ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2013Ambulante Versorgung psychisch Kranker: „Frustrierte Psychiater machen Richtlinien-Psychotherapie“

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Ambulante Versorgung psychisch Kranker: „Frustrierte Psychiater machen Richtlinien-Psychotherapie“

PP 12, Ausgabe Juli 2013, Seite 295

Bühring, Petra

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Viel Geld für leicht Kranke – wenig Geld für schwer Kranke? Fachgruppen gegen-einander auszuspielen, ist angesichts der zunehmenden Versorgungsengpässe für psychisch Kranke nicht sinnvoll. Die Probleme sind komplexer.

Diese Grabenkriege zwischen Psychiatern, Psychosomatikern, ärztlichen und Psychologischen Psychotherapeuten schaden uns“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Köhler, und wurde damit zum integrierenden Teilnehmer einer Podiumsdiskussion auf dem Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit Anfang Juni in Berlin. „Alle haben ihren Platz – die Anbieterstruktur ist gut“, erklärte Köhler. Die Nachfrage nach Behandlung im „Psych“-
Bereich werde in Zukunft noch weiter steigen. „Die Gesellschaft will das, und wir müssen dass sicherstellen – ohne Streit.“

Unter der Fragestellung „Viel Geld für leicht Kranke – wenig Geld für schwer Kranke?“ schaukelte Dr. phil. Heiner Melchinger zunächst die Emotionen im Publikum hoch. Der Psychiater aus Hannover wetterte gegen „Psychotherapie wegen ,Befindlichkeitsstörungen‘“. Behandelt würden diese „leicht Kranken“ von Psychotherapeuten. Auf der Strecke blieben schwer psychisch Kranke und ältere Menschen, die von Psychiatern versorgt werden müssten.

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Vorwurf der Polemik

Melchinger zufolge müsse ein Psych-iater für 4 000 Euro 25 schwer Kranke über ein Jahr behandeln, während ein Psychotherapeut für denselben Betrag einem Patienten 50 Stunden Richtlinien-Psychotherapie zukommen lasse.

„Das ist eine Polemik sondergleichen“, meldete sich Dr. med. Norbert Bowe, Kirchzarten, zu Wort. Zu behaupten, die Psychotherapeuten würde nur leichte Störungen behandeln, sei falsch: „Es gibt viele Studien, die belegen, dass Psychotherapeuten mittelschwere bis schwere Störungen behandeln“, sagte der Vorstandsreferent des Bundesverbandes der Vertragspsychotherapeuten e.V. Zuletzt hat die Langzeitstudie der Techniker-Krankenkasse (2011) gezeigt, dass Patienten in der ambulanten Psychotherapie unter vergleichbar schweren psychischen Belastungen und Einschränkungen leiden wie stationär Behandelte.

„Immer mehr frustrierte Psychiater lassen sich deshalb als ärztliche Psychotherapeuten nieder“, erklärte Melchinger gleichwohl und erhielt Unterstützung von Dr. med. Frank Bergmann, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte. „Wirtschaftliche Gründe“ seien verantwortlich dafür, dass immer mehr Psychiater sich für die Richtlinien-Psychotherapie entschieden: 2011 sind bundesweit nach Angaben der KBV 45 Prozent der Psychiater in die Gruppe der ärztlichen Psychotherapeuten gewechselt. Bowe hielt dagegen: Psychiater würden nicht aus finanziellen Gründen wechseln; im Gegenteil, der Praxisumsatz sinke, sobald ein Psychiater Psychotherapie betreibe.

Pauschalen von 40 bis 60 Euro pro Patient und Quartal in der ambulanten psychiatrischen Versorgung seien viel zu wenig, sagte Bergmann. „Die Psychiatrie steckt in einer Sackgasse.“ Doch statt die Verantwortung für die Honorarmisere den Psychotherapeuten zuzuscheiben, setzt Bergmann auf „Kooperation der Berufsgruppen“. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Prof. Dr. med. Wolfgang Maier, wünschte sich „eine Balance zwischen den Fachgruppen“, auch in Bezug auf die Honorierung: Es gehe nicht an, auf der einen Seite pauschaliert und auf der anderen einzelne Leistungen zu vergüten. Maier übte auch Kritik an der Richtlinien-Psychotherapie: „Es gibt nichts Evidenzfremderes, 40 Stunden oder mehr braucht keiner.“

Mehr Koordination notwendig

„Psychiater sind die am schlechtesten bezahlte Arztgruppe, die Leistungen sind nicht kostendeckend“, bestätigte Köhler. Das müsse geändert werden. Aber Psychotherapeuten verdienten auch nicht besser. Köhler sieht grundsätzlich Bedarf an Versorgungsforschung im „Psych“-Bereich: „Das ist für uns eine Terra incognita.“ Auch der Übergang der Patienten vom stationären in den ambulanten Bereich sei „ganz willkürlich, ohne Koordination“. „Wir brauchen hier intersektorelle Strukturen“, forderte der KBV-Vorstandsvorsitzende.

„Wir müssen steuern, denn wenn wir es nicht tun, tun es die Kassen“, meinte Dr. med. Iris Hauth von der DGPPN abschließend. Sie verwies auf die Idee des Verbandes der Ersatzkassen, „intelligente Koordinierungsstellen“ einzuführen, die psychisch kranke Versicherte an den richtigen Experten, der dann auch freie Plätze hat, bringen sollen. „Psychisch geschulte Fachleute“ sollten dort sitzen. Alle Berufsverbände der „Psych“-Fachgruppen haben sich dagegen ausgesprochen – ganz einvernehmlich.

Petra Bühring

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