ArchivDeutsches Ärzteblatt26/201374. Ordentlicher Medizinischer Fakultätentag: „Wir brauchen den Bund“

POLITIK

74. Ordentlicher Medizinischer Fakultätentag: „Wir brauchen den Bund“

Dtsch Arztebl 2013; 110(26): A-1304 / B-1142 / C-1130

Richter-Kuhlmann, Eva

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Der Medizinische Fakultätentag forderte zusätzliche finanzielle Mittel für die Universitätsmedizin, die die Einheit von Forschung, Lehre und Krankenversorgung erfüllt. Von der Politik gab es keine Zusagen, jedoch positive Signale.

Der Medizinische Fakultätentag kommt zur rechten Zeit nach Halle“, betonte Prof. Dr. Udo Sträter, Rektor der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, zur Eröffnung des 74. Ordentlichen Medizinischen Fakultätentags (MFT) am 30. Mai in Halle/Saale.

„Der MFT muss sich gezielt in gesundheits- und wissenschaftspolitische Diskussionen einbringen.“ Johanna Wanka, Bun­des­for­schungs­minis­terin, Fotos: Regina Sablotny
„Der MFT muss sich gezielt in gesundheits- und wissenschaftspolitische Diskussionen einbringen.“ Johanna Wanka, Bun­des­for­schungs­minis­terin, Fotos: Regina Sablotny
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Dieser Ausspruch hatte gleich doppelte Bedeutung: Zum einen kehrte der MFT zu seinem 100. Jubiläum an den Ort seiner Gründung im Januar 1913 zurück. Zum anderen fand die Tagung ausgerechnet am Ort jener medizinischen Fakultät statt, die momentan um ihren Fortbestand aufgrund von geplanten Sparmaßnahmen der Landesregierung bangen muss.

Gemeinsam setzten sich die medizinischen Fakultäten Deutschlands deshalb in einer Resolution für den Erhalt der Medizinischen Fakultät in Halle und auch in Magdeburg ein. Sie forderten, die Universitätsmedizin in Sachsen-Anhalt „zumindest auf dem aktuellen Niveau der Finanzausstattung zu erhalten und eigenständige Entwicklungskonzepte vor Ort zu ermöglichen“. Für den Erhalt der Universitätsmedizin an beiden Standorten in Sachsen-Anhalt sprechen dem MFT zufolge neben der 500-jährigen Tradition die erfolgreichen lokalen Entwicklungsprofile in Forschung, Lehre und Krankenversorgung sowie der gesellschaftliche und wirtschaftliche Mehrwert.

„In Zeiten der Gründung neuer medizinischer Fakultäten muss der Abbau von Studienplätzen – oder gar die Schließung einer ganzen Universitätsmedizin – tabu sein. Hier ist in erster Linie die Landesregierung in der Pflicht. Die Sicherstellung einer hochwertigen ärztlichen Versorgung ist aber auch eine gesamtstaatliche Aufgabe“, erklärte der MFT-Präsident, Prof. Dr. rer. nat. Heyo Kroemer, in seiner Eröffnungsrede.

Doch klare Zusagen gab es auch von Bun­des­for­schungs­minis­terin Johanna Wanka (CDU) nicht, die selbst jahrelang an der Universität Halle gelehrt hatte. „Es war richtig, dass der Bund vor einigen Jahren den Erhalt der Universitätsmedizin in Lübeck ermöglicht hat. Aber eigentlich kann es das nicht sein“, konterte Wanka und forderte den MFT auf, seine Vorstellungen von einer Wissenschaftslandschaft 2020 zu artikulieren.

„Der MFT sollte nicht reagieren, sondern für diese Zeit aktiv strategisch vordenken“, rief Wanka den Dekanen der medizinischen Fakultäten in Deutschland zu. Um die Universitätsmedizin auch künftig effektiv vertreten zu können, müsse er sich gezielt in gesundheits- und wissenschaftspolitische Diskussionen einbringen, gerade wenn es um die Fragen der künftigen Finanzierung gehe, sagte die Ministerin.

Der Medizinische Fakultätentag reagierte prompt: In einer Resolution empfehlen die Dekane, eine dritte Finanzierungssäule für die Hochschulmedizin einzuführen. „Wir brauchen die Beteiligung des Bundes“, erläuterte Kroemer diese Forderung. Angesichts der Sparzwänge der Länder sei es nicht länger möglich, dem Wettbewerb standzuhalten, während die Mittel für Forschung und Lehre für außeruniversitäre Einrichtungen kontinuierlich erhöht würden.

Die Universitätskliniken haben eine Sonderrolle

Rüdiger Strehl, Generalsekretär des Verbands der Universitätsklinika in Deutschland (VUD), verwies in diesem Zusammenhang auf die spezifischen Charakteristika der Hochschulmedizin: So bildeten die Universitätskliniken nahezu alle künftigen Ärztinnen und Ärzte aus, auch die Weiterbildung erfolge häufig an Universitätskliniken. Zusätzliche finanzielle Mittel würden ferner für Hochschulambulanzen, Innovationszentren, das Vorhalten einer leistungsfähigen Notfallversorgung und die Therapie von seltenen Erkrankungen benötigt. Erst jüngst habe ein Ranking erneut ergeben, dass die besten 30 von 100 deutschen Krankenhäusern Universitätskliniken seien. „Politisch aber bleibt das ohne Widerhall“, empörte sich der aus dem Amt scheidende VUD-Generalsekretär.

