ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2013Ethikberatung: Heiße Luft
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Die erste und wichtigste Aufgabe eines wissenschaftlichen Autors ist es, seine Hypothesen sorgfältig zu belegen. Dies gilt insbesondere für Beiträge mit weitreichenden Schlussfolgerungen, wie der oben genannte. Dr. Strätling behauptet, die Ergebnisse der klinischen Ethikberatung seien „enttäuschend“, klinische Ethikkomitees würden „weder von Ärzten, Pflegenden und Juristen noch von Patienten in nennenswertem Umfang akzeptiert oder in Anspruch genommen“; sie sollten daher abgeschafft werden. Herr Strätling „belegt“ seine kritische Aussage mit einer beeindruckend langen Liste von 14 Zitaten. Überprüft man jedoch diese Verweise im Einzelnen, so muss man feststellen, dass kaum eine der zitierten Quellen in der Lage ist, die oben genannte pauschale Behauptung sachlich zu stützen. Im Gegenteil benennen acht dieser 14 Artikel zwar einzelne Probleme bei der Etablierung von klinischen Ethikkomitees, sehen die Situation insgesamt aber neutral oder wohlwollend und wollen zu ihrer Verbesserung beitragen. Eine Arbeit (Nr. 6, Connell, McLean) ist in PubMed gar nicht nachweisbar. Fünf dieser Quellen äußern sich im oben genannten Sinne fundamental kritisch, von diesen bringt jedoch überhaupt nur eine eigene empirische Befunde vor (Nr. 11, Whitehead, Sokol et al., eine Befragung von 70 Vorsitzenden von britischen klinischen Ethikkomitees). Diese Studie ist methodisch und inhaltlich dünn und im äußerst randständigen „Postgraduate Medical Journal“ erschienen. Die restlichen vier „Belege“ teilen sich auf in zwei ausgesprochen tendenziöse persönliche Statements eines bekannten britischen Kritikers klinischer Ethikkomitees (David Sokol, überdies Koautor bei Nr. 11) sowie – das kommt jetzt nicht mehr überraschend – zwei Arbeiten des Autors Meinolfus Strätling selbst, davon eine nahezu identisch mit dem im DÄ publizierten Aufsatz. Strätling verwendet hier seine persönliche, an anderer Stelle schon gleichlautend geäußerte Meinung wie einen sachlich angemessenen Beleg; dies drückt sich auch darin aus, dass er sich bis zum Ende des Textes in fast jedem zweiten Literaturverweis selbst zitiert.

Was bleibt also? Nichts als heiße Luft. Eine substanzielle Auseinandersetzung mit den Vorteilen und Problemen klinischer Ethikkomitees, die wir durchaus dringend benötigen, sieht anders aus. Wissenschaftliches Arbeiten in der Ethik übrigens auch – zum Glück.

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Prof. Dr. Claudia Wiesemann, Abteilung Ethik und Geschichte der Medizin, Universitätsmedizin Göttingen, 37073 Göttingen

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