in Bangladesch in knapp 20 Jahren von 59,2 auf 69,3 Jahre gestiegen. Die Säuglingssterblichkeit ist rückläufig, aber im internationalen Vergleich weiter viel zu hoch. Nur 26 Prozent der Geburten werden in Bangladesch von einer Fachkraft begleitet. Das ist eine von vielen Schwachstellen im Gesundheitssystem, wo die internationale Hilfe ansetzt. „Deshalb werden verstärkt Hebammen aus- und weitergebildet“, erläutert Farzana Yasmin. Stietenroth ergänzt: „Vor allem soll die Beratung der Mütter vor und nach der Geburt verstärkt werden.“ Besonders gute Hebammen geben als Multiplikatoren dann das Gelernte an ihre Kolleginnen weiter.

Es gibt große Probleme im Land: Praktische Ärzte verfügen oft über keine qualifizierte Ausbildung. Armen ist vielfach der Zugang zu Gesundheitsleistungen verwehrt. Vor allem auf dem Land sind die staatlichen Einrichtungen schlecht ausgestattet, es fehlen Medikamente. Inzwischen gibt es jedoch Statistiken und einen Überblick über die Schwachstellen in den einzelnen Regionen. „Beim Monitoring, finanzieller Kontrolle und besserer Organisation gibt es Fortschritte“, berichtet der Deutsche.

Stietenroth hat die nächsten Tage ein enormes Programm abzuleisten. Gespräche in Kliniken und im Ge­sund­heits­mi­nis­terium, dann eine Reise nach Sylhet unweit der Grenze zu Indien, wo die Frauen kaum etwas über Familienplanung und Verhütungsmethoden wissen. Danach fliegt der Pendler für einige Wochen in den Jemen. Wegen der Sicherheitslage hatte Deutschland Stietenroth aus dem arabischen Land zeitweilig abgezogen und ihm die Interimsposition in Bangladesch gegeben. Inzwischen ist die politische Lage im Jemen wieder ruhiger. „Der Bürgerkrieg hatte auch im Gesundheitswesen schwere Einschnitte gebracht“, erklärt Stietenroths jemenitische Kollegin Reem Saleh Al-Ansi. Nun gehe es wieder aufwärts, auch dank deutscher Hilfe.

Wie kommt der Arzt mit dem Stress klar, gleich zwei so unterschiedliche Länder zu betreuen? Stietenroth sagt: „Ich bin glücklich in meinem Job. Es gibt manche bitteren Erfahrungen, aber auch viele Erfolgserlebnisse. Ich möchte nicht tauschen.“ Dazu trägt auch die Familie bei: Sohn Liam und Lebensgefährtin July. Die Kinderärztin arbeitet auch häufig im Ausland, war auch für Ärzte ohne Grenzen aktiv. „Wir fühlen uns wohl, wo wir leben“, sagt das Paar unisono.

Bernd Kubisch

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