Strehl wies darauf hin, dass es in verschiedenen anderen Staaten eine gesonderte Finanzierungssäule für die Universitätsmedizin gebe, nicht jedoch in Deutschland. Stattdessen erfolge die Finanzierung der Krankenhäuser dual: Die Länder tragen die Investitionskosten, die Krankenkassen zahlen über Fallpauschalen. „Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium behandelt die Universitätskliniken wie alle anderen Krankenhäuser, und das Bun­des­for­schungs­minis­terium hält sich raus und forciert Helmholtz“, kritisierte Strehl. „Der Bund muss endlich einen Zuschlag für die Hochschulmedizin schaffen.“

„Fragen zur Zukunftsfähigkeit der Universitätsmedizin müssen gemeinsam angegangen werden. “ Heyo Kroemer, MFT-Präsident
„Fragen zur Zukunftsfähigkeit der Universitätsmedizin müssen gemeinsam angegangen werden. “ Heyo Kroemer, MFT-Präsident

Unterstützung erhielt der MFT bei diesem Anliegen von Doris Ahnen, Vorsitzende der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz. „Die Universitätsmedizin hat Spezifika, die auch bei der Finanzierung abgebildet werden müssen“, hob sie hervor. „Wir müssen einen Weg finden, der es dem Bund erlaubt, sich in die Hoch­schul­finan­zierung einzubringen.“ Bund und Ländern seien die Probleme bekannt, ebenso die Besonderheiten der universitären Medizin. Ein erster Schritt sei eine Arbeitsgruppe innerhalb der Kultusministerkonferenz, die mit den Ge­sund­heits­mi­nis­tern der Länder beraten wolle. Auch die Vorsitzende der Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz, Anita Tack, räumte vor dem Fakultätentag ein, dass die derzeitige Finanzierung unzureichend sei. „Wir brauchen eine Finanzreform, bei der die Maximalversorger besser berücksichtigt werden“, sagte sie.

In interner Sitzung diskutierten die Dekane auch die Etablierung einer „German U15“. Diese Gruppierung ist ein Verbund aus 15 großen forschungsstarken Universitäten, die fordern, Lösungen für den Fortgang der Exzellenzinitiative zu finden. Eine Resolution dazu wurde in Halle jedoch nicht verabschiedet. „Jegliche Einteilung der deutschen Universitäten in Qualitätsklassen erfordert zunächst die Bewertung von Qualität. Größe ist aber kein Merkmal von Qualität“, erklärte MFT-Generalsekretär Dr. rer. nat. Volker Hildebrandt gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Öffentliche Gelder müssten nach Qualitätsgesichtspunkten in einem offenen Wettbewerb vergeben werden.

Kritischer Blick auf private Medical Schools

Im Fokus des diesjährigen Fakultätentages standen ferner die Lehre und der Zugang zum Medizinstudium. Die Auswahl von Studienanfängern diskutierten die deutschen Dekane und Studiendekane gemeinsam mit ihren Kollegen aus Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. Dabei zeigte sich, dass der in Deutschland entwickelte Eignungstest für Mediziner inzwischen auch breite Anwendung in Österreich und in der Schweiz findet.

Tagungsort Löwengebäude in Halle: Für den Erhalt der traditionsreichen Universitätsmedizin setzte sich der MFT in einer gesonderten Resolution ein. Foto: picture alliance
Tagungsort Löwengebäude in Halle: Für den Erhalt der traditionsreichen Universitätsmedizin setzte sich der MFT in einer gesonderten Resolution ein. Foto: picture alliance

Gleichzeitig forderten die Dekane auch eine unabhängige Qualitätssicherung für neu entstehende private Medical Schools. Anlass zu dieser Debatte war ein Antrag der Medical School Hamburg auf Anerkennung als Medizinische Hochschule beim Hamburger Senat. „Der Name ‚Medical School‘ ist dabei Programm, denn es handelt sich nicht um eine Volluniversität. Die Theorie soll auf Fachhochschulniveau und die Praxis auf Lehrkrankenhausebene vermittelt werden“, erläutert Kroemer. Der MFT-Präsident befürchtet, dass ein solches Konzept zu einer Abkopplung des Medizinstudiums vom aktuellen Stand der Wissenschaften und der Forschung und damit zu einer Verschlechterung der Ausbildung führt. „Der akademische Inhalt eines solchen Antrags bedarf daher einer unabhängigen Überprüfung. Auch private Träger dürfen die hohen Auflagen der Ärzteausbildung nicht ignorieren“, betonte Kroemer. Was in Hamburg passiere, sei von grundsätzlicher Bedeutung, denn auch in anderen Ländern lägen ähnliche Anträge vor.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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