ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2013Psychotherapeutische Versorgung: Psycho-Plus für Ostdeutschland

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Psychotherapeutische Versorgung: Psycho-Plus für Ostdeutschland

PP 12, Ausgabe Juli 2013, Seite 296

Jachertz, Norbert

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Die neue Bedarfsplanungs-Richtlinie begünstigt den ländlichen Raum. Die Mindestquotenregelung für ärztliche Psychotherapeuten wird aufgeweicht. Die Wartezeiten bleiben dennoch lang.

Die neue Bedarfsplanung des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) ab 1. Juli 2013 führt rein rechnerisch zu etwa 1 300 neuen Praxissitzen für Psychologische Psychotherapeuten, ärztliche Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, davon 630 in Ostdeutschland. Der Osten profitiert somit überdurchschnittlich. Das liegt im wesentlichen an dem neuen Raumordnungskonzept.

Es begünstigt die ländlichen Planungsbereiche. Denn hier steigt die Verhältniszahl von „Psychotherapiesitzen“ auf 100 000 Einwohner von 4,3 auf 16,8. In Großstädten sinkt sie hingegen von 38,8 auf 32,5. Wenn demnach in rechnerisch überversorgten Großstädten Sitze frei werden, etwa wegen Alters oder Krankheit, müssen die Zulassungsausschüsse prüfen, ob sie nachbesetzt oder aufgegeben werden. Auf dem Land hingegen könnte sich die Versorgungslage entspannen.

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Nach Angaben der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK) bleiben aber die Planungsbereiche auf dem Land dennoch unterversorgt. Die Kammer organisiert die 3 200 „nichtärztlichen“ Psychotherapeuten in den fünf Flächenländern Ostdeutschlands. Auf einer Pressekonferenz am 18. Juni in Leipzig anerkannte Kammerpräsidentin Andrea Mrazek zwar die Verbesserungen der Bedarfsplanung, bemängelte jedoch, dass die Verhältniszahlen nach wie vor nicht den tatsächlichen Versorgungsbedarf berücksichtigten. Ein Indiz seien die langen Wartezeiten. Auf ein Erstgespräch wartete man im Bundesdurchschnitt drei Monate, in Ostdeutschland fast fünf („Wartezeitenstudie“ der Bundes­psycho­therapeuten­kammer, 2011). Abzuwarten bleibt freilich, wie sich die zusätzlichen Sitze auswirken werden. Die Psychotherapeutin Dr. phil. Sabine Ahrens-Eipper nannte für ihre Praxis eine aktuelle Wartezeit von vier Monaten bis zu einem Jahr. Ahrens-Eipper praktiziert in Halle/Sachsen-Anhalt, einer rechnerisch mit 110 Prozent gut versorgten Stadt. In ländlichen Gebieten dieses Bundeslandes warten Patienten nach Angaben der OPK fast 21 Wochen auf den ersten Termin.

Für verfehlt hält Kammerpräsidentin Mrazek vor allem die Gewichtung des Demografiefaktors bei der neuen Planung. Die Bedarfsplanung beruht auf älteren Inanspruchnahmedaten. Sie gehe davon aus, dass der Behandlungsbedarf alter Menschen in der Psychotherapie geringer sei als der jüngerer, während man in der somatischen Medizin einen höheren Behandlungsbedarf annehme. Das liege unter anderem daran, dass es auf dem Land lange nicht üblich gewesen sei, psychotherapeutische Hilfe nachzufragen.

Mit der „Ärzte-Quote“, die das Psychotherapeutengesetz von 1999 vorschreibt, tun sich die Psychologischen Psychotherapeuten seit jeher schwer. Anfangs waren 40 Prozent aller Praxissitze für ärztliche Psychotherapeuten reserviert, derzeit sind es 25 Prozent. Auch von Ärzten nicht besetzte Praxissitze werden in der Bedarfsplanung behandelt, als seien sie besetzt. Das führt dazu, dass die tatsächliche Versorgung vielfach unter der rechnerischen liegt. Die Zahlen der OPK lassen erhebliche Disparitäten erkennen. Nach einer vom Deutschen Bundestag im Juni dieses Jahres verabschiedeten Gesetzesänderung können ab 2014 jedoch nicht besetzte ärztliche „Sitze“ an Psychologische Psychotherapeuten vergeben werden, wenn der Versorgungsgrad im Planungsbereich 110 Prozent nicht übersteigt. Kammerpräsidentin Mrazek kommentierte mit gewissem Stolz: Die Öffnung sei wesentlich dem Betreiben der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer zu verdanken. Auf die Dauer, so Mrazek auf Nachfrage, strebe sie an, die Ärztequote gänzlich zu beseitigen. Sie sehe nicht ein, dass Berufsgruppen, die das gleiche Versorgungsspektrum auf gleiche Weise abdeckten, unterschiedlich behandelt würden.

Von den gemäß der neuen Bedarfsplanung für Ärzte reservierten zusätzlichen Sitzen dürfte ein guter Teil nicht besetzt werden können. Hinzu kommen die bisher schon nicht besetzten ärztlichen Sitze. Zusammengenommen würden, wenn die OPK-Rechnung aufgeht, ab 1. Januar 2014 etwa 200 Sitze transferiert werden können.

Die Gretchenfrage zum Schluss: Können die zusätzlichen Praxissitze denn auch besetzt werden? „Wir können auf jeden Fall den Bedarf decken“, versichert OPK-Vorstandsmitglied Dietmar Schröder, Dipl.-Psych. (Lübben), und verwies auf die hohen Absolventenzahlen, derzeit 2 200 bundesweit. Angesprochen auf die unterversorgten, weniger beliebten Landstriche, ergänzte er: Mittelfristig könnten die Sitze besetzt werden, auch die ländlichen.

Norbert Jachertz

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