ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2013Interview mit Prof. Dr. med. Volker Hess, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Berlin: „Unabhängige Forschung ist gewährleistet“

THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Prof. Dr. med. Volker Hess, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Berlin: „Unabhängige Forschung ist gewährleistet“

Dtsch Arztebl 2013; 110(27-28): A-1360 / B-1193 / C-1177

Gerst, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Volker Hess, Leiter des Instituts für Geschichte und Ethik in der Medizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin, will mit den Forschungen zur Versachlichung der öffentlichen Diskussion beitragen. Foto: Institut für Geschichte der Medizin, Charité Berlin
Volker Hess, Leiter des Instituts für Geschichte und Ethik in der Medizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin, will mit den Forschungen zur Versachlichung der öffentlichen Diskussion beitragen. Foto: Institut für Geschichte der Medizin, Charité Berlin

Die Bundes­ärzte­kammer und einige Lan­des­ärz­te­kam­mern beteiligen sich an den Kosten eines Forschungsprojekts, das sich mit Arzneimittelstudien in der DDR im Auftrag von Westfirmen befasst.

Kaum ist das Thema „Arzneimitteltests in der DDR“ in der öffentlichen Diskussion, gibt es dazu ein Forschungsprojekt. Das ist ungewöhnlich schnell.

Anzeige

Hess: Das Bundesministerium des Innern (BMI) und mein Institut sind seit Februar im Gespräch, wie das Thema wissenschaftlich bearbeitet werden könnte. Ich beschäftige mich damit ja schon seit mehreren Jahren. Die Nachfrage des Ministeriums, ob wir uns hier engagieren möchten, habe ich gerne aufgegriffen. Die öffentliche Debatte, die sich kürzlich entwickelte, war dann Rückenwind auf der Zielgeraden.

Wie hoch werden die Kosten für das bis Ende 2015 laufende Forschungsprojekt sein?

Hess: Es wird eine Stelle für eine Doktorandin und eine halbe Stelle für einen ärztlichen Wissenschaftler geben. Für das Projekt stehen insgesamt 315 000 Euro zur Verfügung, von denen das BMI rund 70 Prozent trägt. Die anderen Zuwender sind die Bundesstiftung Aufarbeitung, die deutsche Ärzteschaft in Form der Bundes­ärzte­kammer und einiger Lan­des­ärz­te­kam­mern sowie die pharmazeutische Industrie, vertreten durch die beiden Verbände VfA und BPI.

Wie sind die Geldgeber in das Forschungsprojekt eingebunden?

Hess: Sie sind in einen technischen Begleitausschuss eingebunden, der die Durchführung des Projekts unterstützt und die politische Vernetzung sicherstellen soll. Eine unabhängige Forschung ist gewährleistet – ein wissenschaftlicher Beirat wird den Fortgang der Forschung kritisch verfolgen.

Können Sie erklären, wieso das Thema jetzt noch einmal eine solche öffentliche Aufmerksamkeit erfährt?

Hess: Auch ich habe dies mit Staunen verfolgt. Erklären kann ich mir das nicht. Die erste Beschäftigung mit diesem Thema zu Anfang der 1990er Jahre war noch von der Frage geleitet, ob dort Experimente an Menschen durchgeführt wurden. Das konnte damals ganz klar mit Nein beantwortet werden. Heute sind die Fragestellungen andere, wie etwa: Gehört es sich, mit einem diktatorischen Regime solche Geschäfte zu machen? Was bedeutet es für die klinische Forschung, wenn sie gleichzeitig der Devisenbeschaffung dient? Welches Interesse hatten die Westfirmen, diese Studien in der DDR durchzuführen?

Womit soll konkret begonnen werden?

Hess: Ziel ist es, bis Ende dieses Jahres einen möglichst vollständigen Überblick zu gewinnen, welche Versuche wann, wo und womit durchgeführt wurden. Diese Informationen findet man im Bundesarchiv. Es gibt dort zum Teil die kompletten Studienunterlagen, zum Teil liegen nur Unterlagen über die Vertragsverhandlungen vor. Man muss nachforschen, wo sonst noch Unterlagen über die Durchführung der Studien aufbewahrt werden. Bis zum Herbst soll ein Fragebogen entwickelt und online gestellt werden, der Betroffenen eine Meldung ermöglicht. Zudem soll eine erste Runde mit Zeitzeugen – Betroffenen, Ärzten, Studienleitern, Vertretern von Westfirmen et cetera – stattfinden. Ende des Jahres werden wir einen ersten Überblick haben. Im nächsten Jahr werden auf der Grundlage einer Typologisierung der DDR-Arzneimitteltests exemplarische Fallstudien durchgeführt.

Inwieweit können Sie auf Krankenakten zugreifen?

Hess: Auch hier ist die Zusammenarbeit mit Betroffenen, die ihre Einwilligung zur Akteneinsicht geben, wichtig. Die Aufbewahrungsfrist für die Krankenakten beträgt 30 Jahre. Es gibt die Bitte des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums an die Krankenhäuser, die begonnene Vernichtung der Akten aus den 1980er Jahren auszusetzen.

Wie sollen die Forschungsergebnisse präsentiert werden?

Hess: Es werden öffentliche Begleitveranstaltungen stattfinden, auch eine Abschlusskonferenz; es wird eine schriftliche Dokumentation und wissenschaftliche Begleitveröffentlichungen in Form von Aufsätzen geben.

Das Interview führte Thomas Gerst.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Interviews