ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2013MRT bei aktiven Implantaten: Nutzen ist für den Patienten größer als die potenzielle Gefährdung

MEDIZINREPORT

MRT bei aktiven Implantaten: Nutzen ist für den Patienten größer als die potenzielle Gefährdung

Dtsch Arztebl 2013; 110(26): A-1318 / B-1154 / C-1141

Mühlsteffen, Artur; Dürr, Gerhart; Hinz, Michael

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Ob die Kernspintomographie bei Patienten mit Herzschrittmacher, Defibrillator oder CRT-Gerät als diagnostisches Instrument eingesetzt werden darf, wird im Hinblick auf die Sicherheit kontrovers diskutiert. Ein Pro-Beitrag

Die Aussage, „Eine Kernspintomographie (MRT) bei Patienten mit Herzschrittmacher, Defibrillator oder CRT-Gerät verpflichtet den Arzt vorab zur eingehenden Risikoabwägung, Einhaltung aller Sicherheitsmaßnahmen und einer ins Detail gehenden Aufklärung. Je nach Bauart des MRT-Gerätes und der Funktion des Implantats muss mit unterschiedlichen Komplikationen gerechnet werden“ (Dtsch Arztebl 2013; 110[12]: A 555), bedarf einer Diskussion.

Seit 2002 führen wir MRT-Untersuchungen im Niederfeld-Kernspintomographen bei Schrittmacherpatienten durch. Unser Erfahrungsschatz beläuft sich auf mittlerweile etwa 1 000 Untersuchungen, ohne dass es zu einem einzigen Zwischenfall kam. Alle sind lückenlos dokumentiert. Wir führen keine MRT-Untersuchungen bei ICD-Patienten durch. Ebenso schließen wir Patienten aus, die über keinen ausreichenden Eigenrhythmus verfügen, also streng schrittmacherabhängig sind.

Mit allen Aggregaten kann man problemlos kommunizieren

Die im zitierten Artikel beschriebenen Einschränkungen und Gefahren sind unseres Erachtens aus kardiologischer Sicht fachlich falsch bewertet. Die Auswirkungen auf Schrittmacher und Sonden aus physikalisch-medizintechnischer Sicht sind (in diesem Ausmaß) nicht nachvollziehbar.

Zu einzelnen Punkten:

1. In der Literatur ist kein einziger Fall beschrieben, bei dem ein Kammerflimmern gesichert durch asynchronen Modus ausgelöst wurde.

2. Der Reed-Schalter blieb bei keinem einzigen Patienten geschlossen. Mit allen Aggregaten konnte nach der MRT-Untersuchung problemlos kommuniziert und diese konnten auch rückprogrammiert werden.

3. Bei keinem Patienten wurden die Sonden beschädigt. Es kam bei keinem Patienten zu einer Impedanzerhöhung. Nicht bei einem musste die Impulshöhe oder Impulsdauer verändert werden. Keine Sondenerwärmung im Niederfeld-kernspin.

4. Es wird nicht hochfrequent asynchron stimuliert.

Die Schlussfolgerung, dass derzeit unfallfreie Untersuchungen „purer Zufall“ seien, ist angesichts unserer Ergebnisse nicht richtig. In einem Zentrum mit eingespieltem Team mit entsprechender Erfahrung (erfahrene Radiologen, Schrittmacherexperte, Herzchirurg und enger Kommunikation mit den Aggregat-Herstellern) sind diese Untersuchungen sicher durchführbar. Für Schrittmacherpatienten haben wir folgendes Prozedere eingeführt:

  • Aufklärung, kardiologische Anamnese
  • Basisabfrage, Erhebung und Dokumentation aller Parameter inklusive Impedanzen
  • Umprogrammierung des Schrittmachers auf asynchronen Modus oder Aus.
  • MRT-Untersuchung unter EKG-Kontrolle und Pulsoxymetrie
  • Post-MRT, Erhebung und Dokumentation aller Parameter noch im umprogrammierten Modus
  • Umprogrammierung des Schrittmachers auf ursprüngliche Parameter, Endkontrolle, nochmalige Erhebung und Dokumentation aller Parameter.

Es ist daher nicht verantwortbar, Herzschrittmacherpatienten vom medizinischen Fortschritt auszuschließen. Um zu einer Diagnose zu gelangen, müssten diese Patienten ein erhöhtes Risiko von alternativen, meist invasiven Untersuchungsmethoden auf sich nehmen – zum Beispiel: Arthrographie beziehungsweise Arthroskopien bei Gelenksverletzungen, Myelographie bei Bandscheibenoperationen oder Spinalstenosen sowie Computertomographie bei Hirntumoren (mit deutlich schlechterer Detaildarstellung).

Eine generelle Verteufelung ist kontraproduktiv

Diese Untersuchungen beinhalten aufgrund ihrer geringeren diagnostischen Aussagekraft weitere Risiken, zum Beispiel schlechtere Abgrenzbarkeit und schwierigere Festlegung des Zugangswegs bei Hirntumoren oder Tumoren des Spinalkanals und somit ein schlechteres Outcome. Außerdem sind kontrollbedürftige Patienten einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt. Dieses erhöhte Risiko ist dem, nach unserer Erfahrung, geringeren Risiko der Kernspintomographie bei sorgfältiger Indikationsstellung und begleitender Betreuung entgegenzusetzen.

Eine generelle Verteufelung der MRT bei Herzschrittmacherpatienten ist bei der zunehmend älter werdenden Gesellschaft sicherlich kontraproduktiv. Der Nutzen einer MRT-Bildgebung ist bei vielen Krankheitsbildern unbestritten und steht meist nicht im Verhältnis zu der möglichen Gefährdung von Patient und Aggregat.

Dr. med. Artur Mühlsteffen,

Dr. med. Gerhart Dürr,
Dr. med. Michael Hinz

Radiologie München-Nord

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