ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2013Sucht im Alter: Ärzte sind wichtige Ansprechpartner

POLITIK

Sucht im Alter: Ärzte sind wichtige Ansprechpartner

Dtsch Arztebl 2013; 110(27-28): A-1354 / B-1188 / C-1172

Wulfert, Eugenie

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Alkoholismus, Tabak- und Arzneimittelabhängigkeit sind unter Senioren verbreitet, bleiben aber oft unbemerkt. Die Zahl der Betroffenen wird vermutlich weiter steigen. Die Drogenbeauftragte sieht Ärzte in der Pflicht, Senioren besser zu beraten.

Noch ist Sucht im Alter sowohl in der Gesellschaft als auch in der Medizin ein unterschätztes Problem“ – darauf verwies die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, Mitte Juni anlässlich der von ihr veranstalteten Tagung „Unabhängig im Alter – Sucht im Alter“. Dyckmans stufte „Sucht im Alter“ als eines der großen Themen der deutschen Sucht- und Drogenpolitik in den kommenden Jahren ein. Auch, weil die Zahl der Betroffenen vermutlich weiter steigen wird, vor allem bedingt durch die demografische Entwicklung.

Die Gründe für die Abhängigkeit im Alter sind nach ihrer Darstellung vielfältig: Einige der betroffenen Senioren sind schon in jüngeren Jahren süchtig geworden und nehmen ihre Abhängigkeit mit ins Alter. Andere werden von einschneidenden Veränderungen wie Eintritt in den Ruhestand, Tod des Partners oder Umzug in ein Altersheim aus der Bahn geworfen beziehungsweise leiden unter dem Gefühl der Einsamkeit und dem eigenen Altern.

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Alkohol ist vor allem bei älteren Männern ein Problem

Ältere Männer greifen häufig zum Alkohol. Die jüngste Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland des Robert-Koch-Instituts (RKI) belegt, dass 34 Prozent der Männer im Alter von 65 bis 79 Jahren in riskanter und damit gesundheitsschädigender Weise Alkohol konsumieren. Bei gleichaltrigen Frauen sind es 18 Prozent.

Senioren sind aber auch verstärkt der Gefahr von Arzneimittelabhängigkeit ausgesetzt. Psychotrope Medikamente wie opioidhaltige Schmerzmittel, Benzodiazepine und sogenannte Z-Drugs werden der RKI-Studie zufolge von fünf Prozent der Frauen und drei Prozent der Männer konsumiert. Bei Frauen ab 60 Jahre steigt der Anteil der Konsumentinnen auf zwölf Prozent. Insgesamt geht man in Deutschland nach Angaben der Drogenbeauftragten von 1,4 bis 1,9 Millionen Menschen mit einer Arzneimittelabhängigkeit aus; ein großer Teil davon sollen ältere sein.

„Medikamente wie Schmerz-, aber auch Schlaf- und Beruhigungsmittel, besonders Benzodiazepine, werden oft zu schnell oder viel zu lange verabreicht, ohne dass eine Überprüfung der Notwendigkeit stattfindet“, bemängelte Dr. med. Dirk Wolter, Chefarzt des Fachbereiches Gerontopsychiatrie des Krankenhauses im dänischen Haderslev. Er kritisierte, dass auch Fachleute die Langzeitwirkung derartiger Arzneimittel unterschätzten. Medikamente würden im Körper älterer Menschen mit einer doppelt so langen Halbwertzeit wie bei jüngeren abgebaut, dann sei oft bereits die nächste Tablette genommen. Dies könne zu einer schleichenden Intoxikation führen. Selbst mehrere Wochen nach Absetzen der Medikation könnten Wachheit und kognitive Leistungsfähigkeit noch beeinträchtigt sein.

Er warnte, dass häufig jedoch die mit Alkohol- und Arzneimittelabhängigkeit verbundenen Stürze, Depressionen und Verwirrtheitszustände dem hohen Lebensalter zugeschrieben oder mit Symptomen alterstypischer Erkrankungen verwechselt würden. Das eigentliche Problem bleibe so unentdeckt.

Dyckmans: Auch das Pflegepersonal schulen

Die Drogenbeauftragte sieht deshalb in erster Linie Ärzte und Apotheker in der Pflicht, ältere Menschen anzusprechen und aufzuklären: „Gerade Ärzte werden gerne und häufig von Senioren aufgesucht. Die Chance, ältere Menschen tatsächlich zu erreichen, ist in einer Praxis besonders groß.“ Vor allem bei Arzneimitteln tragen Ärztinnen und Ärzte aus der Sicht von Dyckmans eine große Verantwortung. Sie müssten bereits bei der ersten Verschreibung deren Risiken und Nebenwirkungen aufzeigen und nicht nur auf den Beipackzettel verweisen.

Zugleich stelle die Versorgung von alten Menschen mit riskanten Drogenkonsummustern auch das Pflegepersonal vor besondere Herausforderungen, sagte Dyckmans. Ärzte und Pflegepersonal müssten für die besondere Problematik sensibilisiert und geschult werden, forderte sie. Gleichzeitig müssten Alten- und Suchthilfe enger zusammenarbeiten als bisher. Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium hat einen Förderschwerpunkt Sucht im Alter aufgelegt, um Ausbildung der Fachkräfte und Vernetzung der Arbeitsfelder voranzutreiben.

Eugenie Wulfert

PROBLEMATISCHE OPIOIDE

Bei der Jahrestagung der Drogenbeauftragten zum Thema „Sucht im Alter“ verwies einer der Referenten, Dr. med. Dirk Wolter, auf eine Veröffentlichung im Deutschen Ärzteblatt (DÄ, Heft 4/2013): Nach einer Analyse der AOK Hessen und der dortigen Kassenärztlichen Vereinigung auf Basis einer Versichertenstichprobe stieg die Zahl der Versicherten mit mindestens einer Opioidverordnung von 2000 bis 2010 von 3,3 auf 4,5 Prozent (+37 Prozent). Opioide wurden dabei überwiegend bei Nichttumorschmerz verordnet (2010: bei 77 Prozent der Opioidempfänger).

Die Studienautoren bezeichneten diesen Trend als problematisch, da der Nutzen der Therapie bei Nichttumorschmerzpatienten kontrovers beurteilt werde. Auch hatte der Anteil der Langzeitbehandlungen bei diesen in den letzten elf Jahren deutlich zugenommen. Artikel, Literaturhinweise und Leserbriefe: www.aerzteblatt.de/archiv/134113

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