ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2013Offenes Operieren weiterhin unterlässlich
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Angesichts der raschen Entwicklung der endovaskulären Gefäßchirurgie ist eine Übersichtsarbeit zur Literaturlage zu begrüßen. Aus unserer Sicht sind einige Punkte unscharf gefasst:

Die Autoren ziehen die EVAR-Studie I und II zusammen und sprechen von 27 Aortenrupturen nach Stent-Prothesenbehandlung von 848 Patienten. Tatsächlich ereigneten sich 27 Rupturen in dem durch Randomisierung der Stent-Prothesenbehandlung zugeordneten Anteil von EVAR I, was nach Subtraktion der operativen Sterblichkeit einer Rupturrate von etwa 5 % in 4,8 Jahren (27 von 576) entspricht (1), während in der Gruppe der offen operierten Patienten keine Aneurysmaruptur auftrat. Spätestens zwei Jahre nach Implantation der Endoprothese beginnen wegen Endoleckagen (5 Typen!) Reparaturarbeiten. 41 % der Patienten zeigen 5 Jahre nach EVAR eine Aneurysmavergrößerung!

Protheseninfektionen nach offener Operation im eigenen Patientenkollektiv wurden schon seit Jahrzehnten nicht mehr beobachtet, seitdem am Abschluss der Operation in den Aneurysmasack 5–10 mL Betaisodonalösung gegeben werden (2, 3).

Eine Potenzstörung beim offenen Operieren in der Größenordnung von 60 % ist eine geschätzte Größe. Die Vorstellung von der eigenen sexuellen Potenz ist häufig größer als die Realität. In einer retrospektiven Studie wurde vor 30 Jahren nach offenem Operieren eine Rate von 40 % Potenzstörungen bestätigt, in der nachfolgenden prospektiven Studie waren es weniger als 20 % und in 4 % traten Verbesserungen durch Wiederherstellungen der inneren Beckenstrombahn auf (4).

Operationssterblichkeit: Die Studien EVAR I, DREAM und OVER zeigen eine höhere operative Sterblichkeit beim offenen Vorgehen. Doch die französische ACE-Studie zeigt, dass die Sterblichkeit beim endovaskulären Vorgehen doppelt so hoch war (0,7 versus 1,3 % [5]). Natürlich ist es schwierig, im Rahmen einer Literaturstudie der Qualität der Therapeuten nachzugehen.

Zusammenfassend wäre eine stringentere Empfehlung für die lebensnotwendige Dauerkontrolle der endovaskulär operierten Patienten empfehlenswert, denn mit dem Einbringen einer stentgestützten Endoprothese ist die Aneurysmakrankheit keineswegs ausgeheilt. Darüber hinaus ist damit zu rechnen, dass nicht nur wegen unter anderem Infektion, Migration, Endoleckage, Aneurysmazunahme, Prothesenschenkelverschluss, Prothesenabknickung, prothetoduodenaler Fistel, Aneurysmarupturen die offene Operation eines Tages erforderlich werden kann, und es wäre wünschenswert gewesen, darauf hinzuweisen, dass die heutige Chirurgengeneration das offene Operieren weiterhin beherrschen beziehungsweise subtil erlernen muss.

DOI: 10.3238/arztebl.2013.0460

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Wilhelm Sandmann

Klinik für Gefäßchirurgie

Evangelisches Krankenhaus Duisburg-Nord

wilhelm.sandmann@evkln.de

Interessenkonflikt

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Die Autoren des Beitrags haben auf ein Schlusswort verzichtet.

1.
Wyss TR et al.: Rate and predictability of graft rupture after endovascular and open abdominal aortic aneurysm repair: data from the EVAR Trials. Ann Surg 2010; 252: 805−12 CrossRef MEDLINE
2.
Pfeiffer T, Sandmann W: Infrarenales Aortenaneurysma. Chirurg 2003; 74: 482−97 CrossRef MEDLINE
3.
Sandmann W, Pfeiffer T: Die endovaskuläre Therapie des abdominalen Aortenaneurysmas: Aus der Sicht des Gefäßchirurgen. Dtsch Arztebl 2002; 99: A 1160–7 VOLLTEXT
4.
Schulz A, Sandmann W: Dissertation, 1980.
5.
Becquemin JP et al.: A randomized controlled trial of endovascular aneurysm repair versus open surgery for abdominal aortic aneurysms in low- to moderate-risk patients. J Vasc Surg 2011; 53: 1167–73 CrossRef MEDLINE
6.
Greiner A, Grommes J, Jacobs MJ: The place of endovascular treatment in abdominal aortic aneurysm. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(8): 119−25. VOLLTEXT
1.Wyss TR et al.: Rate and predictability of graft rupture after endovascular and open abdominal aortic aneurysm repair: data from the EVAR Trials. Ann Surg 2010; 252: 805−12 CrossRef MEDLINE
2.Pfeiffer T, Sandmann W: Infrarenales Aortenaneurysma. Chirurg 2003; 74: 482−97 CrossRef MEDLINE
3.Sandmann W, Pfeiffer T: Die endovaskuläre Therapie des abdominalen Aortenaneurysmas: Aus der Sicht des Gefäßchirurgen. Dtsch Arztebl 2002; 99: A 1160–7 VOLLTEXT
4.Schulz A, Sandmann W: Dissertation, 1980.
5.Becquemin JP et al.: A randomized controlled trial of endovascular aneurysm repair versus open surgery for abdominal aortic aneurysms in low- to moderate-risk patients. J Vasc Surg 2011; 53: 1167–73 CrossRef MEDLINE
6.Greiner A, Grommes J, Jacobs MJ: The place of endovascular treatment in abdominal aortic aneurysm. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(8): 119−25. VOLLTEXT

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