ArchivDeutsches Ärzteblatt19/1996Börsebius über Fonds: Im Visier

VARIA: Schlusspunkt

Börsebius über Fonds: Im Visier

Rombach, Reinhold

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LNSLNS An deutschen Gerichten blüht die Anlegerfreundlichkeit. Das war früher weiß Gott nicht so. Da erlebten nicht wenige Wertpapierkunden, wie gekonnt die Banken mit Geld, Sitzfleisch und geschraubten Formulierungen die Ansprüche der Geschädigten abwimmelten; ob berechtigt oder nicht, spielte oft keine Rolle.
Die Zeiten sind, wie gesagt, anders geworden. Mit zahlreichen Urteilen dokumentierten in der jüngeren Rechtsprechung die Richter, daß das Pendel nunmehr zugunsten der Anleger ausschlägt. Ist auch gut so. Aber: Die bisherigen Schadensersatzansprüche wegen fehlerhafter Anlageberatung konzentrierten sich in aller Regel auf riskante Anlageformen wie Optionsscheingeschäfte oder den Warenterminhandel. Investmentfonds waren bislang kaum betroffen. Das scheint nun anders zu werden. Ein schwäbischer Geschäftsmann, der in Rumänien Textilien produziert, probte den Aufstand gegen die Dresdner Bank Göppingen. Der dort ansässige Anlageberater habe ihm einen hochspekulativen Chinafonds aufgedrängt, ihn aber nicht über die Risiken des Deals aufgeklärt.
Und der wackere Schwabe bekam in der ersten Runde recht. Wenn er auch noch die Berufung gewinnen sollte, wäre das bereits das zweite wichtige Urteil gegen die Fondsbranche, die in Deutschland und Luxemburg immerhin die gewaltige Summe von 390 Milliarden Mark verwaltet. Bereits im März letzten Jahres verurteilte der Frankfurter Amtsrichter Klaus Dombrowski die Deutsche Bank, einem Anleger Verluste zu erstatten, obwohl es "nur" um Rentenfonds ging. Doch der Kunde hatte Order gegeben, nur sicherheitsbewußt und kurzfristig zu disponieren. Als ihm dann ein Rentenfonds ins Depot gelegt wurde, der binnen acht Monaten sechs Prozent verlor, klagte der enttäuschte Kunde – und gewann.
Sollte das Schule machen, hat die Branche durchaus Grund zur Sorge. Daran hat sie auch noch selbst schuld. Während früher die Fondsbranche (zu Recht!) damit warb, daß durch eine breite Streuung der eingesammelten Gelder das Risiko gemindert wird, so gibt es heute einen bunten Strauß von allen möglichen Fonds-Formen. Nur, von Risikostreuung kann bei denen keine Rede mehr sein.
Besonders gefährdet sind hierbei Investmentfonds, die nur in einem bestimmten Land (zum Beispiel Indien oder Tschechei) investieren oder sich auf Aktenindizes stürzen. Dort ist es keineswegs selten, daß in wenigen Monaten Verluste von 30 Prozent und mehr auflaufen. Wenn dann nicht eine vernünftige Risikobelehrung durch den Fondsverkäufer erfolgt, braucht sich die Investmentbranche bei derart hohen Verlusten nicht zu wundern, daß die Anleger auf Abhilfe sinnen und gerichtliche Hilfe suchen. So wird ein Systemfehler zum Eigentor. Börsebius
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