ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2013Als Regionalarzt in Neu Delhi: Kollege Meyer ist ständig auf Achse

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Als Regionalarzt in Neu Delhi: Kollege Meyer ist ständig auf Achse

Dtsch Arztebl 2013; 110(27-28): A-1397 / B-1225 / C-1209

Kubisch, Bernd

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Lutz-Michael Meyer arbeitet für den Gesundheitsdienst des Auswärtigen Amtes. Sein Einsatzgebiet umfasst Länder in Südasien und im Mittleren Osten.

Fotos: privat
Fotos: privat

Wenn Dr. med. Lutz-Michael Meyer erklärt, wo er arbeitet, braucht er eine große Landkarte. „Hier, dort, auch in Afghanistan, im Iran, Pakistan und Sri Lanka“, sagt der Arzt in seiner Praxis in Neu Delhi. Dabei zieht er mit seinem Finger auf der Weltkarte einen großen Kreis. Im Zentrum liegt Indien. Der Schwabe zählt ein knappes Dutzend Länder auf, die zu seiner Regionalarztstelle für Südasien und den Mittleren Osten gehören. Meyer arbeitet für das Auswärtige Amt. Büro und Praxis des gebürtigen Stuttgarters befinden sich in der Deutschen Botschaft. Die Wohnung von Meyer und seiner Frau Hildegard ist ganz in der Nähe. Doch fast jeden Monat sitzen sie auf gepackten Koffern. „Ich bin froh, wenn ich meinen Mann begleiten und unterstützen kann“, sagt die gelernte Krankenschwester. „Wenn wir zusammen reisen, hat das viele Vorteile bei dienstlichen und bei gesellschaftlichen Terminen“, ergänzt er.

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In seiner Praxis in Neu Delhi hat Meyer alles, was ein Arzt braucht, inklusive eines kleinen, aber feinen Labors. Unterstützt wird er von einer medizinisch-technischen Assistentin, die neben der Laborarbeit auch die Büroleitung wahrnimmt.

Die Versorgung von Patienten aus Deutschland und der Europäischen Union „ist eine wichtige Aufgabe, aber eher eine Nebentätigkeit für mich“, erläutert Meyer. Im Vordergrund stehen die medizinische Beratung und Betreuung der Mitarbeiter der Deutschen Botschaft und von vier Konsulaten in Indien sowie den deutschen Vertretungen in der Region. Besonders wichtig für alle deutschen Regionalärzte weltweit „ist der Aufbau unserer Netzwerke“, sagt der Schwabe. Damit meint er gute Kontakte zu einheimischen Kliniken, Ärzten, Laboren und Gesundheitsbehörden. Meyer unterstützt zum Beispiel die Konsularbeamten beim Unfall eines Mitarbeiters im weit entfernten Goa oder in Kalkutta und prüft, wo ein passendes Krankenhaus ist und wohin der Patient eventuell verlegt werden muss.

Studiert hat Meyer in Freiburg, Straßburg und London. Er ist Facharzt für Allgemeinmedizin und für Kinderheilkunde, kennt sich in Notfallmedizin sehr gut aus und hat unter anderem das Diploma of Tropical Medicine and Hygiene des Royal College of Physicians of London.

Die Praxis ist nun leer. Der 51-Jährige erledigt noch Anrufe nach Berlin und Mumbai. Dann hat er etwas Zeit, um mit seinem Gast zu plaudern, bevor er am Abend mit seiner Frau in den Oman fliegt. Er erzählt schmunzelnd: „Zu Beginn meines Lebens habe ich im Brutkasten gewohnt, ich war eine Frühgeburt. 1961 war das noch aufregender als heute.“ Die Grundschule besuchte er in Cannstatt, das Gymnasium in Heilbronn. „Mein Vater war Arbeitsrichter. Daher kommt vielleicht das soziale Interesse für meinen Beruf.“ Später entdeckte er sein Interesse für Erreger und Parasiten. Berufserfahrung habe er auch „unter einfachen Bedingungen“ sammeln können – „im Rahmen meiner Dissertation in Malawi, am LBJ Tropical Medical Center in American Samoa und für den Indian Health Service in Indianerreservaten in Arizona“.

Im Juni 2009 startete Meyer seine Tätigkeit als Arzt für den Gesundheitsdienst des Auswärtigen Amtes in Berlin. Seit August 2010 arbeitet er als Regionalarzt. Das Telefon klingelt. Meyer lässt sich aus einer Klinik über den Zustand einer Patientin informieren. „Ich hatte sie wegen Komplikationen während ihrer Schwangerschaft untersucht.“

Gute Kontakte sind für den Regionalarzt gerade bei Epidemien und Katastrophen wichtig.

Beispiel Vogelgrippe: In Nepal wurden im Dezember 2011 vorsorglich einige Tausend Hühner getötet, um die Vogelgrippeepidemie zu stoppen. Fälle bei Menschen waren keine bekanntgeworden. „Ich musste schnell die mögliche Gesundheitsgefahr für Touristen analysieren“, berichtet Meyer. Er ist es auch, der den medizinischen Teil der Reisehinweise des Auswärtigen Amtes für seine Region aktualisiert.

Beispiel Naturkatastrophen: Bei dem schweren Tsunami zum Jahreswechsel 2004/2005 war der damalige Regionalarzt, Dr. med. Wolfgang Benkel, mit seiner Frau, die auch Ärztin ist, in Sri Lanka im Einsatz. Er schrieb damals: „Die meisten Patienten hatten tiefe, nekrotisierende Wunden, die bei der raschen Ausdehnung der Infektionen zum Teil nur unter Vollnarkose gereinigt werden konnten. Einige hatten auch sehr komplizierte Frakturen.“ Ein Regionalarzt muss schnell über die Notwendigkeit von Notfallflügen nach Deutschland entscheiden.

Der Doktor sei bei Patienten und Kollegen beliebt, auch weil er „down to earth“ sei, sagt ein indischer Mitarbeiter der Botschaft in Neu Delhi. Ersthelferin Preeti Sharma erzählt: „Viele von uns nennen Dr. Meyer den Health Wallah.“ Der Health Wallah kümmert sich um Gesundheit, der Tea Wallah ums Teekochen, der Dobi Wallah ums Wäschewaschen. Es gibt unzählige Wallahs in Indien. Und was vermissen die Meyers? „Neu Delhi ist laut und stickig. Wir sehnen uns manchmal nach Ruhe, Natur, Wald und Bergen“, sagt Ehefrau Hildegard. Er bedauert: „Hier in der Metropole können wir weder wandern noch radeln.“ Und seine Kinder sieht das Paar nur bei Besuchen.

Bernd Kubisch

@Kontakt: info@new-delhi.diplo.de

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