VARIA: Post scriptum

Gemach, gemach

Pfleger, Helmut

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LNSLNS Gerade sitze ich in einer Dorfgaststätte bei Bamberg, per se eine prächtige Quelle tiefschürfender Einfälle (bei Zweifeln fragen Sie E. T. A. Hoffmann), und denke an mir bekannte Bamberger Schachmeister. Da ist beispielsweise Prof. Dr. Peter Krauseneck, Chef der Neurologie allhier, mit der Angewohnheit, bei entsprechenden Anlässen zu spät zu kommen. Bei Prof. Krauseneck liegt das in einer aparten Mischung seines Charakters begründet: einer Koexistenz von Trödeln und Hektik zugleich. Ein Übungsfeld par excellence dieser nur scheinbar sich widersprechenden Tendenzen war einmal mehr die kürzliche deutsche Ärztemeisterschaft. Da kann man ohnehin schon (viel zu) spät dran sein, die eigene Schachuhr im noch fernen Spielsaal bereits unerbittlich ticken, so wird sich doch noch auf dem Weg ein Schreibgerät zum Notieren der Partie gekauft. Feuerwehrautos rasen mit lautem Geheul vorbei, Kommentar Krauseneck: "Die Bretter stehen bereits in Flammen", doch sein Schritt beschleunigt sich nicht.
Genug der Trödelphase – springen wir mitten hinein ins hektische (Schach-)Leben, in dem selbst Nervenzellen eines Neurologen schon einmal besonders gefordert sind (was natürlich keineswegs heißen soll, daß dies im normalen beruflichen Alltag nicht auch vorkommen könnte).
Diese Stellung hatte Krauseneck in der letzten Samstagsrunde als Schwarzer am Zug gegen Dr. Hartmann: beide in Zeitnot, beide hektisch – der Sportmediziner spricht von Eustreß. Der schwarze Vorteil ist offensichtlich, doch der letzte weiße Zug Lxg4 beinhaltet eine Falle: Bei Nehmen des Läufers mit 1. ... fxg4 wäre es patt, also remis, weil Weiß mit keiner Figur ziehen könnte, ohne daß sein König im Schach stünde. Mit welcher Kombination gewann Schwarz dennoch?


Lösung:
Es kam der kräftige Bauernvorstoß 1. ... f4! Nun verlöre 2. gxf4 Lxg4 mit Verwandlung des schwarzen dBauern sofort, also mußte Weiß das schwarze Läuferopfer annehmen: 2. Lxd7. Doch nun 2. ... fxg3 mit der Drohung g3-g2-g1D. Also folgte 3. Lc6, aber jetzt bekam auch der schwarze d-Bauer Beine: 3. ... d2. Es gab nur eins: 4. Lf3. Beide bösen Buben sind vorerst gestoppt, indes ist der arme Läufer überfordert. Nach 4. ... g2 mußte er mit 5. Lxg2 wohl oder übel zugreifen, damit aber den d-Bauern sich in eine neue Dame verwandeln lassen: 5. ... d1D. Ironie des Schicksals: Wenn Weiß jetzt den Läufer nicht mehr hätte, wäre es wieder patt. So aber hieß das Ergebnis 0:1, und es durfte am Ende eines langen, aufreibenden Samstags wieder getrödelt werden.

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