ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2013EU-Berufsanerkennungsrichtlinie: EU will Kurzzeitstudium legalisieren

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EU-Berufsanerkennungsrichtlinie: EU will Kurzzeitstudium legalisieren

Dtsch Arztebl 2013; 110(27-28): A-1350 / B-1186 / C-1170

Spielberg, Petra

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Die Mindeststudienzeit für angehende Ärzte soll in der Europäischen Union künftig nur noch fünf statt bisher sechs Jahre bei gleichbleibenden Unterrichtsinhalten betragen. Einige Interessenvertreter sehen dies kritisch.

Fünf statt sechs Jahre Studium sind künftig vorgeschrieben. Das könnte die deutschen Fakultäten unter Druck setzen. Foto: vario images
Fünf statt sechs Jahre Studium sind künftig vorgeschrieben. Das könnte die deutschen Fakultäten unter Druck setzen. Foto: vario images

Fünf Jahre Medizinstudium, innerhalb derer 5 500 Unterrichtsstunden zu absolvieren sind, sollen EU-weit künftig genügen, um den ärztlichen Nachwuchs auszubilden. Darauf haben sich Unterhändler von EU-Kommission, Europäischem Parlament und der 27 EU-Regierungen mit Blick auf die geplante Neufassung der EU-Berufsqualifikationsrichtlinie geeinigt. Die Vorschriften dienen der gegenseitigen Anerkennung von Berufsabschlüssen innerhalb der EU.

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Noch ist die Neuregelung zwar nicht offiziell verabschiedet, die Änderung, die eine Verkürzung der bislang vorgeschriebenen Mindestausbildungsdauer um ein Jahr und eine Klarstellung der geltenden Rechtslage bedeuten würde, gilt aber als sicher.

„Zwar heißt es in einem Nachsatz, dass das Ziel dieser Änderung nicht die Verkürzung der Ausbildungsdauer sei, doch wird damit die verkürzte Ausbildung legalisiert“, sagt Prof. Dr. rer. nat. Heyo Kroemer, Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT). Kroemer fürchtet zugleich ein Absinken des Ausbildungsniveaus.

„Ein wesentlicher Knackpunkt sind die unterschiedlichen Praxisphasen“, erläutert Dr. Volker Hildebrandt, Generalsekretär des MFT. Denn die Richtlinie lasse offen, was genau zu den Unterrichtsstunden zählt. „Bereits heute variiert die Praxisphase der Ärzteausbildung zwischen vier Monaten und zwei Jahren. In manchen Mitgliedstaaten ist sie Teil des Studiums, in anderen schließt sie sich an das Studium an“, macht Hildebrandt deutlich.

Mit einer Verkürzung der Mindestausbildungsdauer stellt die EU aus Sicht des MFT zudem marktwirtschaftliche Gründe über das Patientenwohl. Denn aufgrund der Neuregelung könnten sich künftig verstärkt private Hochschulen aus dem In- und Ausland um zahlungskräftige Studienbewerber für ein fünfjähriges Medizinstudium bemühen. Dadurch steige der Druck auf die anderen medizinischen Fakultäten, das Studium zu verkürzen.

Sechsjähriges Studium ist weiterhin möglich

„Die BÄK hat sich im Rahmen der Neufassung der Richtlinie stets und ausdrücklich für den Beibehalt von einer Mindestdauer von sechs Jahren Medizinstudium ausgesprochen. Die jetzt angestrebte Verkürzung der Mindestdauer zwingt uns zunächst nicht, die Ausbildungsdauer in Deutschland herabzusetzen. Ich erwarte aber einen gewissen Druck auf die Mitgliedstaaten, die Dauer zu verkürzen. In Deutschland sollten wir diesem Druck jedenfalls nicht nachgeben, sondern weiterhin auf die Qualität der Inhalte setzen“, mahnt Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK).

Der Verband der Universitätsklinika ist ebenfalls nicht glücklich über dem Vorschlag: „Für die ärztliche Ausbildung ist es auch entscheidend, dass Studierende während ihres Studiums genügend Zeit zur Reflexion und zur persönlichen Weiterentwicklung haben“, betont Rüdiger Strehl, Generalsekretär des Verbandes.

Bislang war es so, dass EU-Staaten, die eine Medizinerausbildung von weniger als sechs Jahren angeboten haben, wie Irland und Großbritannien, mit Sanktionen seitens der EU rechnen mussten. „Während sich die überwiegende Mehrheit der Staaten an die EU-Vorgaben hielt, sind nun die Vertragsverletzer die Gewinner“, sagt Hildebrandt.

