ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2013Schlichtung bei Behandlungsfehlern: Deutlich mehr Anträge im Jahr 2012

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Schlichtung bei Behandlungsfehlern: Deutlich mehr Anträge im Jahr 2012

Dtsch Arztebl 2013; 110(26): A-1295 / B-1135 / C-1123

Wulfert, Eugenie

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Mehr Patienten als in den Vorjahren haben sich wegen des Verdachts auf einen Behandlungsfehler an die Schlichtungsstellen der Ärztekammern gewandt. Viele wünschen sich eine offenere Kommunikation mit den Ärzten.

Mit 12 232 Anträgen sind im vergangenen Jahr 1 125 mehr Eingaben als 2011 bei den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern eingegangen. Damit haben sich deutlich mehr Patienten als in den Vorjahren mit einem Verdacht auf einen Behandlungsfehler an die Schlichtungsstellen gewandt. Das geht aus der jüngsten Behandlungsfehler-Statistik hervor. Sie verzeichnet damit den mit großem Abstand höchsten Anstieg der Antragszahlen in den vergangenen Jahren. Den Grund dafür sieht Dr. med. Andreas Crusius, Vorsitzender der Ständigen Konferenz der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen, vor allem in dem vor wenigen Monaten in Kraft getretenen Patientenrechtegesetz. Durch die Diskussion darüber sei der Bekanntheitsgrad der Kommissionen gestiegen.

Dennoch bestätigten sich nicht mehr Verdachtsfälle als 2011. Bei 7 578 bearbeiteten Anträgen wurde in 2 280 Fällen ein Behandlungsfehler bejaht. Darunter waren 1 889 Fälle, bei denen der Fehler ursächlich für einen Gesundheitsschaden war und einen Anspruch des Patienten auf Entschädigung begründete.

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„Gemessen an der Gesamtmenge der ärztlichen Behandlungen bewegt sich die Zahl der festgestellten Fehler im Promillebereich“, sagte Crusius. Jährlich verzeichnet die Statistik etwa 18 Millionen Behandlungsfälle im stationären und 540 Millionen im vertragsärztlichen Bereich. Auch wenn jeder Fehler einer zu viel sei, sei es „wenig hilfreich“, die Ärzte, denen ein Behandlungsfehler unterlaufen ist, pauschal als „Pfuscher“ zu diskreditieren. Ein Grund, der Fehler zumindest begünstigt, ist aus der Sicht von Crusius eine „chronische Unterfinanzierung“ des Gesundheitswesens.

Fehlerquellen: Bestimmte Krankheiten und Eingriffe dominieren seit längerem die Liste der häufigsten Fehler. Weitere Informationen zur Statistik: www.baek.de.
Fehlerquellen: Bestimmte Krankheiten und Eingriffe dominieren seit längerem die Liste der häufigsten Fehler. Weitere Informationen zur Statistik: www.baek.de.
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Fehlerquellen: Bestimmte Krankheiten und Eingriffe dominieren seit längerem die Liste der häufigsten Fehler. Weitere Informationen zur Statistik: www.baek.de.

Die Statistik gibt auch die Schwere des durch einen Behandlungsfehler hervorgerufenen Gesundheitsschadens an. Von den 1 889 Fehlern führten 40 Prozent zu einem vorübergehenden leichten/ mittleren Schaden, 25 Prozent zu einem leichten/mittleren Dauerschaden. 82 Menschen starben infolge eines Behandlungsfehlers (2011: 99). In 72 Prozent der Fälle betrafen die überprüften Fälle die Kliniken und in 28 Prozent die Praxen. Ein Grund ist nach Angaben von Crusius die höhere Komplexität der stationär behandelten Erkrankungen. Außerdem sei das Vertrauensverhältnis zwischen niedergelassenen Ärzten und ihren Patienten oftmals deutlich ausgeprägter als im stationären Bereich. Das äußere sich unter anderem in einer deutlich besseren Kommunikation.

Denn oft gehe es den Patienten, die einen Behandlungsfehler vermuteten, nicht oder nicht primär um Schmerzensgeld oder Schadensersatz, berichtete Elisabeth Goetz, Geschäftsführerin der Unabhängigen Patientenberatung in Bremen. Sie erwarteten vielmehr eine offene Kommunikation und die Beantwortung ihrer Fragen. „Trotz sehr guter Ansätze hapert es daran leider im medizinischen Alltag bis heute noch allzu oft“, beklagte Goetz.

Sie forderte die Ärzte auf, offener über den Ablauf der Ereignisse, die zu der fehlerhaften Behandlung geführt haben, zu sprechen. Eine schlechte Kommunikation bringe Betroffene vielfach erst auf die Idee, dass ihre Behandlung nicht optimal verlaufen sein könnte und die behandelnden Ärzte nun versuchten, Missstände zu vertuschen. Außerdem sollten mehr Ärzte besorgten Patienten zu einem Antrag auf Schlichtung bei den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen raten. Noch wüssten viele nichts von deren Existenz.

Trotz anfänglich erheblicher Ressentiments beurteilten Patienten Goetz zufolge das Schlichtungsverfahren als „guten, neutralen, wenn auch oft sehr anstrengenden Weg, ihre Fragen beantwortet zu bekommen und eine fachkundige Einschätzung der Ereignisse zu erhalten“.

Eugenie Wulfert

Fehlerquellen: Bestimmte Krankheiten und Eingriffe dominieren seit längerem die Liste der häufigsten Fehler. Weitere Informationen zur Statistik: www.baek.de.
Fehlerquellen: Bestimmte Krankheiten und Eingriffe dominieren seit längerem die Liste der häufigsten Fehler. Weitere Informationen zur Statistik: www.baek.de.
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Fehlerquellen: Bestimmte Krankheiten und Eingriffe dominieren seit längerem die Liste der häufigsten Fehler. Weitere Informationen zur Statistik: www.baek.de.

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