Richtlinie soll Mobilität in Europa erhöhen

Vor wenigen Wochen hatte sich auch der 116. Deutsche Ärztetag in Hannover für den Erhalt der sechsjährigen Mindestausbildungsdauer starkgemacht. In einem Beschluss hatten die Delegierten erklärt: „Auch wenn es sich bei diesem Vorschlag um keine Muss-, sondern um eine Kann-Regelung handelt und keine deutsche Universität das Studium um ein Jahr verkürzen muss oder Universitäten anderer europäischer Länder ihr Medizinstudium um ein Jahr verlängern müssen, gibt es Befürchtungen, dass immer mehr europäische Länder in Zukunft die Mindestdauer ihres Medizinstudiums absenken werden und es zu einer stärkeren Verdichtung der ärztlichen Ausbildung kommen könnte.“ An der Quantität und Qualität der ärztlichen Ausbildung dürfe daher nicht gerüttelt werden, bekräftigten die Ärztetagsvertreter.

Unter den Medizinstudierenden scheinen die Meinungen indessen auseinanderzugehen. So hatten sich bei einer Umfrage des Hartmannbundes (HB) im Oktober 2012 mehr als 2 000 studentische Mitglieder des Verbandes gegen eine Verkürzung der Regelstudienzeit bei einer unveränderten Zahl von Unterrichtsstunden ausgesprochen. „In Brüssel werden realitätsferne Entscheidungen am Reißbrett getroffen, die die hohe Qualität unserer ärztlichen Ausbildung in Deutschland gefährden“, kommentiert Kristian Otte, Vorsitzender des Ausschusses der Medizinstudierenden im HB, die Vereinbarung zwischen den europäischen Gesetzgebungsvertretern. Am Ende stehe der „Arzt in fünf Jahren“, dessen theoretische wie praktische Ausbildung in ein Korsett gezwungen werde, das – einmal geschnürt – schwer wieder abzustreifen sei.

Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) hingegen glaubt nicht, dass sich durch die neue Direktive die Mindeststudiendauer als Regelstudienzeit durchsetzen wird. Die bvmd hofft vielmehr, dass die Neuregelung die grenzüberschreitende Mobilität und den unkomplizierten Austausch von europäischen Ärzten erleichtern wird.

Hierzu soll unter anderem die vorgesehene Einführung eines europäischen Berufsausweises dienen. Der elektronische Pass zum Nachweis der Berufsqualifikation soll eine freiwillige Alternative zum regulären Anerkennungssystem darstellen und den Informationsaustausch zwischen den zuständigen nationalen Behörden beschleunigen.

Bauchschmerzen bereitet Montgomery in dem Zusammenhang, dass die Anerkennung innerhalb bestimmter Fristen erfolgen soll. Zwar soll es der Einigung zufolge im neuen Regelungstext die Möglichkeit einer zweimaligen Fristverlängerung von jeweils zwei Wochen geben, ist innerhalb dieses Zeitraums keine Entscheidung gefallen, gilt die Berufsqualifikation aber dennoch als automatisch anerkannt. „Hier dürfen nicht die Fristen im Vordergrund stehen, sondern es muss um eine qualitativ gute Prüfung gehen“, stellt der BÄK-Präsident fest. Als weitere Neuerung sieht die EU vor, ein Warnsystem einzurichten, das beispielsweise Alarm schlagen soll, wenn ein Arzt, dem die Approbation entzogen wurde, in einem anderen Mitgliedstaat arbeiten will.

Die Vertreter der europäischen Gesetzgeber einigten sich ferner darauf, welche Zugangsvoraussetzungen künftig bei der Krankenpflegeausbildung für die gegenseitige Berufsanerkennung gelten sollen. Die EU-Kommission hatte ursprünglich zwölf Jahre Schulbildung gefordert. Dies hatte vor allem hierzulande zu einem Aufschrei unter Interessenvertretern geführt. Sie befürchteten eine dramatische Verknappung des Pflegepersonals durch Einführung eines „Pflegeabiturs“.

Pflegeausbildung bleibt nach zehn Schuljahren zugänglich

Nunmehr soll die berufsfachschulische Ausbildung nach zehn Jahren allgemeiner Schulbildung der akademischen Ausbildung nach zwölf Jahren allgemeiner Schulbildung bezogen auf die automatische Anerkennung der Berufsabschlüsse gleichgestellt werden. Somit ist die deutsche Ausbildung von Krankenpflegern europaweit anerkannt.

Die neue Berufsanerkennungsrichtlinie wird nach ihrer offiziellen Verabschiedung durch EU-Parlament und Rat voraussichtlich Anfang nächsten Jahres mit einer Umsetzungsfrist von zwei Jahren in Kraft treten.

Petra Spielberg

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